https://www.faz.net/-gtl-6ycsm

Biathlon-WM : Neuner-Festspiele enden mit Rang zehn

Alles gegeben, keine Medaille mehr erreicht: Magdalena Neuner nach ihrem letzten WM-Rennen Bild: REUTERS

In ihrem letzten WM-Rennen reicht es für Magdalena Neuner nur zu Rang zehn, weil sie sich zu viele Schießfehler leistet. Eine andere Deutsche verpasst beim Sieg von Tora Berger im Massenstart nur knapp Platz drei.

          3 Min.

          Ein rauschendes WM-Finale war es nicht in der Chiemgau Arena. Das lag nicht so sehr am Regen. Wahrscheinlich hatten die 28.000 Biathlonfans am Sonntag noch eine sportliche Großtat von „ihrer“ Magdalena erwartet. Aber die 25 Jahre alte Wallgauerin mit Nachnamen Neuner blieb im Massenstart dann doch eher unauffällig.

          Sechs Strafrunden, der nachträglich nach der Disqualifikation von Olga Saizewa zu Rang zehn verbesserte Ehrenplatz, mehr als eine Minute hinter dem Spitzentrio Tora Berger aus Norwegen, der Französin Marie Laure Brunet und Kaisa Mäkäräinen aus Finnland. Und im Ziel zeigte die zwölfmalige Weltmeisterin auch keine große Reaktion, kein Winken, kein Gruß. Ein stumpfer Ausklang. Aber immerhin sagte sie etwas: „Es war eine tolle WM, aber es ist gut, dass es jetzt vorbei ist. Heute haben mir Kraft und Konzentration gefehlt. Aber vier Medaillen sind ja nicht so schlecht.“

          Tora Berger war mit allein dreimal Gold erfolgreicher, aber wie man es dreht und wendet: Ruhpolding war die Weltmeisterschaft der Magdalena Neuner. Selten war eine Biathlon-WM medial so stark auf eine Person zugeschnitten. Eine Biathlon-Ikone nimmt Abschied im eigenen Wohnzimmer, das hat ja auch etwas, selbst wenn sie dieses Wort bei jeder Gelegenheit weit von sich geschoben hat. „An Abschied denke ich frühestens nach dem letzten Saisonrennen in Chanty-Mansijsk, in der Disco“, hat sie gesagt.

          Am Gewehr klemmt’s: Magdalena Neuner leistet sich zu viele Schießfehler
          Am Gewehr klemmt’s: Magdalena Neuner leistet sich zu viele Schießfehler : Biathlon-Weltmeisterschaft in Ruhpolding Bild: dpa

          Aber natürlich schwang dieser Rückritt immer im Hintergrund mit. Er war die Basis für die Neuner-Manie, die ansonsten moderater ausgefallen wäre. Neuner auf dem WM-Plakat, Neuner auf dem Programmheft, Neuner auf dem IBU-Magazin, Neuner im „Frühstücksfernsehen“, Neuner in der „Tagesschau“, Neuner in „Blickpunkt Sport“. Bei fast jeder Siegerehrung im Champions Park war sie auch dabei: alles, einfach alles Neuner. Hätte nur noch gefehlt, dass sie auf dem WM-Logo auftauchte. Aber das war längst gedruckt.

          Sie kann auch Zähne zeigen

          Was bleibt haften? Ihr hoher Anspruch, bei ihrer letzten WM in jedem Rennen eine Medaille zu gewinnen. Und wie offensiv, wie selbstbewusst sie ihn vertrat. Die Gelassenheit, zumindest äußerlich, mit der sie dem Druck begegnete. „Ist doch auch was Positives“, sagte sie stets. Die Engelsgeduld, mit der sie die immer gleichen Fragen beantwortete: über die WM, den Druck, den Abschied, das Leben danach. Sie beherrscht die Kunst, jeden Interview-Wunsch zu bedienen, ohne dass je der Eindruck professioneller Routine entsteht.

          Sie kann aber auch die Zähne zeigen, sogar öffentlich. Etwa, als sie in einer Pressekonferenz ihren Kollegen Arnd Peiffer nach dessen Fauxpas in der Mixed-Staffel gegen die ihrer Meinung nach ungerechtfertigte Kritik in einem Boulevardblatt verteidigte: „Das war voll daneben.“

          Lockerheit in Person

          Ansonsten war Magdalena Neuner die Lockerheit in Person, nicht nur im Gespräch, wenn sie erzählte, dass da oben im abgeschotteten Mannschaftshotel schon mal der ein oder andere Schnaps oder Eierlikör die Runde gemacht habe, sondern auch vor den Rennen. Sie lachte, scherzte, tanzte noch, als andere längst tief im Konzentrations-Tunnel versunken waren.

