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Biathlon-WM : Punktlandung am Schießstand

Experiment gelungen: Denise Herrmanns Rechnungen sind in Östersund aufgegangen. Bild: EPA

Rechtzeitig zur WM gewinnt Denise Herrmann die nötige Balance wieder, um die Scheiben zu treffen: Gold für die Umsteigerin aus dem Langlauf-Lager. Laura Dahlmeier rundet das deutsche Ergebnis ab.

          Als beim letzten Schießen auch die fünfte Scheibe fiel, hat sich Denise Herrmann einen winzigen Moment des Staunens gegönnt. „Wahnsinn, die sind ja tatsächlich alle umgegangen“, ist es der 30 Jahre alten Biathletin kurz durch den Kopf gegangen. So selbstverständlich ist das ja nicht bei ihr. Aber wenn das bei einer Weltmeisterschaft passiert, umso besser.

          Und laufen kann Denise Herrmann wie kaum ein Zweite. „Ich habe halt noch mal ordentlich Gas gegeben.“ Den Anstieg mit Vollspeed hinauf, dann wusste sie: „Diesen WM-Titel kann dir keiner mehr nehmen.“ Und so war dieser letzte Kilometer am Sonntag in der Verfolgung von Östersund ein reiner Genuss. Vorbei an den erstmals nahezu vollen Tribünen des Biathlonstadions, hinein ins Glück. Und die Sächsin mit Wohnsitz Ruhpolding hatte auch noch die Zeit, sich im Ziel in aller Ruhe das Sprintduell um Platz zwei anzuschauen: Dass Laura Dahlmeier gegen die Norwegerin Tiril Eckhoff hauchdünn verlor, fand die neue Weltmeisterin zwar schade, aber das hinderte sie nicht daran, von einem „perfekten Tag für mich und das Team“ zu sprechen.

          Und ihre prominente Kollegin, der „die letzten, zwei, drei Körner zu Silber gefehlt“ hatten, lobte Denise Herrmann: „Das war extrem stark. Es gibt nichts Schöneres als Weltmeisterin zu werden, und das aus eigener Kraft. Das hat sie sich verdient“, sagte Laura Dahlmeier nach ihrer zweiten Bronzemedaille bei dieser WM.

          Balance am Schießstand gefunden: Weltmeisterin Denise Herrmann

          Aber der Sonntag war eindeutig der Tag von Denise Herrmann, und da muss man feststellen: Experiment geglückt. Sie war die beste deutsche Langläuferin, besonders stark im Sprint, und 2014 in Sotschi mit Bronze in der Staffel erfolgreich, ehe sie im April 2016 für die Öffentlichkeit einigermaßen überraschend erklärte, sie suche eine neue Herausforderung mit einem bisschen mehr Ballast: Laufen mit dem Kleinkalibergewehr auf dem Rücken. Und knapp drei Jahre später ist sie Weltmeisterin im Biathlon. „Klar weiß man nie, was dabei herauskommt, aber ich bin ja nicht die einzige Umsteigerin, die es geschafft hat“, sagt Denise Herrmann.

          Aber natürlich kommt in solchen Erfolgsmomenten einiges hoch: Das kleine Schützen-ABC, das sie im Crashkurs mit dem ehemaligen Bundestrainer Gerald Hönig gelernt hat; den Sprung ins kalte Wasser, als sie in die starke Trainingsgruppe in Ruhpolding kam. „Da war ich anfangs total überfordert, aber nur so lernt man auch richtig schwimmen.“ Dann der erste Weltcup-Einsatz am 9. Dezember 2016; und vor allem die ersten beiden Weltcup-Siege im Dezember 2017 in Östersund. Seitdem liebt sie Östersund, vor allem die schweren Strecken, die ihr als Langläuferin entgegenkommen, aber auch den Schießstand, obwohl der ziemlich tückisch ist. Natürlich hatte sie vor der Verfolgung ein wenig Nervenflattern, aber da ist der Zimmerkollegin Karolin Horchler das richtige Entspannungsprogramm eingefallen: „Wir waren am Samstag mal ein bisschen bummeln in der Stadt“, sagt Denise Herrmann.

