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Bobfahrer Karl Angerer : Der gute Mensch vom Königssee

Schnelle Truppe: Karl Angerer und seine neuen Hintermänner Bild: Reuters

Er war immer ganz gut, aber nie ganz oben. Doch Bobfahrer Karl Angerer gab nicht auf. In diesem Winter überzeugt der 29 Jahre alte Bayer mit neuen starken Hintermännern nicht nur sportlich. Ein bisschen Glück brauchte er dafür aber.

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          Karl Angerer kann warten. Zehn Jahre, wenn es sein muss. Eine Dekade anschieben, den Bob, und damit immer wieder die Karriere. Weil der Schlitten nicht so schnell ins Ziel kam, wie er sich das vorstellte. Mal Fünfter, auch mal Zweiter im Weltcup, aber nie konstant genug, um im Land der Bobfahrer einen der Chefpiloten auch nur zu gefährden. Angerer drohte aus der großen Kurve zu fliegen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Jetzt, ein Jahrzehnt nach seinem Einstieg in den Eiskanal, ist der 29 Jahre alte Bayer vorne dran. Zwei Weltcup-Siege im Vierer, zuletzt am vergangenen Sonntag auf der Kunsteisbahn am Königssee, haben den Sportsoldaten ins Blickfeld gerückt. Kommt da ein Spätberufener so schnell in Fahrt, dass der Schwung für den Sprung zu den Olympischen Spielen in Vancouver reicht? „Wir haben die beste Konkurrenz aufhorchen lassen“, sagt der Pilot vom WSV Königssee mit Blick auf seine drei Hintermänner, zwei Bayern und einen Hessen. Eine Kombination mit Seltenheitswert.

          „Im nächsten Jahr werden wir das noch verfeinern“

          Im von Thüringern und Sachsen beherrschten deutschen Bobsport muckt nun, pünktlich zur Europameisterschaft an diesem Wochenende auf der Naturbahn in St. Moritz, mal wieder ein Wessi auf. Siege für den Chefpiloten André Lange, für Thomas Florschütz und Angerer zeugen zumindest von einer spannenden gesamtdeutschen Leistungsverdichtung. „So starke interne Konkurrenz“, sagt Bundestrainer Raimund Bethge, „hat es seit dem Rücktritt von Christoph Langen nicht mehr gegeben.“

          Angerer hat hart daran gearbeitet. Er führt seine Beschleunigung auch auf eine Veränderung des Trainings unter seinem neuen Athletik-Coach Thomas Prange zurück. „Nicht mehr nur das übliche Bob-Training, sondern verstärkt Laufarbeit.“ Mehr sprinten, statt mit riesigen Eisenlasten auf dem Buckel in die Knie zu gehen. Die Umstellung machte dem Feldwebel Beine. „Es ist sicherlich noch nicht alles perfekt gelaufen“, sagt Angerer. „Im nächsten Jahr werden wir das noch verfeinern. Aber die Ergebnisse beim Start bestätigen unseren Weg.“

          „Er schiebt die Schuld nicht gleich auf die Bremser“

          Beim zweiten Anlauf bis zum Einstieg auf dem Weg zum Sieg am Königssee blieb sein Team nur vier Hundertstelsekunden über der Bestzeit. Was die Szene überraschte. Denn Angerers Hintermänner sprangen in dieser Zusammenstellung zum ersten Mal bei einem Wettkampf gemeinsam in den großen Schlitten. Ein Los, dass Bobfahrer teilen, die sich anzustellen haben, wenn es um die Verteilung der stärksten Hintermänner geht. Nach der Verletzung von Langes menschlichem Turbo, Kevin Kuske, delegierte der Bob- und Schlittensportverband für Deutschland Angerers stärkste Kraft in Bob Deutschland I.

          Ein durchaus übliches Verfahren, falls die Bremser zum Verbands-Personal gehören und nicht von einem Team unter Vertrag genommen wurden. Angerer schluckte seine Verärgerung. Zumal er seinerseits Verstärkung erhielt. Nach der Verletzung des Konkurrenten Matthias Höpfner schloss sich dessen Bremser Alexander Mann dem Bayer an. Die neue Fahrgemeinschaft fand auf Anhieb zusammen, im und außerhalb des Bobs: „Er schiebt die Schuld nicht gleich auf die Bremser, wenn es mal nicht läuft“, sagt Mann, „er schaut erst mal, ob beim ihm alles in Ordnung war.“

          „Fehlerfrei fährt der Bob ohne Pilot auch nicht herunter“

          Dieser selbstkritische Zug ist nicht unbedingt eine Tugend deutscher Piloten. Angerer dagegen, hieß es in der Szene, bremse neben dem kleinsten Budget eine besondere Menschenfreundlichkeit. Über Umwege führte sie ihn nun doch zum Sieger. Zwei Tage vor dem Saisonstart stellte ihm der Salzburger Maschinenhersteller Perndorfer den zurzeit besten Viererbob vor die Tür. Einen der begehrten Schlitten der Gebrüder Singer. Dem eigenwilligen Paar sagt man nach, bei Verkaufsverhandlungen mit Vorliebe die Charaktereigenschaften der Kunden einzukalkulieren. Nette Jungs werden bevorzugt bedient.

          Der große Singerbob ist dem neuen Modell der staatlichen Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte, Ausrüster von Angerers Konkurrenten Lange und Florschütz, immer noch überlegen. „Aber fehlerfrei fährt der Bob ohne Pilot auch nicht herunter“, sagt Bundestrainer Bethge. Angerer ist das auf seiner Hausbahn im zweiten Lauf gelungen. Nun fehlt noch die Konstanz auf diesem Niveau. „Beim Vierer-Training hier in St. Moritz sah es gut aus“, sagt Bethge. „Er könnte eine Medaille gewinnen.“ Mit Anschiebern, für die der Chef Taxi fährt: Mit Touristenfuhren am Königssee sichert Angerer einen Teil des Unterhalts.

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