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Biathlon-WM : Die Vergangenheit ist nicht eingeladen

  • -Aktualisiert am

Staffelrennen vor großer Kulissse Bild: dpa/dpaweb

Olympische Stimmung in der Rennsteigarena, doch ob die WM für Oberhof Geschäft wird, ist zweifelhaft. Zudem verdrängt man die lästige Stasi-Vergangenheit und nährt den Verdacht, daß die alten Seilschaften immer noch den Ton angeben.

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          Sie kommen schon am frühen Morgen mit Rucksäcken, aus denen Fahnen hervorlugen. Sie kommen in Grüppchen zu Fuß oder entströmen den unzähligen Bussen, die sich in Dreierreihen die Straße hinauf zum Grenzadler stauen, nehmen geduldig Wartezeiten und sogar Nebelabsagen in Kauf. Und sie feiern im Stadion schon Stunden, bevor sich der erste Biathlet überhaupt blicken läßt. Dann legt der DJ den "Anton aus Tirol" auf, und die Bässe dröhnen durch die modernste Biathlonarena der Welt. Nummer eins der Oberhofer Biathlon-Hitparade ist allerdings unangefochten das Lied vom "alten Holzmichel" aus dem Erzgebirge. Und wenn ihre Lieblinge dann am Nachmittag losrennen und auf kleine Scheiben schießen, bricht in der Rennsteigarena die Hölle los. Wenn die 25000 in Fahrt geraten, klingeln den Skijägern die Ohren, daß mancher seinen eigenen Atem nicht mehr hört. Und die Leute machen keinen Unterschied, ob da Ricco Groß oder Raphael Poiree auf der Matte liegen: "Das beste Biathlonpublikum der Welt", sagt Ole Einar Björndalen, der die WM in Oberhof deswegen "für uns Athleten fast größer als Olympia" einschätzt. Und Anders Besseberg, der Präsident der Internationalen Biathlon-Union (IBU), ist von Atmosphäre und Organisation derart beeindruckt, daß er von "einem Quantensprung für den Biathlonsport" gesprochen hat. Das mag wissenschaftlich nicht korrekt formuliert sein, aber natürlich ist klar, was der Norweger gemeint hat. Ob die WM für Oberhof einen Quantensprung bedeutet, um im Bild zu bleiben, ist eher ungewiß.

          Die täglichen Fernsehbilder aus einer Biathlonarena beinahe in Fußball-Dimensionen sind für den 1700-Einwohner-Ort, den sich mancher Oberhof-Neuling vom Hörensagen her viel größer vorgestellt hätte, "als Werbung unbezahlbar", sagt Bürgermeister Hartmut Göbel. Zumal der Winter wieder eingekehrt ist und das gewünschte Postkartenambiente liefert: Dick vermummte Tannen, Schneewälle an den Straßenrändern. Das ist ungeheuer wichtig fürs Image eines Fremdenverkehrsortes.

          Wolf am Schießstand

          Der Ruf hat ohnehin durch die wiederaufgeflammten Stasi-Diskussionen vor der WM gelitten. Die nicht ganz freiwilligen Rücktritte von Wettkampfleiter Karl-Heinz Wolf, einst als "IM Ernst" für das DDR-Ministerium für Staatssicherheit aktiv, und Rolf Christian ("IM Peter Fischer"), Präsidiumsmitglied des WM-Organisationskomitees, die nur die Spitze des alten Spitzel-Eisbergs waren, haben den Verdacht genährt, daß die alten Seilschaften immer noch den Ton angeben. Und die Oberhofer tun wenig, um diesen Verdacht zu entkräften. Schweigen, aussitzen, lautet die Devise. Bei der WM hat Karl-Heinz Wolf zwar keine offizielle Funktion mehr, aber er gibt täglich am Schießstand Kommandos, und in den Diskussionen ist meist nur wenig Unrechtsbewußtsein zu erkennen. Dazu paßt auch, daß es das Organisationskomitee nicht für nötig befunden hat, die erste deutsche Olympiasiegerin im Biathlon einzuladen. Antje Misersky aus dem nahen Stützerbach, 1992 in Albertville im Einzel erfolgreich, verweigerte die Einnahme von Dopingmitteln, ihr Vater Henner, damals Lehrer und Trainer, lehnte sich gegen das System auf. Er spricht heute noch vom "roten Filz", während seine Tochter, die vor zehn Jahren nach Heber in der Nähe von Salt Lake City ausgewandert ist, mit dem Kapitel Oberhof abgeschlossen hat.

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