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Biathlon-Standort Oberhof : Alarm am Grenzadler

Es steht viel auf dem Spiel – nicht nur für die Sportler am Schießstand Bild: AP

Oberhof hielt sich immer für den Nabel der Biathlon-Welt. Doch die Konkurrenz hat aufgerüstet. Die Anlagen in Oberhof sind nicht mehr zeitgemäß. Und es droht größeres Ungemach.

          Wie hat Borut Nunar, der neue Renndirektor der Internationalen Biathlon-Union (IBU), ein paar Tage vor dem Weltcup das Phänomen Oberhof beschrieben: „Regnet es in Pokljuka, geht keiner hin“, hat der Slowene gesagt. „Regnet es in Oberhof, stehen die Menschen trotzdem sechs, sieben Stunden im Stadion, haben Spaß und machen Stimmung.“ Die Biathlon-Jecken, die Rosenmontagsatmosphäre verbreiten, waren doch das große Faustpfand, den die Thüringer im Kampf mit der internationalen Konkurrenz stets ins Felde führen konnten.

          Vom Weltcup-Wahnsinn, von strömenden Massen war die Rede, aber anno 2015 ist der Strom zum Fluss geschrumpft, zumindest an den ersten Wettkampftagen. 8000 Zuschauer bei der Frauenstaffel, 10.500 bei den Männern - für Oberhofer Verhältnisse ist das ein krasser Einbruch, auch wenn die Ferienzeit vorbei ist. Und damit droht auch noch der letzte Superlativ wegzubrechen. Denn von der einstigen Herrlichkeit ist im Stadion am Grenzadler wenig geblieben. Die Anlagen sind nicht mehr zeitgemäß. Und es droht größeres Ungemach. Manche haben gar die Befürchtung, dass dem einstigen Biathlon-Mekka der Abstieg aus der Champions League der Skijäger bevorstehen könnte.

          Die Weltcup-Lizenz läuft 2018 aus, und wenn Oberhof bis spätestens 2017 nicht die IBU-Auflagen erfüllt, könnte es tatsächlich so weit kommen. Für die Oberhofer, die sich immer für den Nabel der Biathlon-Welt gehalten haben, kaum auszudenken. Der Weltcup ist ein Wirtschaftsfaktor, der der Region jedes Jahr rund 20 Millionen Umsatz bringt. Aber die Ansprüche der IBU sind höher geworden, und die internationalen Mitbewerber, vor allem aus dem Osten, haben mächtig aufgerüstet. Während anderenorts Biathlon-Tempel wie der in Sotschi entstanden sind, gehört der Standort Oberhof, 2004 bei der WM noch das Nonplusultra, mittlerweile zum alten Eisen.

          Für WM-Bewerbung müsste viel investiert werden

          Obwohl gerade in den vergangenen Jahren viel passiert ist am Grenzadler, zwischen Stadion und der Skihalle. Das fängt mit dem Teich für die Schneeproduktion an, der sich in Verbindung mit den neun Schneekanonen schon jetzt bewährt hat, geht über den neuen 300 Meter langen Anstieg vor der Zielgeraden und hört mit dem dreistöckigen, 2,57 Millionen teuren Multifunktionsgebäude auf, das den Rest des Jahres Touristen zur Verfügung stehen soll. Deswegen zeigt sich Renndirektor Nunar mit den Verbesserungen am Grenzadler vorerst durchaus zufrieden.

          Nicht zufrieden ist Spitzen-Biathletin Darja Domratschewa: „Die Ergebnisse hängen nicht von der Form der Athleten, sondern oft vom Glück und den Launen des Wetters ab. Ich denke, das sollte bei Wettbewerben auf Weltniveau nicht so sein“, sagte die dreimalige Olympiasiegerin aus Weißrussland in einem Interview des Internet-Anbieters sportbox.ru. Auf die Frage, ob Oberhof aus dem Wettkampfkalender gestrichen werden sollte, weil es ständig Probleme mit dem Wetter geben würde, sagte sie: „Das ist wirklich eine sehr ernste Frage. Ich denke, dass die Organisatoren und die IBU darüber nachdenken sollten, weil die Sportler hier ungleiche Bedingungen vorfinden, und das ist unehrlich.“

          Bilderstrecke

          Aber sie reichen nicht. Ein Schneedepot, in Zeiten des Klimawandels inzwischen internationaler Standard, muss her, die Flächen, auf denen die Wachs-Container und -Trucks stehen, müssen versiegelt werden, und bessere Laufwege für die Sportler sind dringend geboten. „Es geht ja nicht, dass die Biathleten bei widrigen Bedingungen durch den Schlamm waten und sich auf dem Weg zum Start durch die Zuschauer schlängeln müssen“, sagt Thomas Pfüller, der Generalsekretär des Deutschen Skiverbandes (DSV) und als IBU-Vizepräsident für Marketing zuständig. Was die Erfüllung dieser Auflagen angeht, ist Pfüller optimistisch. Denn das ist finanziell überschaubar. Für den Erhalt der A-Lizenz - und damit des Weltcup-Status - würde es reichen.

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