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Claudia Pechstein : Die Wut glüht wie ein Atomkern

Claudia Pechstein zeigt sich fröhlich wie lange nicht, aber „natürlich ist die Wut noch da“ Bild: dpa

Claudia Pechstein kommt aus der Defensive. Die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin kämpft um ihren Ruf: auf der Bahn und vor Gericht.

          So fröhlich und so gut gelaunt hat man Claudia Pechstein lange nicht gesehen. Als sie beim Weltcup-Wochenende in Heerenveen der schmächtigen Olympiasiegerin Martina Sablikowa unterlegen war, ließ sie sich - als seien 39 Lebensjahre ein Alter von Belang - in einer ironischen Geste von der jungen Siegerin aufs Podest helfen. Schon nach ihrem Vergleich über 5000 Meter, den die Jüngere in 6:58,87 Minuten und mit vier Sekunden Vorsprung gewann, hatten sich die beiden in den Armen gelegen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die beiden sind Freundinnen, spätestens seit die Tschechin vor zweieinhalb Jahren gesagt hat, dass sie, Sperre hin, Sperre her, zu Claudia Pechstein stehe. Nun zog sie ihre einstige Trainingspartnerin ebenso wie die Drittplazierte Stephanie Beckert zu sich hinauf, und als sie winkten, deutete Claudia Pechstein übermütig einige Tanzschritte an.

          „Extrem gute Leistungen“

          Sie sei glücklich wie seit Jahren nicht mehr, schrieb Claudia Pechstein auf ihrer Website. Das war, bevor sie bewies, dass sie trotz eines Infekts, trotz zwei Jahren Sperre und trotz ihres Alters auf der olympischen 5000-Meter-Strecke mit der Nummer eins der Welt mithalten kann. Verliebt tauscht sie auch in Heerenveen Küsschen mit Matthias Große, dem Mann, der am Wochenende Immobiliengeschäft und Currywurstbuden in Berlin sein ließ, um auch in Friesland an ihrer Seite zu sein.

          Bundestrainer Stephan Gneupel bestätigt ihr „extrem gute Leistungen in einer besonderen Situation“. Keine Frage: In der fünfmaligen Olympiasiegerin hat er eine Olympiakandidatin. In ihr glüht wie ein Atomkern die Wut. „Natürlich ist die Wut noch da“, sagt sie. „Ich kann es den Leuten nur mit Leistung zurückzahlen.“ Jeden Erfolg empfindet sie auch als Backpfeife für diejenigen, die sie gesperrt haben.

          In der vergangenen Woche hat die Sporthilfe, deren Geld Claudia Pechstein früher nicht brauchte, sie in ihre Förderung aufgenommen. Das ist auch ein Signal dafür, dass sich der deutsche Sport wieder mit der Frau versöhnt, die zwei Mal an der Spitze der deutschen Mannschaft zu Olympischen Spielen einmarschierte und die deutsche Flagge trug. Und dann hat auch noch die wichtigste Nachrichtensendung Deutschlands im Fall Pechstein eine dramatische Wende erkannt; der Dopingverdacht sei widerlegt, behauptete die ARD-Tagesschau.

          Freundinnen auch in schlechten Tagen: Claudia Pechstein und Martina Sablikowa

          Das ist die Perspektive, aus der Claudia Pechstein und ihre Partner den Umstand betrachten, dass kein neues Dopingverfahren gegen sie eröffnet wird, obwohl die Retikulozyten - junge Blutkörperchen - so stark zunehmen und abnehmen wie damals, als just dieses Auf und Ab dem Internationalen Eisschnelllaufverband (Isu) und dem internationalen Sportgericht (Cas) auch ohne positive Probe Beweis genug gewesen war, dass sie manipulieren müsse. Vor einem Vierteljahr hatte Claudia Pechstein sich bei Sportverbänden und Dopingkontrolleuren selbst angezeigt, in der Gewissheit, diesmal beweisen zu können, dass die wechselnden Werte auf eine Erbkrankheit zurückzuführen sind, die in der Zwischenzeit Experten bei ihr und ihrem Vater diagnostiziert haben.

          Verband in der Zwickmühle

          Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) in Bonn reagierte mit intensivierten Kontrollen und teilte in der vergangenen Woche per Einschreiben mit: „Anhaltspunkte für einen möglichen Verstoß gegen Anti-Doping-Bestimmungen haben sich nicht erhärtet." Weitergehende Ermittlungen hätten ergeben, dass auch nicht der Verdacht bestehe, dass sie gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen habe. Die Nada bezieht sich dabei selbstverständlich auf die Kontrollen seit Ablauf der Sperre und handelt im Rahmen der nach dem Urteil veränderten Regeln.

          Sperre hin, Sperre her: die Tschechin stand zur Deutschen

          Claudia Pechstein aber argumentiert so: Blutwerte, die vor drei Jahren noch ein Berufsverbot von zwei Jahren begründeten, könnten heute nicht unverdächtig sein. Oder sie sei zu Unrecht bestraft worden. Um diese Argumentation zu untermauern, verlangt sie vom internationalen Verband, ein neues Dopingverfahren zu eröffnen. Ob sie darin den Nachweis einer genetisch bedingten Blutanomalie erbringt oder ob die Isu mitteilt, es gebe keinen Grund für eine Sperre, mache keinen Unterschied.

          Fast zum Suizid entschlossen

          „Einerlei, wie sie sich äußern", sagt Claudia Pechsteins Manager Ralf Grengel über die Zwickmühle, in der er die Isu sieht, „was sie auch sagen werden: Es richtet sich gegen das Urteil." Wohl deshalb reagiert der Weltverband nicht. Er bat den deutschen Verband lediglich, Claudia Pechstein auszurichten, dass er grundsätzlich nicht mit Athleten korrespondiere. Claudia Pechstein will ihn nun vor dem höchsten Sportgericht verklagen. Der Cas soll ein Dopingverfahren eröffnen oder mitteilen, warum er es nicht tut.

          Claudia Pechstein vor Martina Sablikowa: „Ich kann es nur mit Leistung zurückzahlen“

          Claudia Pechstein kommt ganz entschieden aus der Defensive. Sie, die im Frühjahr 2009 so verzweifelt war, dass sie - wie sie erzählt - gemeinsam mit ihrem damaligen Mann zum Suizid aufbrach und davon abgehalten wurde, als sie ihrem Manager eine SMS zum Abschied schrieb, sie spürt mehr und mehr Rückenwind. Sponsoren unterstützen sie wieder. Eine Investorengemeinschaft will ihre Klage auf Schadenersatz finanzieren. Diese Forderung in Millionenhöhe soll beim Landgericht Berlin angestrengt werden, formell zwar gegen die Deutsche Eisschnelllaufgemeinschaft (DESG), doch im Kern gegen den Weltverband.

          Nicht nur für den Verlust von Prämien und Sponsorengeld sowie den Hinauswurf aus der staatlichen Sportförderung fordert die Eisschnellläuferin Wiedergutmachung. "Was ist eigentlich mit meinem guten Ruf und mit meinem Namen, die grundlos in den Schmutz gezogen wurden?", verlangt sie zu wissen. „Was ist der Leumund einer der erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen wert?"

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