          Da tauchte sie erst hinein, als es darauf ankam. Am eindrucksvollsten war das bei ihrem frühen WM-Meisterstück. Dem Sprint. Da gelang ihr das, wovon jeder Biathlet träumt: das perfekte Rennen. In einem hochklassigen Duell mit ihrer schärfsten Konkurrentin, der Weißrussin Darja Domratschewa. Die tags darauf den Spieß umdrehte, weil die deutsche Rivalin in der Verfolgung für ein paar Sekunden eben doch die Konzentration am Schießstand verlor.

          Patzer in der Staffel

          Geschenkt worden ist Magdalenas Neuner nichts bei dieser Heim-WM, die Konkurrenz wartete nur auf Schwächen. Die offenbarte sie auch. Was absolut verständlich ist. Wer so im Mittelpunkt steht, muss irgendwann Wirkung zeigen. Alle Träume sind jedenfalls nicht in Erfüllung gegangen. Der Titel im sperrigen Biathlon-Klassiker, dem Einzel, wird ihr ewig fehlen in der imposanten Sammlung. Da war schon die Enttäuschung zu spüren, weil sie diese Lücke unbedingt schließen wollte.

          Dann der Patzer in der Staffel am Samstag, als ausgerechnet die Frau, die von den Trainern dazu auserkoren war, an der ungewohnten Position zwei eine große Lücke zur Konkurrenz zu reißen, sich die einzige Strafrunde im deutschen Sieger-Quartett leistete. Und sich in einer ungewohnten Rolle wiederfand. Meist war es ja so, dass sie die Fehler ihrer Kolleginnen ausbügeln musste. Wie vor einem Jahr bei der WM-Staffel in Chanty-Mansijsk.

          Norwegische Siegerin: Tora Berger holt sich den letzten Sieg dieser Weltmeisterschaft
          Norwegische Siegerin: Tora Berger holt sich den letzten Sieg dieser Weltmeisterschaft : Bild: dpa

          Diesmal hatte ihr Standardsatz: „Wir gewinnen alle zusammen, da zählt die Einzelleistung weniger“, eine ganz neue Bedeutung. Weil sie bei WM-Titel Nummer zwei auf die Hilfe von Tina Bachmann, Miriam Gössner und Andrea Henkel angewiesen war. Und sie gab es ja auch zu, wem sie dieses zweite Gold verdankt. „Diesmal haben es die anderen herausgerissen. Jetzt steht es 1:1.“

          Was denen im tiefen Neuner-Schatten richtig gut tat, weil es vielleicht auch ein Fingerzeig für die Zukunft war. Miriam Gössner, von Neuner zu ihrer potentiellen Nachfolgerin auserkoren, schlüpfte zum ersten Mal in die Neuner-Rolle und holte den entscheidenden Vorsprung heraus. „Ich war da, als es darauf ankam“, sagte sie stolz. Das Bild, wie Magdalena Neuner ihre 21 Jahre alte Zimmerkollegin mit einem Klaps auf die Strecke schickte, könnte durchaus symbolischen Charakter haben. Die souveräne Schlussläuferin Andrea Henkel, die ja auch schon einiges bewegt hat in ihrer langen Karriere, formulierte es mit Blick auf die Zukunft so: „Eine große Athletin geht, aber das ist nicht das erste Mal. Und wir haben heute gezeigt, dass wir es auch können. Insofern war diese Staffel sehr wichtig.“ Mag sein, dass dies ein Schlüsselerlebnis gewesen ist. Ein Abschied, der ein Stück Zukunft enthält.
           

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Hart aber fair : Der Balken im eigenen Auge

          In den Vereinigten Staaten endet die Amtszeit von Donald Trump. Damit beginnt der Kampf um die politische Mitte, aber anders als gedacht. Immerhin kommt aber dort niemand auf die Idee, die Gewährung von Grundrechten als Belohnung zu betrachten. Das schaffen nur wir Deutschen.

          Schwere Stürze bei Bora : Der Albtraum jedes Radrennfahrers

          Schlimme Unfälle wie beim deutschen Team Bora-hansgrohe am Gardasee sind längst kein Einzelfall. Wer sich auf schmalen Reifen im Straßenverkehr bewegt, lebt gefährlich. Das gilt besonders für Kinder und Jugendliche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.