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Darja Domratschewa : Das große Glück der Biathlon-Mama

Hungrig: Biathlonstar Darja Domratschewa gibt in Oberhof ihr Comeback Bild: dpa

Als wäre sie nie weggewesen: Drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter gibt Darja Domratschewa beim Weltcup in Oberhof ihr Comeback. Gemeinsam mit ihrer großen Biathlon-Liebe will sie nun an alte Erfolge anknüpfen.

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          Sie ist wieder hungrig, sagt sie, und sie bekommt leuchtende Augen, wenn sie nur an Wettkampf denkt. Sie war ja auch lange weg. Weg vom Biathlonzirkus, fast zwei Jahre. Am 22. März 2015 hat Darja Domratschewa ihr letztes Rennen bestritten. Beim Weltcup-Finale in Chanty-Mansijsk, als die Weißrussin sich den Gesamt-Weltcup holte. Die dreifache Olympiasiegerin von Sotschi war die unumstrittene Biathlon-Königin damals. Jetzt ist sie 30 Jahre alt, steht wieder auf der Matte am Grenzadler, geht in den Anschlag und feuert Serien auf die fünf Scheiben in 50 Metern Entfernung. Im typischen Oberhofer Schnee- und Wind-Inferno.

          Und wenn man sie so beobachtet, hat man das Gefühl, dass Darja Domratschewa nie weggewesen wäre. Die Bewegungen sind sicher wie eh und je, sie hat nichts von ihrer läuferischen Eleganz eingebüßt, sie ist rank und schlank, wirkt durchtrainiert. Und niemand käme auf die Idee, dass diese Frau erst vor drei Monaten ein Baby bekommen hat. Aber Xenia, die am 1. Oktober 2016 in Minsk das Licht der Welt erblickte, ist beim Weltcup in Oberhof sogar dabei. In der Obhut ihrer Großeltern, so lange Darja Domratschewa ihrem Beruf nachgeht. Was sie durchaus genießt: „Es ist ein gutes Gefühl, wieder im Geschäft zu sein, all die Gesichter der Athleten und meiner Teamkollegen wiederzusehen und wieder in der Biathlon-Familie zu sein.“

          Lange ein offenes Geheimnis

          Dabei hat die Weißrussin jetzt ihre eigene Biathlon-Familie. Es ist viel passiert in den knapp zwei Jahren ihrer Weltcup-Abstinenz, mal ganz abgesehen vom Pfeifferschen Drüsenfieber, das sie ein Jahr gekostet hat. Die Beziehung zwischen ihr und dem norwegischen Biathlon-Heros Ole Einar Björndalen war lange eine Art offenes Geheimnis, immer gegenwärtig, aber nie bestätigt, ehe Björndalen die Liaison im April 2016 offiziell machte und bei dieser Gelegenheit gleich verriet, dass er im Oktober Vater werde. Mit 42 Jahren. Geheiratet haben sie am 7. Juli in einer kleinen Kirche in den Bergen um Sjusjoen in Norwegen. In aller Stille, im kleinen Kreis. Es gab nur ein paar Eingeweihte. Enge Freunde, die Familie. Zur Welt kam Xenia dann allerdings in Minsk. Und Björndalen hat seine Saisonvorbereitung deswegen weitestgehend nach Weißrussland verlegt.

          Jetzt ist er stolzer Vater, sagt aber im Wissen, wer die Hauptlast beim Nachwuchs trägt, voller Bewunderung: „Darja ist als Mutter genauso gut wie als Biathletin.“ Jetzt reisen sie als Familienunternehmen von Weltcup-Station zu Weltcup-Station. Was an sich nichts Neues ist. Man denke nur an das norwegisch-französische Biathlon-Paar Liv Grete und Raphaël Poireé, das 2004 bei der WM in Oberhof sieben von zehn Titeln gewann. Alles eine Frage der Mittel und Organisation - sofern der Spross mitspielt. Deswegen sieht Björndalen die neue Herausforderung auch nicht als Experiment. „Familie ist kein Experiment, sondern das Leben. Mit Familie experimentiere ich nicht, im Sport schon.“

          Björndalen hat sein geräumiges Motorhome, mit dem er im Weltcup-Zirkus unterwegs ist, jedenfalls äußerlich schon ganz auf die neuen Familienverhältnisse umgerüstet. Auf der Fahrerseite prangt über der gesamten Fläche ein überdimensionales Bild von Björndalen mit dem Kleinkalibergewehr im Anschlag unter den riesigen Lettern „achtmaliger Olympiasieger“. Die Beifahrerseite gehört jetzt ganz seiner Frau. Gleiche Optik, gleiches Motiv, nur mit einem kleinen Unterschied: Darja ist eben „nur“ dreimalige Olympiasiegerin. Fehlt eigentlich nur noch Xenia. Bei diesen Genen kann Töchterchen ja nur eine Super-Biathletin werden. Alles zu seiner Zeit. Aber jetzt muss die Mama erst mal wieder auf die Füße kommen.

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          Viele wundern sich sowieso, wie jemand drei Monate nach der Geburt wieder Hochleistungssport betreiben kann. Die Französin Marie Dorin-Habert zum Beispiel hat sich dafür fünf Monate Zeit gelassen. Und dann bei der WM 2015 in Kontiolahti zwei Titel gewonnen. Auch diesmal ist es eine Weltmeisterschaft, die Darja Domratschewa zur rekordverdächtigen Eile treibt. Und wenn man Gerald Hönig so hört, dann sollte man die junge Mutter bei den Titelkämpfen im kommenden Februar in Hochfilzen „auf dem Schirm haben“, wenn es um Medaillen geht. Der Bundestrainer der deutschen Frauen hat schon im November die ersten Gehversuche der Weißrussin auf norwegischem Schnee verfolgt und festgestellt: „Dort hat sie sich bewegt und auch geschossen, als sei sie nie weggewesen.“

          Aber Darja Domratschewa hat auch bis kurz vor der Geburt trainiert, und vier Wochen nach der Niederkunft wieder mit dem Training angefangen. Und Athletinnen ihrer Klasse brauchen eben nicht lange, um wieder konkurrenzfähig zu werden. Wobei sie das ja noch beweisen muss. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie bei 100 Prozent ist nach drei Monaten, aber bei ihr reichen auch 95 oder 93 Prozent, um in der erweiterten Weltspitze anzuklopfen. Da erwarte ich sie relativ schnell wieder“, sagt Hönig. Darja Domratschewa selbst sagt nur so viel: „Für mich geht es hauptsächlich darum, wieder in den Wettkampfmodus zu kommen.“ Was soll sie auch sonst vor ihrem Comeback an diesem Freitag im Sprint (Start 14.15 Uhr / live im ZDF) sagen? Sie weiß ja selbst nicht, wozu sie nach zwei Jahren Wettkampfpause wieder im Stande ist.

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