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Biathlon : Unter lauter Norwegern kommen sich die Deutschen verloren vor

  • -Aktualisiert am

Der beste der starken Norweger: Ole Einar Björndalen Bild: AP

Liv Grete Poiree hat beim Biathlon-Weltcup das Verfolgungsrennen gewonnen. Vierte wurde Martina Glagow. Die deutschen Männer rennen drei Wochen vor der WM in Oberhof in der Weltspitze mit, den Allerbesten aber hinterher.

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          Am Sonntag sind sie wieder zu Tausenden mit Fahnen, Glocken und guter Laune hinausgekommen ins Biathlonzentrum unter dem Zirmberg. Aber auch den 17.000, die den Sonntag zum großen Finale der Ruhpoldinger Weltcup-Woche gemacht haben, war ein Erlebnis nicht vergönnt: ein deutscher Sieg. Zwar durften sie sich am Mittag über Platz vier von Martina Glagow und Rang fünf von Andrea Henkel in der Verfolgung freuen, aber die Siegerin hieß fast wie selbstverständlich Liv Grete Poirée und kommt aus Norwegen. Und rund eine Stunde später konnte auch der Mann, dem sie als erfolgreichstem Athleten der Weltmeisterschaften 2003 in Khanty Mansiysk zu Hause im Biathlonzentrum ein Denkmal gesetzt haben, nicht alle Hoffnungen erfüllen. Ricco Groß, Sachse und Wahl-Ruhpoldinger, fand sich am Sonntag im Verfolgerrennen über 12,5 Kilometer - wie schon tags zuvor im Sprint - mal wieder auf Platz vier wieder. Und kam sich ein wenig verloren vor unter lauter Norwegern. Ole Einar Björndalen an eins, Lars Berger an zwei, Halvard Hanevold zum dritten.

          "Die waren heute einfach zu stark für mich", befand der 33 Jahre alte Skijäger, der mit zwei Schießfehlern am Ende 52 Sekunden hinter dem Weltcup-Spitzenreiter Björndalen ins Ziel kam und sich mächtig wunderte, als - wiederum hinter lauter Norwegern und einem Russen - plötzlich der junge Vereinskollege Andreas Birnbacher als Neunter in den Schnee sank. "Was, der Andi Neunter, das gibt es ja nicht." Der Andi, das ist ein waschechter Ruhpoldinger, 22 Jahre alt und laut Trainer Fritz Fischer "das größte Talent, das wir haben".

          Die deutschen Männer warten auf einem Sieg

          Und wenn auch die Hierarchie stimmte zwischen den zwei Bayern im deutschen Team, so war Andreas Birnbacher nicht nur der Strahlemann, sondern auch der heimliche Gewinner des Weltcups in Ruhpolding. Der frische Bursche, der sich am Vortag nach dem Sprint noch auf Rang 27 wiedergefunden hatte, machte wie ein Radler Boden gut und leistete sich nur eine "Fahrkarte". Windschatten sei er gefahren, sagte er hinterher, und bezog ausdrücklich Servicemann und Publikum in seine Dankesrede mit ein. "Ich hatte ein gutes Brett, und mit den Leuten im Rücken kann es gar nicht langsam laufen." Die letzten fünf Schüsse habe er "reingezittert, weil ich das Denken angefangen habe", aber am Ende führte seine gelungene Vorstellung sogar beim Bundestrainer zu einem kleinen emotionalen Ausbruch, obwohl der im Moment nicht viel zu lachen hat. "Für den Andi freut es mich besonders, der hat lange gekämpft, um den Durchbruch zu schaffen", sagte Ullrich und machte dem Jüngsten im deutschen Team sogar Hoffnung auf einen Start bei der Weltmeisterschaft in drei Wochen in Oberhof.

          Ein heikles Thema, was die Herren Skijäger betrifft. Bislang steht für die Männer von Frank Ullrich kein einziger Sieg zu Buche, nimmt man einmal die Staffel aus, und Ruhpolding war auch nicht gerade dazu angetan, Optimismus zu verbreiten. "Es muß halt alles zusammenpassen", pflegt der Bundestrainer zu sagen, wenn er nach Gründen gefragt wird. Aber man muß einfach feststellen, daß es auffallend oft eben nicht gepaßt hat in dieser Saison. Ullrich weiß, daß er und seine Skijäger in Oberhof an Medaillen gemessen werden, aber auch ihm bleibt beim Blick auf das Tagesklassement nur die Feststellung, die auch schon vorher galt. "Die Norweger sind im Moment die überragende Biathlon-Nation. Wer in Oberhof eine Medaille will, muß sie schlagen." Nicht zu vergessen den Franzosen Raphael Poirée, der am Sonntag eine Auszeit nahm. Die Favoritenbürde sind die Deutschen zwar längst los, den Druck wird ihnen das gewiß nicht nehmen.

          Auch als Mutter ist Liv Grete Poirée in topform

          Der Hexenkessel der Oberhofer Rennsteigarena wird zwar auch den deutschen Skijägerinnen den Adrenalinpegel bis zum Anschlag nach oben treiben, aber Frauen-Bundestrainer Uwe Müssiggang kann relativ gelassen dem Spektakel im Thüringer Wald entgegensehen. Für seine Mannschaft gilt, was bei den Herren die Norweger für sich in Anspruch nehmen. "Es gibt kein Team, das so kompakt und so stark ist", sagt Norbert Baier, der Technische Leiter Biathlon im Deutschen Skiverband. Allerdings hat das Team um Uschi Disl, die am Sonntag nach einer fulminanten Aufholjagd beim letzten Schießen eine bessere Plazierung als Rang neun vergab, und Kati Wilhelm (Rang 14), bei der es läuferisch noch klemmt, ein kleines Problem. Es heißt Liv Grete Poirée, die seit einem Jahr Mutter ist und sich trotz Babystreß mit Töchterchen Emma in der Form ihres Lebens befindet. Wie sie am Sonntag bewies. Die Nächstbeste - die Russin Swetlana Ischmuratowa - kam erst 1:40,3 Minuten später ins Ziel. "Die Liv ist eine absolute Ausnahmeerscheinung", sagt Müssiggang und vergißt auch nicht, die zweite Kraft im Weltcup, die Französin Sandrine Bailly, zu erwähnen. Doch sein Team hat in Gestalt von Weltcup-Siegerin Martina Glagow in Osrblie und Uschi Disl in Pokljuka in dieser Saison schon das Gefühl des Sieges kennengelernt, und die Staffel hat in Ruhpolding ihre Klasse in Streßsituationen bewiesen.

          Daß bei den längst nicht so erfolgreichen Herren dennoch WM-Träume gedeihen, hat Ricco Groß in seinem Schlußwort so formuliert: "Erstens sind meine vierten Plätze für diese Saison jetzt weg, und zweitens dürfen bei der WM ja nur vier Norweger starten." Der Mann hat vor einem Jahr bewiesen, wie es geht.

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