          Wie immer in den Medaillenrängen: Laura Dahlmeier setzt ihre bemerkenswerte Serie auch im 13. WM-Rennen fort.

          Die Saison ging ziemlich zäh los. Da waren anfangs Plätze um die 60 dabei, und auch mittendrin war nicht die erhoffte Leistungsentwicklung zu erkennen. Da kamen manchmal schon Zweifel auf. Gerade beim Heim-Weltcup in Oberhof, als so eine Art kollektives Versagen das neue Trainergespann Florian Steirer und Kristian Mehringer in die Kritik brachte. Und prompt Beistand von Denise Herrmann bekam: „Die Trainer machen einen sauguten Job und es ist schade, dass wir das jetzt noch nicht so oft zeigen konnten“, hat sie damals gesagt – und weiter gearbeitet.

          Sie hat sich eine Zeitlang selbst im Weg gestanden, weil sie zu viel wollte. Weil ihre Laufstärke zu höchsten Erwartungen Anlass gab: „Wenn du siehst, was möglich ist, wenn du Null schießt, dann verlierst du am Schießstand die Ruhe.“ Diese innere Balance aber braucht man, um die Scheiben im Ernstfall abzuräumen. „Die Trainer haben mir da sehr viel geholfen.“ Peu à peu hat sie gelernt, „bei mir zu bleiben“, nicht den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun, den Fokus nicht zu verlieren.

          Aber erst beim Nordamerika-Trip ist der Knoten geplatzt, vor allem bei letzter Gelegenheit. Da hat sie auf den olympischen Strecken von 2002 in Soldier Hollow die Verfolgung gewonnen – das letzte Rennen vor der WM. Und so etwas gibt einer, die weiß, dass sie es kann, auch das nötige Selbstvertrauen. Und jetzt – beim Saisonhöhepunkt – ist sie in bestechender Form, nicht nur läuferisch. Die Frau trifft jetzt auch. „Das war perfektes Timing“, sagt sie, und meint damit den Trainingsplan, der voll aufgegangen ist.

          Sie haben eben die Lehren gezogen aus der vergangenen Saison. „Das war eine komplett andere Situation, sagt Denise Herrmann. Damals musste sie sich erst für das Weltcup-Team qualifizieren, musste also zum Saisonanfang schon in Topform sein. Dass sie dann beim Weltcup-Auftakt – in Östersund – sowohl Sprint als auch Verfolgung gewonnen hat und sogar ins Gelbe Trikot geschlüpft war, hat bei vielen falsche Hoffnungen geweckt.

          Statt Durchbruch kam der Durchhänger, weil sie eben am Schießstand technisch und mental noch nicht so weit war. „Und hintenraus sind mir dann die Körner ausgegangen.“ In dieser Saison war sie von Anfang an im Weltcup-Team gesetzt und konnte den Formaufbau ganz auf den späten Saisonhöhepunkt ausrichten. Punktlandung nennt man das. Jetzt steht sie in Östersund mit Gold in der Verfolgung und Silber in der Mixed-Staffel schon jetzt glänzend da. Und selbst im schönsten Moment ihrer Karriere kann man sie auf den dunkelsten Fleck in ihrem Sportlerleben ansprechen. Damals, sie war 18 Jahre alt, hat sie wegen eines Hustens aus der Hausapotheke ein handelsübliches Mittel eingenommen. Es enthielt Clenbuterol und stand auf der Anti-Doping-Liste. Sie wurde ein Jahr gesperrt. „Es war die härteste Zeit meines Lebens“, sagt sie. „Aber ich spreche offen darüber und mache kein Geheimnis daraus.“

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