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Biathlon-WM : Die Last am Schießstand, wenn alles hinter einem schreit

  • -Aktualisiert am

Noch herrscht Ruhe am Schießstand Bild: dpa/dpaweb

Zwischen Begeisterung und Bangen schweben die deutschen Skijäger, wenn sie an die Atmosphäre denken. Die WM in Oberhof ist so gut wie ausverkauft, 23.000 Zuschauer werden jeden Schuß lautstark kommentieren.

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          Ein paar Meter vom großen Park- und Rummelplatz des Oberhofer Biathlonstadions am Grenzadler entfernt ist die Welt für Normalbürger zu Ende. Ein Schlagbaum, ein Zaun, eine lange Auffahrt und ganz hinten kantige Zweckgebäude in Rot- und Gelbtönen. Ein Fünf-Sterne-Hotel sieht anders aus, aber eine Bundeswehrkaserne bietet eben nur begrenzten Komfort. Und doch werden sich die deutschen Biathleten hier während der am Samstag beginnenden Weltmeisterschaft fast wie zu Hause fühlen. Das ist es für einige ja auch. Zumindest als Zweitwohnsitz. Die meisten Skijäger gehören schließlich einer Sportförderkompanie an.

          Zwar hält sich die Begeisterung in Grenzen, aber Olympiasiegerin Kati Wilhelm behauptet: "Ich habe da mein Einzelzimmer mit allem was ich brauche." Die Kaserne bietet zudem zwei unschätzbare Vorteile: Kein anderes Team hat es so nah zu den Wettkampfstrecken rund um die Rennsteigarena, die nur ein paar hundert Meter entfernt ist. Und was noch wichtiger ist: "Wenn wir durch das Tor gehen, dann ist Ruhe", sagt Kati Wilhelm, die ansonsten Trubel nicht abgeneigt ist.

          Frank Luck nur Ersatz

          Einer, der die Kaserne am Rennsteig bestens kennt, würde derzeit liebend gerne das schlichte Ambiente genießen. Aber statt sich in aller Stille auf seine Abschieds-WM vorzubereiten, muß Frank Luck in Südtirol derzeit seine Trainingsrunden drehen. Der Senior aus Oberhof hört am Saisonende auf, und ist dennoch für sein letztes Heimspiel nur Ersatz. Sprint, Verfolgung und Massenstart finden definitiv ohne den 36 Jahre alten Schnellschützen statt, und die Wahrscheinlichkeit, über 20 Kilometer oder in der Staffel zum Einsatz zu kommen, ist eher gering. Eine schwache Saison, deren Ursache, ein verschleppter Magen-Darm-Infekt, erst spät erkannt wurde, hat ihn ausgerechnet jetzt ausgebremst. Ob er noch rechtzeitig wieder fit wird, ist fraglich. "So hatte ich mir das nicht vorgestellt", sagt Luck, der sich den Fans gerne noch einmal von seiner besten Seite gezeigt hätte.

          Auch wenn die manchmal übertreiben. Es ist schon vorgekommen, daß sich Skijäger, die unvorsichtigerweise den kurzen Weg zwischen Kaserne und Arena zu Fuß bestritten haben, unversehens von einem Pulk umgeben sahen, dem sie lange Zeit nicht entfliehen konnten. Diesmal nehmen sie den Pendelbus - bei soviel Zuneigung allemal die athletenfreundlichere Lösung. Die deutschen Biathleten bei der Heim-WM als abgeschlossene Gesellschaft? "Nein, so weit geht das nicht", sagt Thomas Pfüller, der Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes. "Wir wollen uns nicht gänzlich abschotten, aber es gibt Zeiträume, wo man unter sich sein muß". Zur Mannschaftsbesprechung beispielsweise. Und das könnte schwierig werden, wo sie in den ohnehin längst ausgebuchten Hotels doch alle zusammenrücken müssen. "Es kann ja auch mal sein, daß einer krank wird, und wir ein zusätzliches Zimmer brauchen", sagt Pfüller und lobt die vielfältigen Möglichkeiten der Kaserne.

          Arena mit Fußballstadioncharakter

          Es wird turbulent genug, wenn die Biathleten zum sportlichen Ernstfall ausrücken. In der Rennsteigarena wird es brodeln. Das war im alten dunklen Hexenkessel so, und das hat sich auch nach dem sechs Millionen Euro teuren Umbau in eine luftig-moderne Arena mit Fußballstadioncharakter nicht geändert, wie die Generalprobe im Januar 2003 eindrucksvoll gezeigt hat.

          Zwischen Begeisterung und Bangen schweben die deutschen Skijäger, wenn sie an die Atmosphäre denken. Die WM ist so gut wie ausverkauft, jeden Tag werden 23000 Zuschauer ihren Lieblingen lärmend Beine machen und jeden Schuß lautstark kommentieren. "Die besten Zuschauer der Welt", nennt Branchenprimus Ole Einar Björndalen das Oberhofer Publikum.

          „Eher eine Heimlast"

          Aber auch der fünfmalige Olympiasieger weiß, was es heißt, vor eigenem Publikum aufzutreten. Damals, bei der WM 2000 in Oslo, hat er mit Ach und Krach Bronze gewonnen - und war heilfroh. Kein Wunder, wenn die Deutschen einerseits von "Gänsehaut" und "Kick", andererseits von zittrigen Beinen und jeder Menge Druck sprechen. Aber in einem Punkt sind sie sich absolut einig. Heimvorteil? "Den gibt es nicht", sagt Peter Sendel, und der Oberhofer hat schon einiges erlebt in seiner Karriere. Und Uschi Disl, noch länger im Geschäft, setzt noch einen drauf: "Das ist eher eine Heimlast." Die Erwartungshaltung zieht manchen hinab wie ein zu schwerer Rucksack. "Du mußt erstmal schießen können, wenn alles hinter dir schreit", sagt Uschi Disl und ergänzt: "In Pokljuka ist das alles viel einfacher."

          Das mag ja alles sein, aber selbst der Hinweis, daß die Branchenführer in diesem Winter aus Norwegen und Frankreich kommen, und daß die Russen immer besser in Schuß gekommen sind, befreit die deutschen Biathleten nicht von der Medaillenpflicht. Mögen Liv Grete Poiree, Sandrine Bailly, Ole Einar Björndalen und Raphael Poiree schon deshalb Favoriten sein, weil die Strecken am Grenzadler äußerst selektiv sind und die Läufer unter den Biathleten bevorzugen, mag die Oberhofer Weltcup-Statistik noch so gegen die DSV-Skijäger sprechen: zählt alles nicht. Dann muß eben eine Überraschung her. Und man erinnert sich nur zu gerne der WM 2003 in Chanty Mansijsk, wo die ins Gerede gekommene deutsche Altherrenriege plötzlich wie Phönix aus dem Schnee auferstand. Groß Verfolgung-Weltmeister, Titel für die Staffel, Martina Glagow ebenfalls beste Verfolgerin, dazu jeweils zweimal Silber und Bronze. Schnee von gestern. "Der Druck in Oberhof wird brutal sein", sagt Bundestrainer Frank Ullrich, "aber damit müssen wir zurechtkommen."

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