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Bob-Technologie : Mit FES wieder in der Spur

Wieder umgestiegen: Lange (vorn) und seine Crew fahren wieder FES Bild: REUTERS

Die staatliche Materialschmiede FES baut wieder Spitzenbobs. Schon zu DDR-Zeiten mussten die graduierten Tüftler goldene Rahmenbedingungen für Spitzensportler zu Lande, zu Wasser und auf dem Eise garantieren. Die Zahl der Mitarbeiter soll nun noch einmal gesteigert werden.

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          Andre Lange scheint auf Umgebungstemperatur. So hört es sich an, als der Meister des Eiskanals aus Deutschland von seinem neuen Gefährt spricht: „Ich bin recht zufrieden mit dem, was ich jetzt unter dem Hintern habe.“ Punkt. Langes Kaltschnäuzigkeit hat allerdings schon manches Eis zum Schmelzen gebracht. Zumindest in der Bahn. Vor zwei Wochen liefen die Schlitten in den Händen des Olympiasiegers aus Thüringen so brillant durch das Kurvengeschlängel der Bobbahn von Altenberg, dass der Konkurrenz die Gesichtszüge gefroren. Sieg im Zweier und - das Novum in dieser Saison - ein überragender Erfolg im Vierer. Seit dieser Talfahrt ist der Olympiakurs des Oberhofers auf einen persönlichen Höchststand geschossen: „Eine Medaille“, sagt der 36 Jahre alte Altmeister mit Blick auf seine allerletzte olympische Fuhre, „ist nicht unrealistisch.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Vulkanische Ausbrüche hatte niemand erwartet. Aber doch ein paar Hüpfer des Chefpiloten in der deutschen Equipe. Denn vor Wochen noch hatte es nach einem Desaster für Lange, für die Deutschen schlechthin in der Paradedisziplin des Bobsports ausgesehen. Die „Dinger“ liefen nicht. Und das nach einer in der Republik ziemlich einmaligen, schmerzhaften wie kostspieligen Tauschaktion.

          Angeblich „unfahrbare Kisten“ ließen die Volksvertreter aufhorchen

          Die komplette Herren-Auswahl war in den vergangenen zwei Jahren peu à peu von den Viererbobs der Forschungsstelle für die Entwicklung von Sportgeräten (FES) in die Modelle der privaten bayerischen Gebrüder Singer umgestiegen. Ein Kotau für die staatliche Einrichtung. Zumal mancher Pilot den verpönten Wechsel vor laufenden Kameras mit teils markiger Kritik verband: Angeblich „unfahrbare Kisten“ ließen Volksvertreter in Berlin aufhorchen. Donnert da vielleicht ein Prestigeobjekt mit Steuergeldern in den Abgrund?

          Wieder fahrbar: In Altenberg siegte Andre Lange im FES-Bob im Zweier und im Vierer

          Die FES steht ständig unter strenger Beobachtung. Schon zu DDR-Zeiten mussten die graduierten Tüftler aus Berlin garantieren, was niemand versprechen kann: goldene Rahmenbedingungen für Spitzensportler zu Lande, zu Wasser und auf dem Eise. Rennräder für die Bahnfahrer, Kanus, Ruderboot oder Bobs und Rennrodel trugen schon vor dem Fall der Mauer den Stempel FES. Im Einigungsvertrag wurde die Übernahme der Einrichtung auf Druck westdeutscher Sportfunktionäre fixiert.

          Die Forscher brauchen ein größeres Areal

          Sie ahnten, dass die Materialschlacht im Kampf der (Industrie-)Nationen mehr und mehr zu einem goldwerten Faktor in der Unternehmensplanung getrieben würde. Die Ansprüche steigen. Im Bobgeschäft setzen Schweizer, Amerikaner und Italiener inzwischen wieder verstärkt auf die Hilfe der Industrie. Die FES aber stößt an ihre Grenzen. „Wir können uns nicht einen ganzen olympischen Zyklus (vier Jahre) lang mit dem gleichen Einsatz um die Bobfahrer kümmern“, sagt Direktor Harald Schaale, „die Piloten wollten im September des vorolympischen Jahres schon testen, aber wir hatten bis Juni 2008 schließlich noch die Aufgaben für die olympischen Sommerspiele in Peking zu erledigen.“ Schaale wirbt nun für die Rundumbetreuung. Bis 2018 soll die Zahl der FES-Mitarbeiter noch einmal gesteigert werden: „Von jetzt 60 auf 80 Personen.“ Zudem brauchen die Forscher ein größeres Areal. Und damit mehr Geld: Bislang beträgt der Jahresetat 4,8 Millionen Euro.

          Die Beschleunigung des Vierers zu einem vielversprechenden Modell führt Lange auf menschliche Erkenntnisse zurück: „Die FES hat aus ihren Fehlern gelernt“, sagt Lange. Schaale spricht dagegen von einem Erfahrungsprozess und denkt dabei in erster Linie an die Piloten: „Ich kann ja verstehen, dass man als Athlet ungeduldig wird. Aber ich habe immer gesagt, dass man etwas mehr Geduld braucht.“

          „Wir haben noch Entwicklungsspielraum“

          Bessere Zeiten deuteten sich schon im Herbst an. Bei den Selektionsfahrten fuhr der Nachwuchspilot Manuel Machata den Olympiafahrern im verschmähten Staats-Vierer vor der Nase her. Und diente der FES als einziger Testpilot. „Die anderen wollten ja nicht“, sagt Schaale. Als Lange aber auch auf der gefährlich schnellen Olympiabahn in Whistler mit seinem Singer nicht in Schwung kam, sogar stürzte, entschloss sich der hochdekorierte Steuermann zum Rückzug in das neue FES-Gerät. Machatas Bob wurde zum zweiten Teil der Überseetournee in die Vereinigten Staaten geflogen. Seither ist Langes großer Schlitten, der auf etwa 70.000 Euro geschätzte „Singer-Bob“, auf Eis gelegt. „Das muss aber nicht heißen, dass der Singer langsamer ist“, sagt ein Bobexperte mit Erfahrung an den Seilen, „ich glaube, der neue Singer ist nicht jedermanns Sache.“

          Dagegen entfacht der FES-Schlitten große Neugier. Zwei Vierer sind inzwischen „wettkampftauglich“. Nach Lange hat nun auch Pilot Thomas Florschütz den Finger gehoben. Obwohl noch nicht sicher ist, ob die jüngste Version auch auf weichem Eis so gut gleitet wie auf dem vor Weihnachten harten Eis von Altenberg. „Wir haben noch Entwicklungsspielraum“, sagt Schaale. Der neue Run auf seine Bobs gefällt ihm. Denn die FES bewegt sich auf eine erstaunliche Olympiaquote zu: Alle Rennrodel, alle Skeletonschlitten, alle Zweierbobs und zwei von möglichen drei Viererbobs tragen das Kürzel der Berliner. So viel FES war selten.

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