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Sorgen im Eisschnelllauf : Pechstein und der schwierige Generationswechsel

Mit demnächst 47 Jahren ist Claudia Pechstein noch immer die Gegenwart des deutschen Eisschnelllaufs. Bild: dpa

Der juristische Kampf von Claudia Pechstein nach ihrer Doping-Sperre droht auf der Zielgerade verloren zu gehen. Bei der WM will sie nur in zwei Rennen an den Start gehen. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft versucht derweil, eine Zukunft für den Sport aufzubauen.

          Am Dienstagnachmittag, siebenundvierzigeinhalb Stunden vor dem Beginn der Einzelstrecken-Weltmeisterschaft der Eisschnellläufer in Inzell, verschickte das Internationale Sportschiedsgericht Cas eine Nachricht, die Claudia Pechstein, demnächst 47 Jahre alt, ins Mark traf. Ihre Beschwerde gegen das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte wurde abgelehnt, die erstinstanzliche Entscheidung in Straßburg ist rechtskräftig. Die besagt, dass das Schiedsverfahren vor dem Cas Rechtsschutz gewähre, obwohl Claudia Pechstein dort im Prozess gegen ihre Doping-Sperre kein einwandfreies Verfahren hatte – die Öffentlichkeit war ausgeschlossen, die Athletenvereinbarung nicht freiwillig unterschrieben. Schadenersatz: 8000 Euro.

          Claudia Pechstein aber begehrt vier Millionen, als Entschädigung für die zwei Jahre Doping-Sperre und die Feststellung, dass der Cas nicht unabhängig sei. Vor exakt zehn Jahren, am 7. Februar 2009, waren ihre Blutwerte aufgefallen, beim Weltcup in Hamar. Die Internationale Eislauf-Union vermutete Doping, sperrte sie. Claudia Pechstein bewies, dass ihre Retikulozytenwerte von einer ererbten Blutanomalie bestimmt werden. Vom Deutschen Olympischen Sportbund gab es eine Entschuldigung, aber der juristische Kampf droht auf der Zielgerade verloren zu gehen.

          Letzte Ausfahrt Karlsruhe, Bundesverfassungsgericht. Auf die Ablehnung der Beschwerde in Straßburg reagierte Claudia Pechstein auf „Facebook, wo sie unter anderem ankündigt, entweder zu sterben oder zu siegen, dass „es noch lange nicht vorbei“ sei, dass „jede Träne, die mich dieser Kampf gekostet hat, es wert war, vergossen zu werden“. Und dass sie nun Rat vom „besten Mentaltrainer der Welt“, ihrem Partner Matthias Große brauche, ob sie in Inzell starten werde. Donnerstagmittag um zwölf war die Entscheidung gefallen: Sie startet in Inzell, aber nur über 5000 Meter am Samstag und im Massenstartrennen am Sonntag.

          Hätte Claudia Pechstein ganz verzichtet, wäre der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft ein Viertel ihrer WM-Starterinnen ausgefallen. Denn in den vier Tagen von Inzell werden fünf deutsche Männer und vier Frauen um 16 Titel laufen.

          Es sind schwierige Jahre für die DESG, mindestens seit Sotschi 2014. Damals gab es keine Medaillen bei Olympia, vergangenes Jahr in Gangneung auch nicht. Während die Deutschen in Korea in nahezu jeder Sportart von Erfolg zu Erfolg rannten und sprangen, stellte sich bei den Eisschnellläufern die Frage, ob sich da eine Sportart leise und erfolglos durch die Hintertür verabschiedet. Cheftrainer Jan van Veen warf das Handtuch, Robert Bartko gab als Sportdirektor auf. Matthias Kulik ist der neue Sportdirektor, seit November. Er ist 34 Jahre alt, zwölf Jahre jünger als seine bekannteste Athletin.

          Kulik denkt positiv. „Im Herrenbereich haben wir eine absolut positive Entwicklung“, sagt er. „So erfolgreich waren wir höchstens vor der Wende.“ Der Sprinter Nico Ihle und der Langstreckler Patrick Beckert werden bis zu den Olympischen Spielen 2022 in Peking wohl weitermachen. Keiner von beiden ist im Weltcup in diesem Winter aufs Podest gelaufen, also spricht Kulik nicht von Medaillen. Sie sollen „mit dem Heimvorteil an die positiven Tendenzen“ anknüpfen. Ihle ist 33 Jahre alt, Beckert 29, zu alt für Planung über Peking hinaus. Aber da sind noch Joel Dufter, 23, und Hendrik Dombek, 21. „Noch nicht absolute Weltspitze, aber erste Ansätze“, sagt Kulik.

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