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Biathlon-Weltcup in Oberhof : Kühn profitiert vom Geisterfahrer

Stabil aufs Podium: Johannes Kühn in Oberhof Bild: dpa

Johannes Thingnes Bö lässt Platz für andere: Der Überflieger der Saison ist in Oberhof nicht am Start. Schon gewinnt Biathlon-Altmeister Martin Fourcade das Rennen. Auch ein Deutscher profitiert im Sprint.

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          Wenn sich der neue Biathlon-König eine Auszeit gönnt, weil seine Frau in wenigen Tagen ein Baby erwartet, ist die Bühne frei für den alten. Martin Fourcade hat im Oberhofer Schmuddelwetter die Abwesenheit von Weltcup-Spitzenreiter Johannes Thingnes Bö genutzt und sich vor 11 000 Zuschauern den Sieg im Sprint geholt. „Ich konnte mein eigenes Tempo gehen und musste nicht jemandem hinterher laufen, was ich nicht kriegen kann“, sagte der Franzose ganz ehrlich nach seinem Erfolg vor seinem Landsmann Emilien Jacquelin. Auch die deutschen Skijäger hatten am Freitag, als am Oberhofer Grenzadler die vorletzten Schneereserven zusammengekratzt wurden, Grund zum Jubeln. Johannes Kühn holte sich Platz drei, wobei der 28 Jahre alte Bayer womöglich vom Blackout des Geisterfahrers Tarjei Bö profitierte. Der Norweger vergaß trotz Fehler, in die Strafrunde abzubiegen, kehrte dann entgegen der Laufrichtung zurück, um Versäumtes nachzuholen – keine Chance.

          Umso besser für Kühn, der immer mehr zur festen Größe im deutschen Team wird. „Der Fehler stehend war ärgerlich, weil die Bedingungen beherrschbar waren“, sagte der Biathlet, „und auf der Strecke war es hart, was ich hintenraus habe büßen müssen.“

          Dabei bestimmt Kühn international das Laufniveau mit, hat auch schon Bestzeiten geliefert. Am Freitag war nur Fourcade schneller. Die Qualifikationskriterien für die WM hat Kühn längst erfüllt, ist auf Platz zwölf im Gesamt-Weltcup vorgerückt, und mittlerweile ist er so etwas wie das Bindeglied zwischen den seit Jahren bewährten Spitzenkräften im Weltcup-Team und denen, die von unten nachrücken. Er kann durchaus in die Bresche springen, wenn die Veteranen wie Arnd Peiffer, der Siebter wurde, oder Benedikt Doll, den vier Schießfehler auf Rang 44 zurückwarfen, mal nicht so erfolgreich sind.

          Horn ist der Gewinner unter Nachrückern

          Am Freitag machte auch ein junger Oberhofer auf sich aufmerksam, der seine Premiere am Grenzadler gab. Philipp Horn, 25 Jahre alt, genoss sein erstes Heimspiel und schaffte es auch, in der allgemeinen Begeisterung die Nerven zu behalten. Platz 13 war der Lohn. Und was noch viel wichtiger war: Auch er hat die Qualifikationskriterien für die WM im Februar in Antholz erfüllt. Horn ist so etwas wie der bisherige Gewinner unter den Nachrückern, Er hatte sich schon mit Platz elf im Verfolgungsrennen in Le Grand Bornand für weitere Aufgaben empfohlen. Hier und da leistet er sich am Schießstand einen Fehler zu viel, aber läuferisch ist er für gewöhnlich vorne mit dabei.

          „Der Philipp hat sich jetzt etabliert in den Top 20 der Gesamt-WC-Wertung“, sagt Trainer Mark Kirchner. „Wichtig ist, dass er selbst gesehen hat, wozu er fähig ist.“ Horn war schon in der vergangenen Saison das erste Trimester dabei. „Damals waren seine Leistungen noch sehr instabil und schwankend“, sagt Kirchner, „jetzt hat er sehr ordentliche Wettkämpfe gemacht.“ Wie am Freitag in Oberhof. Lucas Fratzscher, sein gleichaltriger Kollege, konnte seine Chance mit Platz 86 allerdings nicht nutzen.

          Athleten in der Hinterhand

          So oder so – es tut sich was in der schon leicht in die Jahre gekommenen deutschen Männer-Mannschaft. Dreiviertel der großen Vier – Peiffer, Lesser und Schempp – gehören der Ü30 an, Doll wird am 24. März dazu stoßen. Das wird es langsam Zeit für einen Umbruch, zumal zwei der Spitzenkräfte nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Schempp kämpft nach einer regenerativen Auszeit um den Anschluss, was auch am Freitag mit einem Platz 43 zu sehen beobachten war. Erik Lesser, von einem Schlüsselbeinbruch und Infekten gehandicapt, muss gar an diesem Wochenende in der zweiten Biathlon-Klasse, im IBU-Cup, seine Runden drehen - und „liefern“, wenn er wieder in die Top-Liga will. Ob Platz sieben, wie am Freitag in Osrblie, da reicht? Da tun sich Lücken auf in der ersten Reihe. Und Cheftrainer Kirchner, seit Jahren von Fragen genervt, warum von unten nichts nachkommt, grinst: „Jetzt sind wir eben mal in der Situation, dass ein paar neue Gesichter auftauchen“, sagt er.

          Wobei keiner tatsächlich neu im deutschen Weltcup-Team ist. Und von Nachwuchs kann man schon gar nicht sprechen. Keiner der Nachrücker ist jünger als 25 Jahre alt. Aber die zweite Reihe, die seit Jahren zwischen IBU- und Weltcup pendelt, macht den etablierten Kräften zunehmend Druck. Das hat Olympiasieger Peiffer im Sommer in der Saisonvorbereitung zu spüren bekommen. „Die sind mir ganz schön um die Ohren gelaufen“, sagt der 33 Jahre alte Niedersachse.

          Kirchner hat aber auch noch andere Athleten in der Hinterhand. Als Schempp seine Saison Anfang Januar abbrechen musste, weil nichts mehr ging, war das die Chance für Phillip Nawrath. „Der hat da schon eine gute Weltcup-Saison gemacht“, sagt Kirchner. Das gilt auch für Roman Rees, der im März 2019 bei der WM in Östersund mit den Kollegen Silber in der Staffel gewonnen hat mit der Staffel und in Soldier Hollow sogar Dritter im Sprint war. Dauerhaft festsetzen konnten sie sich bislang nicht. Aber sie gehören genau wie Horn und Fratzscher zu dem Pool, auf den Kirchner in Zukunft setzt: „Das sind die Athleten, auf die wir uns in den nächsten Jahren konzentrieren werden.“

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