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Biathlon-Trainer Ricco Groß : Seinen Athletinnen auf der Spur

Mal autoritär, mal einfühlsam, mal kumpelhaft, mal distanziert: Trainer Ricco Groß Bild: dpa

Das Prädikat „Frauenversteher“ bekam er schon: Trendsetter Ricco Groß steht bei der WM in Chanty-Mansijsk vor seiner größten Prüfung als Biathlon-Trainer. Mit der Stadt in Sibirien verbindet ihn nicht nur die Erinnerung an gewonnene Medaillen.

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          Plötzlich war sie da, die Miliz. „10,12 Mann hoch standen die in meinem Hotelzimmer“, erinnert sich Ricco Groß. Und einer fragte: Wo ist das Gewehr? Erwischt. Groß musste seine Zweitwaffe herausrücken, die er illegalerweise die ganze Zeit im Zimmer versteckt hatte. Und sie, eskortiert von der kleinen Armee, in die offizielle Waffenkammer verfrachten. Dort, wo seine Erstwaffe ordnungsgemäß deponiert war.

          Das war im März 2003, bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Chanty-Mansijsk, und der kleine Waffen-Schwindel flog nur auf, weil Groß mit vier Medaillen einer der erfolgreichsten Athleten war. „Der Mann in der Waffenkammer wollte von jedem Sieger eine Autogrammkarte und hat sich gewundert, dass ich nie aufgetaucht bin.“ Deswegen der Überraschungsbesuch.

          Die russischen Waffengesetze sind streng, aber die Miliz drückte ein Auge zu. Die unheimliche Begegnung mit der Staatsmacht ist Groß neben den diversen Fahrten im Rentierschlitten lebhaft im Gedächtnis geblieben. Diese Prozedur müssen alle Medaillengewinner in Chanty-Mansijsk über sich ergehen lassen.

          In Chanty-Mansijsk stand Groß oft genug selbst noch auf den Brettern

          „Das ist sicher ein Pluspunkt“

          Jetzt ist Groß zurückgekehrt in jene westsibirische Boomtown am Zusammenfluss von Irtysch und Ob, die in den sieben Jahren von 40 000 auf 72.000 Einwohner gewachsen ist und die nun von diesem Donnerstag an zum zweiten Mal Gastgeber einer Biathlon-WM ist. Damals war Groß einer der Routiniers in einer Zeit, in der im deutschen Biathlon die Altendiskussion tobte, und rettete dem damals schwer angeschlagenen Bundestrainer Frank Ullrich mit seinen Erfolgen den Job. Heute, mit 40 Jahren, ist Groß selbst Trainer. Seit Anfang der Saison ist er neben Gerald Hönig Disziplincoach im deutschen Frauen-Weltcup-Team. Nur Bundestrainer Uwe Müssiggang steht noch über ihm.

          Das ist deswegen bemerkenswert, weil Groß Einsteiger ist. Von null auf 95 - das schaffen nicht viele. „Die Einstiegshöhe ist ungewöhnlich, aber ich habe eben genau auf dieser Ebene Erfahrungen“, sagt der Wahl-Ruhpoldinger. 17 Jahre Weltcup-Erfahrung, viermal Olympiasieger mit der Staffel, 20 WM-Medaillen, neun davon aus Gold - da kommt einiges zusammen. Zumal Groß, der 2007 aufgehört hat, noch nah dran ist an den Athleten und weiß, wie sie denken und worauf es ankommt? „Das ist sicher ein Pluspunkt“, sagt er. Natürlich hat er ein bisschen Bammel gehabt, zumal seine Biathletinnen am Anfang durchaus skeptisch waren, „aber wenn du schon ins kalte Wasser geschmissen wirst, ist es egal, ob es kalt oder eisekalt ist“.

          Inzwischen ist es fast schon warm, denn die neue Beziehung hat sich erstaunlich flott eingespielt. „Wenn man aufgrund seines Erfahrungsschatzes mitreden kann, findet man sehr schnell einen gemeinsamen Nenner. Inzwischen glauben sie mir, was ich sage.“ Ob Magdalena Neuner, Miriam Gössner oder Andrea Henkel, alle loben den „Ricco“, was ihm schon das Prädikat „Frauenversteher“ eingetragen hat. Nur, dass Groß absolut nicht weiß, „was man da können muss“.

          „Das gelingt mir bestimmt nicht immer“

          Der Spaßfaktor im Training ist ihm wichtig, die Vielfalt auch, aber vielleicht ist es einfach die Kunst, in jeder Situation den richtigen Ton zu treffen. Mal autoritär, mal einfühlsam, mal kumpelhaft, mal distanziert. „Das gelingt mir bestimmt nicht immer, aber die wissen ja, dass ich noch neu bin im Geschäft.“ Auf die Frage, ob es denn wirklich nichts Schwierigeres gebe, als ein Frauenteam zu trainieren, sagt Groß: „Da bin ich fein raus, weil ich keine Vergleichsmöglichkeit habe. Aber ich komme gut zurecht.“

          Was Groß auszeichnet und ihn vielleicht sogar zu einer Art Trendsetter in der Biathlon-Szene macht, ist die direkte Arbeit am Mann, beziehungsweise an der Frau. Er läuft seinen Biathletinnen hinterher, und das ist gewiss kein leichter Job, wenn man mit Magdalena Neuner und Miriam Gössner die schnellsten Läuferinnen im gesamten Weltcup hat. Der Vorteil: man kann technische Defizite sofort korrigieren. „Wenn ich auf die Videoanalyse am nächsten Morgen warte, verschenke ich sonst eine ganze Trainingseinheit. Der Faktor Zeit ist ungeheuer wichtig.“ Inzwischen machen das zum Beispiel auch die Franzosen.

          Erfolg ohne die „drei alten Damen“

          Die gehören neben Schweden, Norwegen und Russland auch zu den großen Konkurrenten in Chanty. „Aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt Groß. Andrea Henkel hat zuletzt in Amerika zweimal gewonnen und führt im Gesamt-Weltcup, Magdalena Neuner hat sich mit dem Erfolg beim Rennen in Fort Kent auf Platz fünf vorgearbeitet, die halbe Langläuferin Miriam Gössner ist immerhin schon dreimal Zweite geworden.

          Und das ist in der ersten Saison ohne die „drei alten Damen“ Kati Wilhelm, Martina Beck und Simone Denkinger durchaus respektabel. Deswegen gilt auch offiziell die traditionelle Vorgabe: eine Medaille in der Staffel, eine im Einzel. Groß klingt da wesentlich optimistischer: „Wir können in jedem Rennen um eine Medaille mitkämpfen.“Auch für ihn ist die WM eine erste große Prüfung als Trainer. Eine Empfehlung wird er seinen Biathletinnen bestimmt geben: Lasst eure Gewehre besser nicht im Hotelzimmer.

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