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Bobfahrerin Petra Lammert : Schieben statt Stoßen

  • -Aktualisiert am

Mit Schwung in die zweite Karriere: Lammert schiebt Kiriasis beim Weltcup in Altenberg an Bild: dpa

Petra Lammert war eine der besten deutschen Kugelstoßerinnen. Vor einem Jahr startete eine zweite Karriere als Bob-Anschieberin. Ihr früherer Trainer wirft ihr die Flucht in eine „Randsportart“ vor.

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          Wenn Sprinter oder Werfer sich als Anschieber im Bob versuchen, dann geschieht dies zumeist als Epilog zur eigentlichen, der leichtathletischen Karriere. Im Fall der ehemaligen Kugelstoßerin Petra Lammert liegt der Fall anders, vor allem psychologisch subtiler. Als sie im November 2010 ihren Abschied von der Leichtathletik bekanntgab, da war Petra Lammert erst 26 Jahre alt. Hinter ihr, die schon 2006 in Göteborg, mit 22 Jahren, Dritte der Europameisterschaften und im Jahr darauf Fünfte der Weltmeisterschaften geworden war, lag eine schmerzhafte Zeit, nachdem sie sich im Frühjahr 2008 bei einem Sturz im Training eine Luxation des Ellenbogens zugezogen hatte, die sie die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking kostete.

          Hinter ihr lag aber auch ihr wohl größter sportlicher Erfolg: Der Sieg bei den Hallen-Europameisterschaften 2009 - erzielt also nach dem Trainingsunfall. Zwar immer wieder durch Schmerzen an der verletzten Wurfhand gehandikapt, deutete damals wenig darauf hin, dass sie weit vor der Zeit ihre Laufbahn als Kugelstoßerin beenden würde.

          Glücklich im Eiskanal: Kiriasis und Lammert (r.) fahren eine erfolgreiche erste Saison

          Ihr damaliger Trainer war Dieter Kollark, heute 67 Jahre alt und jemand, dem die von ihm betreuten Athletinnen stets ein besonderes Einfühlungsvermögen in die Psyche der Sportlerinnen attestiertdme

          dmeen. In seiner langen Laufbahn als Trainer betreute Kollark fast ausschließlich Frauen, so die Kugelstoß-Olympiasiegerin und mehrmalige Weltmeisterin Astrid Kumbernuss sowie die dreimalige Diskusweltmeisterin Franka Dietzsch.

          Flucht in eine Randsportart?

          Der Neubrandenburger verargt es seiner einstigen Athletin Petra Lammert noch heute ein wenig, dass sie vor nun gut einem Jahr mit der Kugel auch die Brocken hinschmiss und fast übergangslos die Sportart wechselte - von der Leichtathletik hin zum Bobfahren. Der Schritt erfolgte kurz bevor sie sich am verletzten Arm operieren ließ. „Das habe ich überhaupt nicht verstanden“, sagt der ehemalige Trainer, „sie hätte zumindest abwarten können, ob die Operation ihr Linderung verschafft.“

          Er geht sogar noch einen Schritt weiter. Der Wechsel der Sportart sei eine Art Flucht gewesen. „Sie war immer sehr ehrgeizig und hat sich extrem unter Druck gesetzt, dem war sie nicht gewachsen.“ Im Training habe sie auch nach dem Unfall Weiten erzielt, mit denen sie sich in der absoluten Weltspitze hätte etablieren können. „Das Verhältnis zwischen Training und Wettkampf wurde immer schlechter. Ich denke, dass es psychische Ursachen hatte, das sie zum Bobfahren gewechselt ist.“

          Dort hat sie in diesem Winter ihre ersten Meriten gesammelt. Anfang Januar wurde sie Zweite der Europameisterschaften in Altenberg; im Zweierbob von Sandra Kiriasis, Olympiasiegerin 2006 sowie mehrfache Weltmeisterin und Weltcupsiegerin. Petra Lammerts ehemaliger Trainer Dieter Kollark macht kein Hehl daraus, was er von ihrem Engagement in dieser „Randsportart“ hält: „Wer interessiert sich schon für Frauen-Bob. Und wenn überhaupt, dann für den Piloten. Der Anschieber ist austauschbar.“

          Zwar will er ihr nicht unterstellen, dass sie den einfacheren Weg zum Erfolg suche, er sagt aber auch: „Der Anschieber im Bob hat die geringere Verantwortung, da kann sie mit der psychischen Belastung besser umgehen.“

          „Ich habe meine Ziele wie früher“

          Lammert selbst, die übrigens Psychologie an der Fern-Uni Hagen studiert, sieht das anders. „Ich war damals einfach konsequent, als ich Schluss mit Kugelstoßen gemacht habe. Durch die Verletzung habe ich das Gefühl gehabt, nicht mehr mein Optimum erreichen zu können.“ In keinem Fall habe sie den Eindruck, der Wechsel zum Bob sei ein sportlicher Abstieg. „Für mich hat sich nichts verändert. Ich habe meine Ziele wie früher in der Leichtathletik und die verfolge ich mit der gleichen Konsequenz.“

          Derzeit fährt sie die Weltcuprennen, bei der Weltmeisterschaft in Lake Placid (13. - 26. Februar) gehört sie mit ihrer Pilotin Sandra Kiriasis zu den Medaillenaspirantinnen. Das große Ziel sind die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014. Auch wenn sie mittlerweile keine Schmerzen mehr an dem operierten Arm verspürt, schließt sie eine Rückkehr zur Leichtathletik kategorisch aus.

          Dabei ist sie, wie Kollark betont, noch Mitglied in der Leichtathletik-Abteilung des SC Neubrandenburg. Für den Verein startete die gebürtige Schwarzwälderin seit 2005. Gekommen war sie einst wegen des Trainers und mit dem großen Traum von einer großen internationalen Karriere. Vielleicht verwirklicht sich der ja nun statt im Kugelstoßring in der Bobbahn.

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