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Bill Johnson : Die letzte Abfahrt

Es war einmal 1984 ... Bild: AP

Sein Olympiasieg 1984 war ein Märchen, sein Leben danach voller Schicksalsschläge. Sein Schicksal ist zu schrecklich, als dass alte Ressentiments noch eine Rolle spielten: Bill Johnson wartet nun auf den Tod.

          3 Min.

          Bill Johnson hat nicht mehr viel zu tun in diesem Leben. Seit zwei Wochen wartet er auf seinen Tod. Er muss nur noch die Kurve kriegen. Der 53 Jahre alte Mann liegt in Oregon in einem Pflegeheim, kann sich nicht bewegen und kaum sprechen, und er will auch nicht mehr kämpfen. Der Amerikaner, der am 30. März 1960 in Venice geboren wurde, schon als Teenager auf die schiefe Bahn geriet, sich auf die Skipiste rettete und 1984 mit Ansage Olympiasieger in der Abfahrt wurde, bewegt sich auf die Ziellinie zu.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Hier in Europa konnte ihn einst niemand leiden, doch sein Schicksal ist zu schrecklich, als dass die alten Ressentiments noch eine Rolle spielten. Der österreichischen Nationalheld Franz Klammer, der ihn vor fast 30 Jahren einen „Nasenbohrer“ nannte, würde ihm heute gerne helfen, aber es gibt wohl nicht mehr viel zu tun.

          Es gab eine Zeit, in der Bill Johnsons Leben wirkte wie ein Märchen. Mit siebzehn kam er wegen Autodiebstahls vor Gericht, ein weiser Richter stellte ihn vor die Wahl, für sechs Monate ins Gefängnis einzurücken oder auf ein Ski-Internat zu gehen, er wählte den Sport und wurde ein Star. Mit gerade noch 23 Jahren gewann er das Lauberhornrennen in Wengen und behauptete in anmaßendem Ton, dass er sich als Nächstes das olympische Abfahrts-Gold holen werde.

          Kurz darauf machte er seine Ansage bei den Winterspielen in Sarajevo wahr. Er siegte vor zwei der großen Ski-Stars dieser Epoche, dem Schweizer Peter Müller und dem Österreicher Anton Steiner. Der legendäre Pirmin Zurbriggen wurde Vierter. Der schon ein bisschen alternde Klammer und sein Landsmann Erwin Resch standen als Zehnter und Elfter wie die Blamierten da - sie hatten sich in Wengen noch lustig gemacht über den großmäuligen Amerikaner, der keine Kurven meistern könne.

          Kurzer Ruhm durch den Olympiasieg

          Nun war der furchtlose Bursche aus Übersee ihnen um die Ohren gefahren. Johnson war der erste Amerikaner, der ein olympisches Skirennen gewann, und begründete damit die Tradition der Überraschungssieger aus den Vereinigten Staaten. Sein Grinsen ärgerte die genervten Europäer noch eine Weile. Doch im Grunde war das Bill-Johnson-Märchen schon auf dem Siegerpodest von Sarajevo zu Ende.

          Der Olympiasieg brachte ihm nur kurzen Ruhm, weitere Erfolge blieben aus, für die Winterspiele 1988 konnte er sich nicht qualifizieren. Johnson musste sich schließlich als Gelegenheitsarbeiter auf dem Bau durchschlagen. Und als 1992 sein kleiner Sohn Ryan mit 13 Monaten in einem Whirlpool ertrank, weil jemand vergessen hatte, eine Tür zu schließen, nahm Bill Johnsons Leben eine schreckliche Wende.

          „Ski to die“ - „Skifahren bis zum Tod“

          1999 verließ ihn seine Frau und nahm seine beiden anderen Söhne mit. Das Geld war ausgegangen, Johnson lebte in einem Wohnwagen, rauchte, trank, nahm Drogen, und es fiel ihm nur eine einzige Möglichkeit ein, wie er sein Leben würde verbessern und seine Familie zurückgewinnen können: noch eine olympische Abfahrt. Sechzehn Jahre nach seinem Coup von Sarajevo begann er wieder zu trainieren, um sich für Salt Lake City 2002 zu qualifizieren.

          „Ski to die“ - „Skifahren bis zum Tod“ - ließ er sich auf seinen linken Oberarm tätowieren, bevor er auf einem Höhenzug namens Corkscrew nahe Whitefish in Montana zum Trainingslauf für die amerikanischen Meisterschaften startete. Er flog mit mehr als 100 Kilometer pro Stunde aus einer Rechtskurve, überschlug sich mehrmals und durchtrennte einige Fangnetze. Drei Wochen lag er mit schwersten Gehirnverletzungen im Koma, weitere sechs Wochen auf der Intensivstation.

          Es gibt keine Lebensqualität mehr für ihn

          Johnson hatte ein großes Stück Erinnerung verloren, er glaubte, er wäre immer noch verheiratet und kannte seine Söhne kaum mehr. Seine Mutter übernahm seine Pflege, die Vereinigung ehemaliger Olympiateilnehmer und die Franz-Klammer-Stiftung unterstützten ihn mit Geld. Einkommen hatte Johnson keines mehr. Immer wieder erlitt er leichte Schlaganfälle, die ihn weiter beeinträchtigten. Nach einem schweren Schlaganfall vor drei Jahren zog er in ein Pflegeheim in Gresham/Oregon. Er konnte kaum noch mehr bewegen als die rechte Hand, mit der er seinen Rollstuhl dirigierte.

          Am 29. Juni musste Johnson wegen einer rätselhaften Infektion ins Krankenhaus, elf Tage verbrachte er auf der Intensivstation. „Die Ärzte behandelten ihn mit Antibiotika“, wird seine Mutter DB Johnson-Cooper in amerikanischen Medien zitiert, „aber sie gaben zu, sie wüssten auch nicht, was sie machen sollten.“ Es gebe keine Lebensqualität mehr für ihn, sagte sie. „Und es wird sie auch nie mehr geben.“

          „Der Arzt war sehr ehrlich zu ihm“

          Am Sonntag vor zwei Wochen entschied Bill Johnson, auf alle lebenserhaltenden Maßnahmen zu verzichten. „Der Arzt war sehr ehrlich zu ihm, und Bill wusste genau, was er wollte. Er verlor ein paar Tränen, was sehr schwer zu ertragen war“, berichtete seine Mutter. Johnson hatte genug von Nadeln und Schläuchen, er wollte keine Magensonde mehr, keinen zusätzlichen Sauerstoff und keine Antibiotika und kehrte in sein Pflegeheim zurück. Nun, kaum mehr bewegungsfähig und am Ende einer fast drei Jahrzehnte langen Abfahrt, habe er nur noch einen Wunsch, sagt seine Mutter. „Er möchte einschlafen.“

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