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Bobfahrer John Napier : Der Krieg steckt in seinen Knochen

Den Leutnant im Nacken: Napier lenkt, Fogt (l.) schiebt im Vierer der Amerikaner Bild: REUTERS

Der Amerikaner John Napier ist Soldat - und Bobpilot. Für die Armee war er in Afghanistan als Maschinengewehrschütze an der Front, nun bereitet er sich auf die WM vor.

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          John Napier bedankt sich auffallend höflich für das Interesse. „Ungewöhnlich", sagt er und lächelt. Warum einen amerikanischen Bobpiloten beschreiben, wenn doch die besten aus Deutschland kommen? Olympiasieger, Weltmeister, Hochdekorierte. Napier hat bislang nur einen Weltcup-Sieg zu bieten, 2009 fuhr er in Lake Placid den verblüfften Stars mit nur 23 Jahren davon.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Trotz seiner 1,90 Meter und der Muskeln wirkt er auch heute noch wie ein hochgewachsener, netter Junge kurz vor dem Ausflug in die große weite Welt. Aber da war er schon. Napier hat im Sommer 2010 die Enge des Eiskanals verlassen. Als Unteroffizier der amerikanischen Armee zog er nach Afghanistan, in den Krieg. „Ich habe Erfahrungen gemacht", sagt er, „die man gerne vergessen würde."

          Napier war 2009 der Shootingstar des amerikanischen Bobteams. Die Zukunft sollte ihm gehören, der erste Olympiaauftritt in Whistler 2010, der Kampf mit den Spitzenfahrern aus Deutschland um Medaillen, alles schien erreichbar.

          Aber Napiers Weg ist nie geradlinig verlaufen. „Ich habe so viele Tiefs erlebt", sagt er. Den frühen Tod des Vaters Bill, selbst Bobfahrer, den Absturz als Jugendlicher: Alkohol, Drogen, Schlägereien. Statt sich auf Abfahrten zu profilieren, geriet er auf die schiefe Bahn. „Wenn ich so weitergemacht hätte, wäre ich entweder ins Gefängnis gekommen oder gestorben", wird er von der Internetseite „christ.ch" zitiert. Napier nickt: „Stimmt. Ich habe meinen Weg gefunden. Ich bin Sportler, aber in erster Linie Soldat."

          Napiers Weg ist in Deutschland kaum vorstellbar

          Das ist nichts Ungewöhnliches. Der halbe Kader des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland bezieht seinen Sold vom Bundesverteidigungsministerium. Nur eines ist trotz der Umwandlung der Bundeswehr in eine Berufsarmee kaum vorstellbar: Dass etwa Maximilian Arndt (Erster beim Weltcup am Samstag in St. Moritz) nach den nächsten Olympischen Spielen mit dem Sturmgewehr in den Krieg zieht.

          John Napier: „Ich bin erster Linie Soldat“

          Ein halbes Jahr raus aus dem Spitzensport, aus dem Training, das Leben riskieren? Napier hat das freiwillig in Kauf genommen. „Ich habe der Armee viel zu verdanken." Mit dem Sold konnte er die Fortsetzung seiner Karriere finanzieren. Bevor Napier ins Athleten-Förderprogramm der Streitkräfte aufgenommen wurde, durchlief er eine umfassende militärische Ausbildung. "Meine Freunde von damals sind dann nach Afghanistan oder in den Irak gegangen. Sie waren für mich auch ein Team, so wie meine Bobmannschaft. Also wollte ich nach den Winterspielen zu ihnen."

          Mit dem Maschinengewehr an der Front

          Napier wurde im Juni 2010 für sechs Monate in Marsch gesetzt. Schon auf dem Weg nach Afghanistan verkehrte sich seine Welt. Der Chefpilot hatte nun Freunde zu grüßen, die im Sport immer hinter ihm an die Reihe kamen: „Ich traf Chris Fogt am Flughafen in Dubai, er war auf dem Weg in den Irak. Ich musste salutieren. Er ist Leutnant." In St. Moritz war das am Samstag nicht mehr nötig. Beim Weltcuprennen im Zweier saß Fogt als Bremer wieder hinter Napier. Sie belegten im Zweier Rang 16.

          Napier nahm das Ergebnis gelassen hin. Er braucht noch Zeit. Nicht für den Kopf, eher für die Arme und Beine. Seine Anschubzeiten sind nicht gut genug. Es fehlt die Masse, die Explosivität. „Ich habe 15 Kilogramm in Afghanistan verloren, ich bin noch nicht ganz so weit." So wie er da sitzt, hager wirkend, scheint ihm das Kriegserlebnis noch in den Knochen zu stecken. Er landete eben nicht, wie es amerikanische Medien vermutet hatten, auf einem sicheren Posten. „Ich kam mit der Infanterie auf den von uns eingerichteten Außenposten Rahman Kheyl in der Paktya-Provinz und wurde der Mann für das leichte Maschinengewehr M249", erzählt Napier ohne jegliches Pathos, „und ja, ich war an der Front, sehr häufig unter Feuer."

          Napier diskutiert schon seit Monaten wieder über den besten Weg, Zehntelsekunden zu sparen. Er muss sich nicht mehr fragen, ob er mehr Wasser oder mehr Munition im 30-Kilo-Gepäck mit auf Patrouille nehmen soll. „Die richtige Antwort war manchmal überlebenswichtig." In den engen, tückischen Eiskanälen drohen ihm zwar nach wie vor Anschläge an jeder Ecke. Aber die kosten allenfalls Zeit, ein falscher Schritt auf den unbefestigten Wegen in Afghanistan aber meistens das Leben: „Unter dem Schotter lässt sich eine Mine leicht verstecken."

          „Eine Medaille wäre wunderbar“

          Napier sagt, er sei nicht aus der Balance geraten. „Ich habe meine Lektionen gelernt, ich habe Erfahrungen gemacht, die man nirgendwo anders machen kann. Es war hart, aber es hat mich nicht umgebracht. Ich habe gelernt, mit der Gefahr umzugehen, ich habe gelernt, dass ganz unterschiedliche Menschen lernen können, einander zu vertrauen, und was man damit in einem Team erreichen kann, wenn es darauf ankommt. Das bringe ich jetzt mit in den Sport." Napier fühlt sich stärker als früher. „Bobfahren ist nicht das Leben, nur ein Teil. Ich konzentriere mich darauf, aber es gibt noch die Familie, Gott, die Armee. Ich bin jetzt unabhängiger, ausgeglichener. Deshalb glaube ich, dass ich mehr Erfolg haben kann als früher."

          Sein nächstes Ziel ist eine gute Plazierung bei der WM Mitte Februar auf der Heimbahn in Lake Placid. Er wird dafür stärkere Anschieber bekommen. Gleichzeitig arbeitet der Amerikaner am Aufbau einer schlagkräftigen Olympiamannschaft für 2014 in Sotschi: „Eine Medaille wäre wunderbar." Danach will er wieder zurück in sein Armee-Team, er würde die Versetzung in ein Kriegsgebiet akzeptieren. Dann müsste er wieder jenen täglichen Begleiter aushalten, der das Leben zur Hölle machen kann. „Ich hatte jeden Tag Angst", sagt er. „Wer behauptet, er habe im Einsatz keine Angst, der hat entweder Drogen genommen oder lügt."

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