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Bobpilot Machata : Ein Pfund im Eiskanal

Pfundstypen: Manuel Machata (l.) und seine Anschieber Bild: REUTERS

Gleich in seiner ersten Weltcup-Saison führt Manuel Machata die Wertung im Viererbob an. Die internationale Konkurrenz staunt. Und am Material allein kann es kaum liegen.

          3 Min.

          „Machete“ nennen sie ihn, obwohl er wie ein Amboss wirkt: 95 Kilogramm gut portioniert auf 1,85 Metern wuchtet Manuel Machata nach dem Anschubsprint in seine Schlitten. Das ist ein Pfund im Eiskanal, eine Grundvoraussetzung im modernen Bobsport. Auch die Piloten müssen blitzschnelle Kolosse sein, wenn sie Erfolg haben wollen. Machata hat ihn. In seiner ersten Weltcup-Saison führt er mit zwei Siegen die Wertung im Vierer an. Im kleinen Schlitten liegt er vor der Europameisterschaft an diesem Wochenende in Winterberg mit nur zehn Punkten Rückstand auf Rang zwei. „Ich habe“, sagt Machata mit Blick auf seinen Spitznamen, „vielleicht den Schneid.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Im deutschen Boblager keimte kurz nach dem goldenen Finale von André Lange bei den Olympischen Winterspielen in Whistler die Furcht, mit dem erfolgreichsten Piloten der Geschichte habe sich auch der letzte Siegertyp verabschiedet. Acht Monate später staunt vor allem die internationale Konkurrenz. „Die Deutschen sind wieder sauschnell“, berichtete Beat Hefti, der bärenstarke Frontmann der Schweizer, den Kollegen in der Heimat.

          Alles auf den Neuen setzen?

          Am Material allein kann es kaum liegen. Die Schlitten entsprechen den Modellen der vergangenen Saison, in der Lange (im Vierer) auf der Olympiabahn keine Chance hatte gegen den Amerikaner Steven Holcomb. Machata musste beim wichtigsten Wettbewerb der Bobfahrer im olympischen Zyklus noch zuschauen. Die Mannschaftsleitung traute dem unerfahrenen Berchtesgadener, der für den SC Potsdam startet, auf der tückischen, selbst manchen Könner überfordernden Bahn keinen Erfolg zu. Im November aber kam, sah und siegte der 26 Jahre alte Bayer – auf Anhieb im Zweier.

          Den Viererbob-Weltcup führt Machata gleich in seiner ersten Saison an

          „Manche sagen ja, die Konkurrenz sei in dieser nacholympischen Saison nicht so stark“, sagt Cheftrainer Christoph Langen, „aber einen Zubkow oder Holcomb muss man erst mal schlagen.“ Machata aber kennt das Gefühl. Sein Aufstieg bei der Talfahrt hat nicht einmal Lange erstaunt. Der musste sich in der Olympiasaison bei den innerdeutschen Selektionsfahrten im Vierer Machata geschlagen geben.

          Zum Dank gab es zwar keine Beförderung (nach Whistler), aber eine indirekte Anerkennung: Lange erhielt den Bob des Testfahrers der Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte in Berlin, die Anschieber wurden auf andere Teams verteilt. „Das war schon enttäuschend“, sagt Machata, „aber ich habe schon verstanden, dass man auf die erfahrenen Piloten setzt.“ Und nun alles auf den Neuen? Das wäre logisch. Denn Cheftrainer Langen förderte Machata schon in seinem „Junioren-Team“, als sich noch alles um Lange drehte.

          Die Kritik an Cheftrainer Langen ist verstummt

          Tatsächlich ist Machata von einem professionellen Team umgeben, das an eine Spezialbetreuung erinnert. Aber die Kollegen im deutschen Team, so der erste Eindruck, fühlen sich bislang nicht zurückgesetzt. „Das darf es auch nicht geben“, sagt der Cheftrainer Langen: „Ich verfolge ein anderes Konzept. Wir sollten breit aufgestellt sein. Ich will einen absolut offenen Umgang untereinander. Nur so kommen wir auf Dauer voran.“ Langen, schon als Athlet auf dem Weg zu seinen Olympiasiegen kein Freund von Kompromissen, hat einen radikalen Schnitt gewagt nach der erfolgreichsten Ära des deutschen Bobsports unter Raimund Bethge.

          Verdiente Trainer aus Thüringen und Sachsen zogen sich nach der Wahl des Bayern zum Boss mehr oder weniger freiwillig zurück. „Wie könnte ich auch mit Menschen zusammenarbeiten, die gegen mich sind?“ Auch bayerische Experten murrten und klagten noch im vergangenen März. Aber die Kritik ist verstummt. Die Ergebnisse stimmen, trotz eines Lapsus von Langen bei einem Rennen in Übersee. Hätte er nicht einen falschen Namen bei der Besetzung des Zweierbobs von Karl Angerer eingetragen, dann würde der Berchtesgadener den Zweier-Wettbewerb im Weltcup sogar anführen.

          „Dabei greift unsere Arbeit ja noch gar nicht im vollem Umfang“

          Silbermedaillen-Gewinner Thomas Florschütz (BSC Riesa) ist nach seiner Bandscheibenoperation im November (!) wieder in der Weltspitze angekommen. Selbst der zweite „Junior“ neben Machata, Maximilian Arndt (Oberhof), mischte sich in diesem Jahr schon unter die Spitzenpiloten. Bei den Frauen führt Sandra Kiriasis (Winterberg) die Weltcupwertung vor Kathleen Martini (Oberbärenburg) an. „Dabei greift unsere Arbeit ja noch gar nicht im vollem Umfang“, sagt Langen: „das wird noch ein Jahr dauern.“

          Solange steht der neue Chef mit seinem Team unter mächtigem Druck. Machatas Form könnte also in doppelter Hinsicht bei der EM, aber vor allem bei den Weltmeisterschaften Mitte Februar am Königssee Gold wert sein: „Wenn die Machete es runterbringt“, sagt ein Bobtrainer, „dann wird man den größten Einschnitt im deutschen Bobsport seit der Wende als gelungen bezeichnen.“

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