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Pre-Playoffs im Eishockey : Gesucht und gefunden in Bremerhaven

Widerstandsfähig: Bremerhavens Torwart Tomas Pöpperle (links) im Duell mit Marcel Kurth von den Schwenninger Wild Wings. Bild: dpa

Kleiner Etat, viel Tatendrang: Dank Trainer Thomas Popiesch haben sich die Fischtown Pinguins aus Bremerhaven in der Deutschen Eishockey Liga etabliert. Nun wollen sie den Sprung in die Playoffs schaffen.

          Das Vorgeplänkel ist vorbei. Vieles von dem, was in den vergangenen acht Monaten in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) passiert ist, zählt in den kommenden acht Wochen nicht mehr. Für jede der zehn Mannschaften, die nach dem Abschluss der 52 Spieltage umfassenden Hauptrunde bei der Vergabe des Titels ein Wort mitreden können, beginnt mit den Play-offs die alles entscheidende Zeitrechnung. Von nun an geht es im Drei-Tages-Rhythmus Schlag auf Schlag weiter – und wer sich dabei durchsetzen will, muss nicht zuletzt über ein Team verfügen, das stressresistent ist.

          Dass sie nervenstark sind, haben die Spieler der Fischtown Pinguins Bremerhaven am Sonntag aufs Neue bewiesen. Ausgerechnet beim Auftritt in München, bei dem es letztmals regulär um Punkte ging, präsentierte sich der Außenseiter trotz Verletzungsproblemen in überzeugender Verfassung. Die Norddeutschen gewannen gegen den zuletzt dreimal als Champion glänzenden EHC Red Bull mit 4:1 Toren, verbesserten sich damit in der Tabelle noch auf den siebten Platz und sicherten sich so in der Qualifikation für das Viertelfinale das Heimrecht. An diesem Mittwoch geht es vor eigenem Publikum in der Serie nach dem Modus „best of three“ gegen die Nürnberg Ice Tigers los (19.30 Uhr) los.

          Trainer „ein Sechser im Lotto“

          In Bremerhaven treten sie die Herausforderung besonnen an. Schon jetzt haben sie mit dem dritten Endrunden-Einzug in Folge ihr Soll erfüllt. Erst seit September 2016 gehören die Pinguine überhaupt zum Kreis der vierzehn besten deutschen Klubs, nachdem sie die Lizenz der Hamburg Freezers übernahmen. Dass es seitdem gelingt, trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen in einer Region, in der die Arbeitslosenquote rund zehn Prozent beträgt, eine sportliche Erfolgsgeschichte fortzuschreiben, hat für Manager Alfred Prey vor allem mit dem „wichtigsten Angestellten“ zu tun, den er im Januar 2016 engagierte: Thomas Popiesch, der kurz zuvor in Dresden entlassen worden war.

          Ihn damals mit der Aufgabe als Trainer betrauen und an die Küste locken zu können sei „ein Sechser im Lotto gewesen“, sagt Prey. Er selbst fühlt sich schon seit einem Vierteljahrhundert an der Nordsee heimisch, nachdem ihn die Bundeswehr ehedem als Offizier auf eine Fregatte der Marine abkommandierte und er seiner Lust an der Puckjagd zunächst beim REV Bremerhaven nachging. Die Fischtown Pinguins sind als GmbH aus dem 1941 gegründeten Traditionsverein ausgegliedert. „Bremerhaven“, sagt Prey und es lässt sich heraushören, wie viel ihm diese Anmerkung bedeutet, „ist keine Eishockey-Retorte.“

          1989 nahm auch das Leben Popieschs endlich die Wendung, die er sich in seinen Träumen im Gefängnis ausgemalt hatte. Popiesch wurde in seiner Jugend beim SC Dynamo in Ost-Berlin zunächst als großes Eishockey-Talent gefördert, doch mit seinem Freiheitsdrang und nonkonformistischen Verhalten machte er sich keine Freunde. Eine Reise mit den Mannschaftskameraden nach Schweden wurde ihm untersagt. Er habe früh das Gefühl gewonnen, sagt der heute 53-Jährige, „in diesem System machtlos zu sein“ und nicht selbständig über sich und seine Sportlerlaufbahn entscheiden zu können.

