https://www.faz.net/-gtl-8p56o

Biathlon : Deutsche Festspiele in Oberhof

Großes Finale: Simon Schempp ist schneller als Erik Lesser und Martin Fourcade Bild: EPA

Das Thüringer Biathlon-Mekka feiert die deutschen Skijäger: Bei den Männern überholen Simon Schempp und Erik Lesser im Schlussspurt Superstar Martin Fourcade. Bei den Frauen meldet sich Laura Dahlmeier mit Rang zwei zurück.

          Sie haben ihn geknackt, den großen Meister. Sogar zu zweit. Noch dazu vor ihrem Heimpublikum. In einem Massenstartrennen, wie man es lange nicht gesehen hat. In einem Finale, wie es kein Regisseur besser hätte inszenieren können. Am Ende der langen Zielgeraden in Oberhof konnte Simon Schempp vor der begeisterten Menge schon die Arme im Triumph heben, als hinter ihm sein Teamkollege Erik Lesser mit einem langen Ausfallschritt noch den Biathlon-Krösus Martin Fourcade um Zentimeter niederrang.

          Was die beiden hinter Schempp gleichermaßen überraschte. Fourcade, weil er über das Geschehen in seinem Rücken nicht im Bilde war und sich in trügerischer Sicherheit wähnte. „Ich dachte, Erik ist viel weiter hinten, ich habe ihn erst gesehen, als er neben mir war“, sagte der Franzose. Was Lesser angesichts seiner 1,71 Meter Körpergröße verschmitzt mit den Worten konterte: „Vielleicht bin ich ja zu klein.“ Aber auch er habe sich gewundert, weshalb Fourcade nicht mehr das Allerletzte aus sich herausgeholt habe. „Er war doch in der besseren Position. Aber er hatte offenbar mit dem Rennen innerlich schon abgeschlossen.“

          Schempp reagierte richtig

          Die beste Position hatte indes Schempp. Weil er der einzige war, der nach dem letzten Schießen Fourcades furiosem Zwischenspurt am 500 Meter langen Birxstieg folgen konnte. Der hatte richtig Vollgas gegeben, „weil mir zu viele Leute in der Spitzengruppe waren“. Schempp, der sich schon in der vergangenen Saison das ein oder andere harte Duell mit Fourcade geliefert hatte, meist mit dem schlechteren Ende für sich, handelte da nach dem Motto: „Entweder es zerreißt mich, oder ich bleibe dran.“

          Aber es gelang ihm, die Sieben-Meter-Lücke wieder zu schließen. Und dann machte er das, was sonst Fourcade mit Vorliebe tut: Er blieb konsequent im Windschatten. „Da habe ich die Körner für den Schlussspurt gespart“, sagte Schempp nach seinem ersten Saisonsieg. Und Lesser, der sich schon mit dem Kampf um Platz fünf abgefunden hatte, bekam noch einmal die zweite Luft und rauschte aus der Tiefe des Raums unwiderstehlich heran.

          „Ein großer Tag“

          „Natürlich ist das ein großer Tag, wenn man zu zweit vorne ist, und dann noch vor dem eigenen Publikum“, sagte Schempp. Und wenn man den Meister schlägt. „Martin ist das Maß der Dinge, der gibt seit Jahren den Takt vor“, sagt Schempp, ohne die Frage nach der Genugtuung konkret zu beantworten. „Aber natürlich ist so ein Sieg gut für das Selbstvertrauen und für das Gemüt“, sagt der 28 Jahre alte Schwabe. Auch, weil er bislang in Oberhof nie sonderlich geglänzt hat.

          Fourcade, der am Samstag mit anderthalb Minuten Vorsprung die Verfolgung vor dem Niedersachsen Arnd Peiffer gewonnen hatte, gab sich tags darauf als fairer Verlierer. „Es war ein großer Kampf, und Simon war einfach schneller als ich.“ Und Lesser sei ihm quasi durchgerutscht. Aber schließlich habe er ja auch seinen Anteil am allgemeinen Freudentaumel in der Arena. „Die Leute waren glücklich, nicht weil die beiden gewonnen haben, sondern weil sie mich geschlagen haben.“ Trotzdem war es faszinierend zu sehen, welch unbändiger Kampfgeist in diesem eleganten Alleskönner steckt.

          Wer in diesem Jahr schon acht von elf Weltcuprennen gewonnen hat, könnte doch Fünfe gerade sein lassen, wenn es mal nicht so läuft. Aber wie der Biathlon-Krösus nach zwei „Fahrkarten“ beim dritten Schießen und 44 Sekunden Rückstand den sechsten Gang einschaltete, die steilsten Passagen hinaufsprang und nach einer blitzsauberen letzten Schießeinlage plötzlich doch wieder in Führung lag, das war schon phänomenal.

          Dahlmeier gönnt das Gelbe Trikot der Konkurrentin

          Laura Dahlmeier hat ja kürzlich gesagt, dass Fourcade ihr großes Vorbild ist. Nur würde der niemals freiwillig auf zwei von drei Rennen verzichten. So wie die 23 Jahre alte Bayerin in Oberhof. Aber am Sonntag war die beste deutsche Biathletin bei ihrem ersten Auftritt nach der verlängerten Weihnachtspause wieder bestens in Schuss.

          Zwei Rennen pausiert und wieder in gewohnter Form: Laura Dahlmeier wird ZWeite

          Das Gelbe Trikot, das sie ihr freiwilliger Teilverzicht gekostet hat, konnte sie zwar nicht zurückerobern, weil die neue Trägerin Gabriela Koukalova nach dem Sprint auch den Massenstart am Sonntag gewann, aber mit Platz zwei hinter der Tschechin lohnte sich Dahlmeiers Abstecher in den Thüringer Wald durchaus. „Ich denke, ich habe alles richtig gemacht. Wenn ich starte, möchte ich 100 Prozent geben und nicht nur mitlaufen“, sagte sie. Und was das ominöse Trikot angeht: „Die Gabi darf das Gelbe ruhig mal ausführen“, sagt Laura Dahlmeier. Fourcade würde so etwas nicht einmal denken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.
          Der Hedgefonds Elliott hat seinen Einstieg bei Bayer publik gemacht.

          Wegen seiner Mischstruktur : Elliott macht Bayer jetzt richtig Druck

          Der amerikanische Hedge-Fonds lässt Andeutungen fallen, die als Aufforderung zur Aufspaltung interpretiert werden können. Ganz nebenbei bestätigt er: Man ist mit einem 2-Prozent-Paket am Mischkonzern beteiligt.

          Trumps neue Sprecherin : Schroff und höchst loyal

          Donald Trump macht Stephanie Grisham, die Stimme der First Lady, zu seiner Sprecherin. Sie wird auch Chefin für strategische Kommunikation – eine machtvolle Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.