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Biathlon : Sich quälen, wenn man heulen will

Silber ist manchmal Gold wert: Liu Xianying Bild: REUTERS

Die Chinesen entdecken die Skijagd. Und Liu Xianying, die WM-Zweite in der Verfolgung, steht für eine neue Macht im Biathlon.

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          „Gold". Dieses Wort wirkt auf Liu Xianying wie ein Zauber. Wenn sie es hört, verwandelt sich ihr sonst eher reserviertes Lächeln mit einem Mal in ein Strahlen, der rechte Daumen schnellt nach oben, und die ganze Körpersprache wechselt von in sich gekehrt auf selbstbewußt. So, als würde die zierliche Chinesin plötzlich eine besondere Aura umgeben. Gold, genauer gesagt, olympisches Gold, das ist der große Traum der Biathletin aus DaLian im Nordosten Chinas, und wenn man diese Verwandlung miterlebt, dann glaubt man beinahe selbst daran, daß ihr das gelingen könnte. Am Sonntag, bei den Biathlon-Weltmeisterschaften in Hochfilzen, ist die 27 Jahre alte Soldatin diesem Ziel wieder ein Stück nähergerückt. Mag ihre Silbermedaille in der Verfolgung auch in der Uschi-Disl-Mania untergegangen sein - die Frau wird inzwischen von der Konkurrenz sehr ernst genommen. Sogar Anders Besseberg, der Präsident der Internationalen Biathlon-Union, hat bei einer kleinen Ansprache die "erste Medaille für China bei Weltmeisterschaften" besonders gewürdigt. Da irrt der Norweger allerdings, denn schon im Jahr 2000 hat die Chinesin Yu Shumei Silber gewonnen - am Holmenkollen in Oslo.

          „Das sind keine Eintagsfliegen“

          Yu Shumei ist längst abgetreten, aber ihre Nachfolgerinnen kommen immer besser in Schuß, auch wenn der erste Sieg noch aussteht. Liu Xianying hat ihn im Januar in Ruhpolding - in Führung liegend - mit einem Sturz in der letzten Abfahrt verspielt, und wäre hinterher vor Scham fast in den Boden versunken. "Das war so ärgerlich." Und ihre Kollegin Yingchao Kong ist im Februar beim Weltcup in Pokljuka gleich zweimal Zweite geworden. "Das sind keine Eintagsfliegen", sagt Uwe Müssiggang, der Bundestrainer der deutschen Frauen. Da entstehe eine neue Macht in der Skijagd. "Mich wundert eher, daß es so lange gedauert hat", sagt der Deutsche. Die Chinesinnen, am Schießstand oft noch Opfer ihrer Nerven, profitieren von ihrer Zähigkeit, von ihrer Tempohärte, sie bestimmen mittlerweile sogar das Top-Niveau in der Spur mit. "Ein guter Trainer, eine gute Organisation und harte Arbeit", sagt Liu Xianying, wenn man sie - per Dolmetscher - nach den Gründen des Erfolgs fragt.

          Die harte chinesische Schule

          Es muß wohl ein äußerst hartes Training sein, so "brutal hart", daß es Müssiggang für seine Mädchen ausschließt. "Das würden die gar nicht verkraften." Sie würden es wohl auch nicht mitmachen. Kraftprogramme noch nach dem Wettkampf, wenn andere locker auslaufen, keine Rücksicht bei Erkältungen oder anderen Unpäßlichkeiten: Das ist die harte chinesische Schule, die für westliche Verhältnisse bisweilen nahe an der Grenze ist. Harter Drill ist das eine - und jetzt ist plötzlich auch Geld da. Zum einen dürften die Olympischen Spiele 2008 in Peking daran nicht ganz unschuldig sein, auch wenn sie im Sommer stattfinden. "Wer Athen gesehen hat, weiß, wo China hinwill", sagt Müssiggang. Zum anderen steht auch die Bewerbung der 2,7-Millionen-Einwohnerstadt Harbin für die Winterspiele 2014 noch im Raum. Und die Vergabe der Biathlon-WM 2009 an Pyeongchang/Südkorea dürfte weitere Gründe für den forcierten Aufschwung liefern.

          Zwar ist es relativ kontinuierlich aufwärtsgegangen mit den chinesischen Biathleten, die allesamt bei der Armee in DaLian sind, aber den Sprung in die erweiterte Weltspitze hat letzten Endes das Geld bewirkt. Die Regierung hat den Biathlonverband finanziell deutlich besser ausgestattet. "Vor zwei, drei Jahren hatten wir kein Geld für Schneetraining im Sommer und Herbst", sagt Gao Xuedong, der Teamchef. "Jetzt können wir ähnlich wie die europäischen Teams trainieren." In Europa. In der vergangenen Saison haben sie zum Beispiel fast zwei Monate im Skitunnel in Vuokatti/Finnland trainiert. "Deswegen haben wir läuferisch große Fortschritte gemacht", sagt der Teamchef, der behauptet, in China etwa 20 Biathleten von nationaler Klasse zu haben.

          Wie kam China überhaupt zu Skijägern?

          Wie man in einem Land, in dem kaum jemand etwas mit dem Wort Biathlon anfangen kann, zu Skijägern kommt? Man braucht sich nur die Karriere von Liu Xianying anzuschauen. Die war eine passable Leichtathletin mit Schwerpunkt Mittelstrecke, ehe Wenbin Song, der chinesische Verbandstrainer, sie eines Tages in der Schule bei einer Talentsichtung ansprach, sie solle es doch mit Biathlon versuchen. Da war die Tochter einfacher Bauern 15 Jahre alt, und das einzige, was sie je mit Wintersport zu tun gehabt hatte, beschränkte sich auf Rodeln mit den Kindern aus der Nachbarschaft. Sie hatte noch nie auf Skiern gestanden, sie hatte noch nie ein Gewehr in der Hand gehabt. Andere Mädchen, die mit ihr anfingen, waren hoffnungslose Fälle, "aber ich hatte von der ersten Trainingsstunde an ein sehr gutes Gefühl für den Ski", sagt Liu Xianying, die schnell der Ehrgeiz gepackt hatte. Sie hat sich kontinuierlich weiterentwickelt unter dem strengen Regiment ihres Trainers, der sie auch dann noch fordert, wenn ihr vor Erschöpfung manchmal zum Heulen zumute ist. Aber er sagt ihr auch ständig, daß sie das Zeug zur absoluten Weltspitze habe. 1997 hat sie ihr Weltcup-Debüt in der chinesischen Staffel gegeben, mittlerweile ist Liu Xianying peu a peu auf Rang sieben im Gesamtweltcup angekommen. Keine schlechte Ausgangsposition für einen Traum.

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