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Irgendwo im Niemandsland : Die Nöte der deutschen Biathlon-Frauen

Startschwierigkeiten in den Biathlon-Winter: Denise Herrmann, hier in Hochfilzen Bild: dpa

Dank 37 Schneekanonen und 30 LKW-Ladungen Schnee aus Gelsenkirchen kann der Biathlon-Weltcup in Oberhof überhaupt erst stattfinden. Doch das deutsche Team plagen derzeit ganz andere Probleme.

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          Manchmal kann man sich an den kleinen Dinge des Lebens erfreuen. „Aahh, hier ist es schön warm“, sagt Florian Steirer, als er am Mittwoch das Pressezentrum der Oberhofer Arena am Rennsteig betritt. Kein Wunder, der Disziplintrainer der deutschen Biathlon-Frauen ist durchgefroren bis ins Mark. Eine Stunde da draußen am Schießstand in der berüchtigten Oberhofer Wetterküche bei Nebel, Regenschauern und Temperaturen um null Grad, da muss man schon hartgesotten sein.

          Trotzdem wundert man sich, dass hier oben auf rund 800 Metern Seehöhe tatsächlich so etwas wie Winter herrscht. Die knapp zehn Zentimeter Naturweiß würden natürlich nie ausreichen, um einen Biathlon-Weltcup über vier Tage durchzuziehen. Aber dank des eigenen Schneedepots, 37 Schneekanonen und 30 LKW-Ladungen vom Show-Event aus Gelsenkirchen haben sie am Grenzadler trotz steigender Temperaturen halbwegs stabile Verhältnisse geschaffen. Wobei der weite Transport der weißen Pracht in Zeiten des Klimawandels für Diskussionen gesorgt hat. Aber eine Absage wäre Oberhof teuer zu stehen gekommen.

          Steirer hat ganz andere Probleme. Der Österreicher in Diensten des Deutschen Skiverbandes muss zusammen mit seinem Trainerkollegen Kristian Mehringer versuchen, die Skijägerinnen wieder in die Spur zu bekommen. Die Heim-Weltcups in Oberhof und Ruhpolding stehen an, und bislang hat in dieser Saison noch keine deutsche Biathletin auf dem Siegerpodest gestanden. Ein Novum im erfolgsverwöhnten Deutschland. Wie groß die Lücke ist, die eine Ausnahme-Biathletin wie Laura Dahlmeier hinterlassen hat, hat man kurz nach Weihnachten bei deren Abschied auf Schalke gesehen. Cool und abgezockt am Schießstand – und in der Spur auch neun Monate nach ihrem letzten Weltcup noch absolut konkurrenzfähig. So jemand ist nicht auf die Schnelle zu ersetzen. „Nehmen Sie mal bei Italien die Doro Wierer weg, oder bei Schweden die Hanna Öberg, dann bleibt auch nicht mehr so viel“, sagt Steirer.

          „Dann geht der Schuss nach hinten los“: Denise Herrmann (links) in Oberhof

          Es ist ja keineswegs so, als herrsche nach der Ära Dahlmeier nur die große Leere. Mit Denise Herrmann und Franziska Preuß hat Steirer immer noch zwei Athletinnen, die auf höchsten Niveau konkurrenzfähig sind – sofern sie ihr Potential ausschöpfen. Langlauf-Umsteigerin Denise Herrmann ist schließlich erst im vergangenen März in Östersund Weltmeisterin in der Verfolgung geworden. Praktisch jeder attestiert der 31 Jahre alten Oberwiesenthalerin das Zeug zur Podiums-Kandidatin. Sie sich übrigens auch. Läuferisch ist sie Weltspitze, aber am Schießstand fehlt ihr noch die Konstanz. Was nur zum Teil technisch bedingt oder mangelnder Erfahrung geschuldet ist. Das größte Problem bei Denise Herrmann ist der Kopf. „Die Denise will mit aller Gewalt zeigen, was sie kann. Aber dann geht der Schuss nach hinten los.“ Weil die Lockerheit fehlt. So wie im Dezember in Hochfilzen, als sie im Sprint als beste Deutsche auf Rang 41 landete – ein historischer Tiefpunkt – und in der Staffel dann mit aller Macht den Schalter umlegen wollte.

          Es wurde ein allgemeines Strafrunden-Desaster, das auf Platz zwölf endete, auch das beispiellos in der deutschen Frauen-Historie. Und die Trainer gerieten sozusagen selbst in die Schusslinie. Immerhin gab es beim Weltcup in Le Grand Bornand einen deutlichen Aufwärtstrend. Drei Top-Sechs-Plätze von Denise Herrmann entsprechen schon eher ihrem Leistungsvermögen. Aber sie will mehr. Über die Feiertage hat sie in der Höhe von Davos trainiert, schon im Hinblick auf die WM im Februar im 1600 Meter hoch gelegenen Südtiroler Biathlonzentrum Antholz. „Sie macht einen sehr guten Eindruck“, sagt Steirer nach der verregneten Trainingseinheit am Mittwoch, schränkt aber gleich wieder ein: „Im Stehendanschlag hat sie zu kämpfen gehabt.“ Und natürlich brennt sie auf ihren Einsatz im Sprint an diesem Donnerstag (14.30 Uhr in der ARD). Was sich schnell wieder zur Übermotivation auswachsen könnte. Da ist der Trainer als Psychologe gefordert. „Wir müssen auf die Denise beruhigend einwirken“, sagt Steirer.

          Anders liegen die Dinge bei Franziska Preuß. Der 25 Jahre alten Bayerin hat man einst das Talent einer Laura Dahlmeier bescheinigt. Allerdings hat sie bislang nie eine längere Phase ohne Verletzung oder Krankheit überstanden. Ihre große Schwäche ist die Infektanfälligkeit. In Oberhof besteht deswegen allenfalls eine kleine Chance auf einen Einsatz im Massenstart am Sonntag. Steirer rechnet aber eher erst in Ruhpolding wieder mit ihr. „Ihr Ausfall tut uns weh, vor allem in der Staffel“, sagt er. Denn die anderen deutschen Skijägerinnen bewegen sich derzeit aus verschiedenen Gründen auf einem Level, irgendwo im Niemandsland.

          Wobei Steirer stark relativiert: Für eine junge Athletin wie Janina Hettich, die vor zwei Jahren nicht einmal im zweitklassigen IBU-Cup unterwegs war, sei Platz 23 im Weltcup durchaus eine gute Leistung, während andere, wie Franziska Hildebrand oder Vanessa Hinz, ihrem eigenen Anspruch deutlich hinterherlaufen. Im Klartext heißt das: Das deutsche Trainerteam muss hinter Denise Herrmann und Franziska Preuß mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl eine neue Biathlon-Generation aufbauen. Die Frage, ob ein außergewöhnliches Talent Marke Dahlmeier in Sicht sei, beantwortet Steirer eindeutig: „Nein, leider nicht.“

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