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Großer Ärger im Eishockey : „Die Spieler sind geschockt und ratlos“

  • -Aktualisiert am

In der Zwickmühle: Manchen Eishockeyprofi plagen derzeit Zukunftsängste. Bild: Imago

Das plötzliche Saison-Aus wegen der Corona-Krise trifft die Eishockeyprofis in Deutschland hart. Vor allem jene, die bald ohne Vertrag dastehen. Dann bleibt nur eine Möglichkeit. Die aber freut längst nicht jeden – im Gegenteil.

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          Donald Trump hat bislang nicht den Eindruck hinterlassen, ein Eishockey-Fanatiker zu sein. Nun gut: Als sich jüngst das „Miracle On Ice“ zum 40. Mal jährte, hat der Präsident der Vereinigten Staaten die Überraschungs-Olympiasieger von 1980 mit seinen roten Kappen ausgestattet und auf eine Wahlkampfbühne gestellt. Was den Spielern Kritik einbrachte – und den Scherz, nun hätten sie Jahrzehnte später doch noch gegen die Russen verloren. Doch ansonsten war Trumps Einfluss auf das Eishockey überschaubar.

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          Das änderte sich vergangene Woche. Als Trump verkündete, wegen des Coronavirus bald keine Menschen aus Europa mehr ins Land zu lassen, herrschte Hektik unter den mehr als 100 Nordamerikanern in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), da hatten sie „Angst, nicht mehr in ihr Heimatland zu kommen, da kam Stress rein, um nicht zu sagen Panik“, erzählte Niki Mondt, der Manager der Düsseldorfer EG. Noch in derselben Nacht buchten die Spieler Flüge und packten ihre Sachen. Da verzichteten die Vereine darauf, die gestellten Wohnungen und Autos gründlich zu inspizieren, auch die Saisonabschlussgespräche wurden auf ein Minimum reduziert.

          Millionen könnten fehlen

          Das sorgt bei einigen Spielern nun für Zukunftsangst. Längst nicht jeder hat einen Vertrag über das Saisonende hinaus, und über eine eventuelle Verlängerung konnte kaum gesprochen werden. Hinzu kommt ein Problem, das auch europäische Spieler ohne Anschlussvertrag haben: Sie konnten die Playoffs nicht für Werbung in eigener Sache nutzen, weil die DEL die Saison wegen der Verbote für Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern abbrach. Eishockeyklubs verdienten „60 bis 70 Prozent“ ihres Etats durch die Zuschauer am Spieltag, rechnete Ligachef Gernot Tripcke vor, der von einer „wirtschaftlichen Katastrophe“ sprach.

          Es fehlen ja nicht nur die Einnahmen aus den Play-offs, über die Emotionen des Titelkampfs sollten auch neue Sponsoren für die nächste Saison gewonnen werden. Doch nun weiß niemand, ob ein ebenfalls leidendes Unternehmen nach der Corona-Krise noch Geld für Eishockey übrig hat. Zudem steigt der Liga-Hauptsponsor aus, die Beiträge der Berufsgenossenschaft steigen. Manch einem DEL-Klub könnte nächste Saison eine Million Euro fehlen – mehr als zehn Prozent seines Gesamtetats. Tripcke konnte nicht mal ausschließen, dass es bei einigen um die Existenz geht und forderte Staatshilfen.

          Leidtragende werden vor allem die Spieler sein. Der Durchschnittslohn in der DEL liegt laut Branchenkennern bei 60 000 bis 70 000 Euro netto im Jahr, bei kleineren Vereinen sollen selbst Spitzenspieler für nur 30 000 bis 40 000 Euro aufs Eis gehen. Da ist es schwierig, das Festgeldkonto nachhaltig zu füllen. Aktuell sind sie noch bis 30. April angestellt, und sie werden trotz des Abbruchs bezahlt, sagen Vereinsvertreter. „Ich habe aber von einem Klub gehört, dass er die Verträge jetzt auflöst. Die Spieler kriegen eine Abfindung, damit die keinen Nachteil daraus haben, der Verein spart die Sozialabgaben“, sagt Klaus Hille und geht davon aus, dass das bald mehrere Klubs so handhaben werden. Hille ist einer der einflussreichsten Spielerberater in der Branche, rund 40 DEL-Profis stehen bei ihm unter Vertrag, darunter Nationalspieler. „Geschockt und ratlos“ seien seine Klienten ob des plötzlichen Saisonendes, sagt Hille. Vor allem die, die bald ohne Vertrag dastehen. Dann bleibt nur der Gang zum Arbeitsamt.

          Früher war der im Sommer Standard. Zahlreiche Eishockeyprofis waren in Deutschland nur für neun Monate angestellt – auch wenn sie offiziell längerfristige Verträge hatten. Da ließen sich selbst Großverdiener in der spielfreien Zeit vom Staat aushalten. Heute gibt es Neunmonatsverträge fast nur für ausländische Spieler, weil sie den Sommer in der Heimat verbringen. Doch durch Corona könnten auch deutsche Spieler Probleme bekommen: Wenn ihr Vertrag zum 30. April ausläuft und sie nicht schon einen neuen ab 1. Mai unterschrieben hatten, werden sie warten müssen. Berater Hille habe bereits einen Spieler bei einem Verein untergebracht, der eine Sonderklausel in den neuen Vertrag schrieb: Kann im September noch nicht wieder gespielt werden, gilt das Arbeitsverhältnis auch noch nicht.

          „Können wir überhaupt bezahlen?“

          Weitere Einbußen gibt es durch die fehlenden Prämien. Für das Erreichen der Playoffs würden die eigentlich bei zehn der 14 Vereine fällig. „Die Frage ist aber: Können wir die überhaupt bezahlen“, sagt Stefan Adam, der Geschäftsführer der Düsseldorfer EG. Man habe die Prämien ja „für bestimmte Ziele ausgelobt, weil man weiß, dass normalerweise ein Erlös dagegensteht, der diese Dinge deckt.“ Nun fehlt der Erlös aber, auch mancher Sponsorenvertrag ist an die Anzahl der Spiele gekoppelt. Wovon sollen die Prämien also gezahlt werden?

          Ligachef Tripcke erwartet darüber Diskussionen, kann sich aber nicht vorstellen, dass der Streit eskaliert: „Der Spieler hat ja auch kein Interesse daran, dass der Klub vor die Wand fährt.“ In der Schweiz, wo die Saison ebenfalls abgebrochen wurde, haben einige Mannschaften signalisiert, auf Prämien zu verzichten. Auch in Deutschland könnte es so kommen: „Angesichts der finanziellen Einbußen, die der Verein jetzt verkraften muss, ist es schon möglich, dass diese Gelder nun nicht ausgezahlt werden können. Aber für uns Spieler ist das aktuell nicht der primäre Gedanke“, sagt der Düsseldorfer Nationaltorwart Mathias Niederberger.

          Auch Berater Hille hat bei den Spielern „eine gewisse Solidarität und ein Verständnis für die Vereine“ festgestellt. Auch er selbst würde verzichten: „Natürlich will ich für meine Dienstleistungen bezahlt werden, aber da lasse ich mit mir drüber reden. Ich säge ja nicht an dem Ast, auf dem ich sitze.“ Ein Ast, der für alle Beteiligten immer kürzer wird.

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