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Biathlon : Weit weg vom Schuss

  • -Aktualisiert am

Michael Greis: im Moment kein Überflieger Bild: REUTERS

Die Staffel sorgt zwar für ein wenig Glanz - die deutschen Biathleten aber legen einen zähen Saisonstart hin. Läuferisch können Greis und Co. zwar mithalten. Der Schießstand ist jedoch die Problemzone: Zu viele Fehler, kein Rhythmus, kein Tempo.

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          Am Sonntag riss der Himmel über Hochfilzen auf, und mit den Sonnenstrahlen fiel zum Schluss des Weltcups auch ein wenig Glanz auf die bislang so blassen deutschen Biathleten. Natürlich feierten die mehr als 13.000 Zuschauer stimmgewaltig den ungefährdeten Staffelsieg des österreichischen Quartetts, aber ähnlich laut wurde es im Stadion, als Simon Schempp hinter dem Russen Maxim Tschudow als Dritter ins Ziel kam. Und Bundestrainer Frank Ullrich damit von einer drückenden Last befreite: „Das hat der Simon bravourös gemeistert.“ Es war der erste Podestplatz für das deutsche Team in der noch jungen Saison. Und es war ein kleiner Befreiungsschlag, der Schempp da mit Christoph Stephan, Arnd Peiffer und Michael Greis gelungen war. „Die Jungs haben Charakter gezeigt.“ Man könnte es auch Trotzreaktion nennen.

          Viele hatten sich vor dem Rennen gefragt, ob den Bundestrainer die reine Experimentierfreude treibt oder erste Anflüge von Verzweiflung? Wie kann man dem 21 Jahre alten, unerfahrenen Schwaben Schempp den schweren Rucksack des Schlussläufers aufbürden? „Er hat in der Verfolgung mehr als 20 Plätze gut gemacht, kann schießen, ist unbekümmert. Da habe ich ihm gesagt: Simon, lauf du ab“, erklärte Ullrich seine Überlegungen. Auch das Vertrauen, das er Christoph Stephan trotz Platz 96 im Sprint geschenkt hatte, zahlte sich aus.

          So versöhnlich der Abstecher nach Tirol am Ende war: Eine gute Staffel macht noch keinen Winter, zumal an diesem Tag auch die Gegner mitspielten. Aber die Frage, warum die deutschen Biathleten so zäh wie lange nicht mehr in die Saison gestartet sind, bleibt. Oder ist alles nur eine Sache des Timings? Schließlich sind die Olympischen Spiele erst im Februar. Und Ullrich sagt immer: „Abgerechnet wird in Vancouver.“ Aber das sagen alle. Inklusive Weltcup-Spitzenreiter Emil Hegle Svendsen. Der Norweger, der sich am Samstag in der Verfolgung gegen den Österreicher Simon Eder und seinen Landsmann Ole Einar Björndalen durchsetzte, weiß aber auch: „Jedes gute Rennen vor Vancouver ist wichtig für das Selbstvertrauen.“ Recht hat er. Greis räumt ein, dass er derzeit noch mehr vom Glauben an seine Qualitäten lebt als von der Gewissheit: „Das Potenzial haben wir“, sagt der dreimalige Olympiasieger, „aber wir haben im Moment keinen Überflieger, der regelmäßig unter die Top drei kommt.“

          Letzter Wechsel: Michael Greis (l.) schickt Simon Schempp in die Spur
          Letzter Wechsel: Michael Greis (l.) schickt Simon Schempp in die Spur : Bild: AP

          Der Schießstand ist die deutsche Problemzone

          Nach vier Wettbewerben steht nicht einmal einer unter den Top Ten im Gesamtweltcup: Greis ist Elfter. Das Team wartet noch auf einen Podestplatz im Einzel, auch wenn Christoph Stephan als Vierter in Östersund nahe dran war. In Hochfilzen ist nur Arnd Peiffer als 14. unter den Top 20 gelandet. Am Freitag durfte man sich noch als Opfer der Verhältnisse fühlen. Im Tiefschnee sind die deutschen Schwergewichte im Nachteil, zumal man auch vom Material „nicht voll konkurrenzfähig“ war, wie der Bundestrainer befand. Und weil man die Rückstände vom Sprint mit in die Verfolgung nimmt, blieb am Samstag nur Schadensbegrenzung. Selbst die ging daneben: Greis, Peiffer und Birnbacher landeten auf den Plätzen 26 bis 28 – weit weg vom Schuss. „Vielleicht wollten sie einfach zu viel“, mutmaßt der Bundestrainer, der sich aber ganz sicher ist: „So schlecht, wie es die Resultate nahe legen, sind wir nicht.“ Das mag sein, aber Greis weist auch auf den gewachsenen Konkurrenzdruck hin. „Du kannst dir heute keine Fehler mehr erlauben. Ohne Null kommst du nur noch aufs Podium, wenn die Konkurrenz mitspielt.“

          Das tut sie aber immer weniger. Olympia setzt überall Mittel und Kräfte frei, die Biathlon-Welt ist noch stärker in Bewegung geraten. Die Norweger sind zwar nach wie vor Branchenführer, die Russen wieder in Tritt, aber die Schweden haben den Schub ihrer Heim-WM 2008 genutzt, die Franzosen haben wieder Talente, und die Österreicher entwickeln sich immer mehr zur dritten Kraft. Eine Rolle, die sonst die Deutschen für sich in Anspruch nehmen - mindestens. Aber so selbstverständlich ist das nicht mehr. Das deutsche Team ist im Umbruch, und heute kommen 30 Biathleten für einen Platz auf dem Podium in Frage. Im Sprint in Hochfilzen waren die ersten 20 nur durch 60 Sekunden getrennt. „Das ist gut für Biathlon“, sagt Ullrich, „im Moment aber nicht für uns.“ Auch andere müssen sich strecken. Selbst Ole Einar Björndalen, der am Freitag im Sprint seinen 90. Biathlon-Weltcupsieg errang, gewinnt seine Rennen nicht mehr dank seiner läuferischen Qualitäten allein. Da hat die Jugend mächtig aufgeholt, auch wenn der fünfmalige Olympiasieger sagt: „Ich bin noch nicht in Form.“ Das ist beileibe kein Understatement, denn von der reinen Laufzeit war Björndalen im Sprint 18. und in der Verfolgung 11. Aber der Norweger hat seine Aufenthaltszeit am Schießstand so enorm verkürzt, dass ihm das mittlerweile den entscheidenden Vorteil bringt - eine hohe Trefferquote vorausgesetzt.

          Der Schießstand, das ist – klammert man die Staffel aus – die deutsche Problemzone: Zu viele Fehler, kein Rhythmus, kein Tempo. Was den Bundestrainer schon ein wenig wundert: „Unser Fokus liegt das ganze Jahr schon auf dem Schießen.“ Läuferisch können Greis, Birnbacher und Stephan durchaus mit den Besten mithalten. „Da sind wir voll dabei“, sagt Greis, der glaubt, dass sich die gewohnte Hierarchie im Laufe der Saison wieder einpendeln wird. „Wenn wir erst mal zeigen können, was wir draufhaben, sind wir vorne dabei.“ Die Staffel war ein erster Schritt, dass aus der Hoffnung irgendwann Gewissheit wird.

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