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Biathlon-WM in Antholz : Wie aus dem Bilderbuch

Endlich richtiger Winter: In Antholz dürfen die Athleten auf natürlichen Schnee. Bild: dpa

Nach all den Klimawandel-Rennen fast ohne natürlichen Schnee ist die Biathlon-WM in Antholz eine Wohltat. Das liegt aber nicht ausschließlich am prächtigen Weiß auf den Pisten.

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          Selbst im Antholzer Tal beginnt in diesen milden Zeiten der richtige Winter erst bei 1400 Höhenmetern. Wie gut, dass die Südtirol Arena hinten im Talschluss unter dem Staller Sattel auf gut 1600 Metern über Normalnull liegt. Hier oben kommt der Schnee nicht ausschließlich aus der Kanone, sondern ist tatsächlich vom Himmel gefallen. Sogar ziemlich frisch. Zumindest bis Mittag, bis die Februarsonne dann ihre volle Kraft entfaltet, knirscht er so richtig unter den Stiefeln. Und wenn dann die Dreitausender der Rieserferner-Gruppe im Sonnenlicht gleißen, dann weiß man, warum Antholz als das Mekka im Biathlonzirkus gilt.

          Ein schöneres alpines Winter-Ambiente hat kein anderer Weltcup-Ort zu bieten. Welch eine Wohltat nach all den Klimawandel-Rennen auf schmutzigen Kunstschneebändern. Genau der richtige Rahmen für die Biathlon-Weltmeisterschaften, die an diesem Donnerstag (14.45 Uhr im ZDF und bei Eurosport) beginnen. Und die auch eine Art Testlauf für die Olympischen Spiele 2026 in Mailand/Cortina sind. Dann ist Antholz als Biathlonstandort mit im Olympia-Schlitten, weil schließlich doch die Vernunft gesiegt hat und man im Sinne der Nachhaltigkeit nun auf das baut, was man schon hat und was eine lange Tradition besitzt. Was die Arena auch zu einem Prestigeobjekt für die Südtiroler Landesregierung macht.

          15 Millionen Euro investiert

          Deswegen hat man über die vergangenen Jahre rund 15 Millionen Euro investiert: in neue Gebäude, ein Parkdeck, eine hochmoderne Beschneiungsanlage samt Schneedepot, ein Areal für die Wachstrucks, eine Lounge für besonders wichtige Menschen. Allein auf der teilmobilen Tribüne, die rechts vom Schießstand in den Himmel ragt, finden jetzt 15.000 Zuschauer Platz. Ein veritables Monster, das sich nicht unbedingt harmonisch in die Antholzer Bilderbuchlandschaft einfügt, auch wenn das der Anspruch war. „Wenn man drauf zufährt“, sagt der deutsche Einzel-Weltmeister Arnd Peiffer, „hat man das Gefühl, man guckt vor ne Wand.“ Immerhin eine kunterbunte Wand, wenn erst mal die Zuschauer da sind. Architektonisch die größte Herausforderung aber war das Pressezentrum. Weil die Biathlon-Strecke direkt darüber hinwegführt und man einen Saal ohne die Sicht behindernde Säulen haben wollte, mussten die Ingenieure quasi mit Brückentechnik arbeiten, zumal die Saaldecke im Ernstfall 40 Tonnen Belastung standhalten muss.

          Will angreifen: Biathlet Benedikt Doll in Antholz

          Rund 165.000 Besucher erwartet das Organisationskomitee an den neun Wettkampftagen, den Großteil davon aus deutschen Landen. Limitierender Faktor, was die Zuschauerströme angeht, bleibt die einzige Straße, die durch das Antholzer Tal hoch zum Biathlonzentrum führt: eine logistische Herausforderung, die mit Hilfe eines ausgeklügelten Shuttlesystems bewältigt werden soll, in das auch die Bahn eingebunden ist. Und im Gegensatz zur letzten Antholzer WM im Jahr 2007, als der Stern der deutschen Rekordweltmeisterin Magdalena Neuner aufging, dürfen die Südtiroler diesmal sogar Medaillen von einheimischen Skijägern erwarten.

          Eine Medaille wäre eine Erlösung

          Vor allem von einer Skijägerin. Dorothea Wierer stammt aus Rasen, nur zehn Kilometer vom Biathlonzentrum entfernt, und die aparte, 29 Jahre alte Frau, Markenzeichen Schnellfeuereinlagen, ist spätestens im vergangenen Winter zum Südtiroler Superstar geworden. Erst gewann sie bei der WM 2019 in Östersund den Titel im Massenstart, dann holte sie sich auch noch den Gesamt-Weltcup. Und aktuell liegt sie auf Rang zwei der Gesamtwertung. Kein Wunder, dass der Druck einer ganzen Region auf ihr lastet; einer ganzen Nation wäre wohl zu viel der Ehre, selbst wenn das mediale Interesse an Frau Wierer inzwischen auch im Rest von Italien deutlich gestiegen ist. Doro, wie sie jeder nennt, ist die Werbefigur dieser WM, und irgendwie versucht sie, bei „aller Aufregung und dem ganzen Druck diesen Event hier zu genießen“. Und konzentriert zu bleiben. Eine Medaille bei erster Gelegenheit wäre da wie eine kleine Erlösung. Beim WM-Entree, der Mixed-Staffel an diesem Donnerstag, stehen die Chancen ziemlich gut. Vor einem Jahr in Östersund hat es für Wierer und Co. immerhin zu Platz drei im gemischten Quartett gereicht.

          Aber das einstige Stiefkind der Biathlonfamilie genießt längst oberste Priorität. Was sich allein an der Aufstellung des deutschen Teams ablesen lässt: Franziska Preuß, Denise Herrmann, Peiffer und Benedikt Doll – das ist nominell das Beste, was Biathlon made in Germany derzeit zu bieten hat. Und die Norweger oder Franzosen halten es nicht anders. Die deutschen Biathleten sind gesund und fit aus dem Trainingslager in Ridnaun, ebenfalls Südtirol, nach Antholz herübergekommen. Und Cheftrainer Mark Kirchner hat keinen Zweifel daran gelassen, „dass Medaillen unser Anspruch“ sind. Es müssen ja nicht unbedingt so viele sein wie vor einem Jahr. Aus Östersund kehrten die deutschen Skijäger – damals noch mit Laura Dahlmeier – mit sieben Plaketten heim, die von Denise Herrmann und Peiffer waren aus Gold. Und fast alle behaupten noch heute, dass der gute Start – Platz zwei in der Mixed-Staffel – der Schlüssel zum Erfolg gewesen sei. Weil so ein Gemeinschaftserlebnis in einem Team Kräfte freisetzt. „Man kommt dann gleich in einen Flow“, sagt Denise Herrmann. Aber auf den hoffen alle.

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