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Bob : Umstieg auf die Notvariante

Hohes Tempo, hohes Risiko: Der Eiskanal von Whistler Bild:

Drei Monate vor dem Höhepunkt der Saison scheint André Lange verunsichert wie selten zuvor. Der Gold-Kandidat wechselt nach Stürzen auf der Olympiabahn vom gerade erst gekauften Singer-Bob auf das zunächst verschmähte FES-Modell.

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          Vor ein paar Tagen ist in den Vereinigten Staaten ein großes Paket aus Deutschland eingetroffen. Per Luftfracht, mit einem Express-Stempel auf dem Deckel. Denn die Ware aus der Heimat wollte der Bobfahrer André Lange so schnell wie möglich haben: einen neuen Viererbob. An diesem Sonntag wird er das Gerät beim ersten Weltcup der Saison auf der Olympiabahn von St. Lake City fahren. Oder sollte man sagen: testen? Denn das gute Stück hat Lange mit Blick auf die Olympischen Winterspiele im Februar in Vancouver bislang links liegengelassen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Drei Monate vor dem Höhepunkt der Saison, zugleich das Ende seiner Karriere, scheint der Gold-Kandidat verunsichert wie selten zuvor. Andernfalls würde er den kurzfristigen Umstieg nicht wagen: und zwar von seinem vor wenigen Monaten erst gekauften Singer-Bob in das jüngste Modell der Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES). „Das ist eine Notvariante“, sagte Cheftrainer Raimund Bethge, „André konnte seinen Vierer nicht so fahren, wie er sich das wünscht.“

          Mindestens drei Medaillen verlangen die Leistungssportplaner

          Hinter dem kurzfristigen Wechsel steckt ein Politikum. Zum Ende des vergangenen Winters hatte sich die gesamte Bob-Elite entschieden, auf das Vierer-Angebot der FES zu verzichten. Eine heikle Angelegenheit. Denn die FES rüstet den Bob- und Schlittenverband mit erstklassigen Zweierbobs, Rennrodeln und Skeleton-Modellen aus. Dass sie aber mit dem Flaggschiff der privaten Konkurrenz hinterherfuhr, nagte nicht nur am Renommee. Die FES steht als staatlich finanzierte Einrichtung unter ständigem Rechtfertigungsdruck. Und so schmerzten die Urteile: „Der FES-Schlitten war nicht schnell genug“, hatte Lange nach der Entscheidung für den Singer-Bob erklärt. Der Tausch entpuppte sich zudem als kostspieliges Unternehmen, das sich der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) leisten musste.

          Alles einsteigen, die Weltcup-Saison geht los: aber in welchen Bob springen Lange und seine Besatzung?

          Alle vier Jahre ist er zum Erfolg verdammt, um weiter Fördergelder aus Berlin zu erhalten. Mindestens drei Medaillen verlangen die Leistungssportplaner des Deutschen Olympischen Sportbundes allein von den Bob-Piloten (und -Pilotinnen) in den drei Wettbewerben. Entsprechend hoch ist der Einsatz. Man investierte statt der Mietgebühr für ein FES-Produkt in Höhe von 10.000 Euro angeblich zwischen 70.000 und 100.000 Euro pro Schlittenkauf bei den Gebrüdern Singer. Just zu den ersten Selektionsfahrten im Oktober aber kreuzte die FES mit einem verbesserten Vierer auf. Nachwuchspilot Manuel Machata gewann beide Wettbewerbe, fuhr aber außer Konkurrenz.

          Die gefährlichste Kurve heißt „fifty-fifty“

          „Der Singer“, hatte Lange Anfang Oktober berichtet, „ist schwer zu fahren.“ Und selbst für einen Könner wie den Thüringer nicht immer zu beherrschen. Am vergangenen Donnerstag stürzte Deutschlands Chefpilot während der einzigen Trainingswoche auf der Olympiabahn von Whistler. Nach einem weiteren Versuch kippte er seine Strategie zur (noch verhaltenen) Freude der FES. „Es ist schön, wieder im Rennen zu sein“, sagte FES-Direktor Harald Schale am Dienstag. „Aber ob unser Schlitten jetzt auch bei Olympia eingesetzt wird, ist noch nicht sicher. Warten wir die ersten Weltcup-Rennen ab.“ Denn allein am Singer-Bob kann es nicht gelegen haben. Langes Landsmann Thomas Florschütz fuhr im Whistler Sliding-Centre die Bestzeit. Auch Karl Angerer kam mit seinem Singer problemlos ins Ziel. Langes Fahrkunst aber hat auch nicht gelitten. Im Zweier (der FES) fuhr er der Konkurrenz davon.

          „Die Fahrten auf der Olympiabahn haben gezeigt, dass die Geräte schnell sein können, das ist schon eine Aussage für Olympia“, sagte Bethge, „es scheint also kein System-Problem zu sein. Ich denke, der Bob von André wird überarbeitet. Bis dahin schauen wir, wie sich der Auftritt in den Weltcup-Rennen entwickelt. Es wäre allerdings sehr schlecht, wenn sich die Klärung hinziehen würde.“ Nicht allein das Material-Problem seines Spitzenpiloten drückt Bethge auf den Magen. Es sind die Stürze auf der nagelneuen kanadischen Bahn, die ihm Sorgen bereiten.

          Bob im K.o.-System: Wer durchkommt, gewinnt

          Neben Lange konnten unter anderem auch Wolfgang Stampferer aus Österreich, der Russe Alexander Zubkow und selbst Beat Hefti (Weltcup-Gesamtsieger im Zweier) ihre Bobs nicht auf den Kufen halten. Alle gelten als Piloten mit Feingefühl für schwierige Passagen. „Die können richtig gut Bob fahren“, sagte Bethge: „Wir haben schon vor einem Jahr unsere Bedenken auf einer Pressekonferenz geäußert. Aber weil der Weltcup-Wettbewerb glimpflich verlief, ist das wieder in den Hintergrund getreten, und auch, weil keiner mehr was sagen durfte. Ich halte es für makaber hoch drei, wenn eine Kurve wegen der Chance, sie überstehen zu können, „fifty-fifty“ genannt wird.“

          Tempo 140 etwa in St. Moritz, mehr war bislang für Viererbobs nicht drin. Lange erreichte in der vergangenen Woche 150 Kilometer pro Stunde. Und das bei Regenwetter. Zur Olympiazeit, bei starkem Frost, rechnen Experten mit einer weiteren Beschleunigung. „Mit Wettkampfmaterial können es 155 werden“, erklärte Bethge, „das Wettrennen der besten Fahrer der Welt entwickelt sich so zu einem Zufallswettbewerb. Wer durchkommt, gewinnt. Und das Ganze noch auf Kosten der Gesundheit von Athleten. Ich halte das nicht mehr für akzeptabel.“ Den Betreibern scheint das Risiko mehr als recht. Sie werben damit. Jedenfalls tragen Bahnmitarbeiter die Botschaft auf ihrer Kleidung durch die Gegend: „Fastest track of the World“, „schnellste Strecke der Welt.“

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