          Volltreffer: Cheftrainer Thomas Pospiesch hat die Bremerhavener Fischtown Penguins zu einem Favoritenschreck in der DEL geformt.

          Ein erster Versuch, den Arbeiter-und-Bauern-Staat zu verlassen, scheiterte 1983 an der Grenze nahe Bratislava in der damaligen Tschechoslowakei. Folge: vier Jahre Haft im Stasi-Knast in Bautzen. Wenige Monate bevor die innerdeutsche Mauer fiel, glückte ihm über Ungarn dann doch die Flucht aus der DDR; im Westen folgte rasch der verspätete Auftakt zu einer Profi-Karriere mit Stationen in Krefeld, Essen, Nürnberg, Frankfurt, Grefrath und Erding; 2006 wechselte er hinter die Bande. „Wir haben uns gesucht und gefunden“, sagt Prey heute über Popiesch, der vor der aktuellen Runde als „DEL-Trainer des Jahres“ geehrt wurde und am Dienstag als „Bremer Trainer des Jahres“ die nächste persönliche Auszeichnung in Empfang genommen hat.

          Kader mit Blaumann-Philosophie

          „Popiesch ist ein Mensch, der sagt, was er denkt. Er hält nichts von Plattitüden. Er ist durch und durch ehrlich, seine Entscheidungen sind transparent. Das macht ihn so gut und die Zusammenarbeit mit ihm so angenehm“, sagt Prey, der zusammen mit dem Coach ihr Büro direkt an der Bremerhavener Umkleidekabine einrichtete: „Die Türen stehen immer offen. Wir funktionieren wie ein kleiner Familienbetrieb, bei dem alle mitanpacken.“

          In der Hauptrunde machte das Duo, obwohl mit schätzungsweise 4,5 Millionen Euro der mit Abstand bescheidenste Etat zur Verfügung stand, aus ihren Möglichkeiten eine Menge. 81 Punkte bedeuten eine neue Bestmarke, zudem schossen die Spieler bislang mit 169 Toren die drittmeisten Treffer; lediglich die Favoriten auf den Gewinn der Meisterschaft, München (176) und Mannheim (194), waren zielstrebiger als die Auswahl der Pinguine, aus der die Top-Scorer Mark Zengerle (14 Tore, 38 Vorlagen), Chad Nehring (16, 34) und Jan Urbas (19, 21) zuletzt mit ihrer Durchsetzungskraft besonders herausragten.

          Bremerhaven, sagt Prey, sei eine Stadt, in der es noch viele Menschen gibt, die im Blaumann ihren Unterhalt verdienten – eine „blue colour city“, wie er es in Anlehnung an die nordamerikanische Sportsprache nennt: „Hier ist harte Arbeit im Hafen oder auf einem der Schiffe immer noch die Basis, um anerkannt zu werden.“ Vor diesem Hintergrund sei von Popiesch und ihm der Kader der Pinguine zusammengestellt worden: „Die Jungs, die unser Trikot tragen, haben die Philosophie verinnerlicht, das nimmermüder Einsatz die Grundlage für alles ist“, sagt Prey.

          Die Mischung kommt an. Die Eisarena Bremerhaven gehört mit 4756 Plätzen zu den drei kleinsten Spielstätten der DEL. Den Verkauf von Dauerkarten deckelte der Verein bei 3000 Tickets, um stets auch Tagesgästen die Möglichkeit zu geben, spontan dabei sein zu können – was von den Fans rege genutzt wird. Die Auslastung des Stadions beträgt 96 Prozent und ist damit so hoch wie sonst an keinem anderen Standort. „Diesen Titel“, sagt Prey, „nimmt uns so schnell keiner.“

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