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Biathlet Rösch hört auf : Böcke und Volltreffer

Emotionales Karriereende: Michael Rösch aus Belgien jubelt nach dem Sprint im Zielbereich von Ruhpolding. Bild: dpa

Der Biathlon-Olympiasieger Michael Rösch beendet seine bewegte Karriere. Beim Wettkampf in Ruhpolding zeigt der Wahl-Belgier aus Sachsen Emotionen. Die Deutschen landen auf Platz zwei.

          Seinen letzten Job als Profi-Biathlet hat Michael Rösch mit Bravour erledigt. Zehn Schuss, zehn Treffer, und am Ende seiner 7,5 Kilometer schickte er seinen belgischen Staffelkollegen Claude Florent an Position acht auf die Strecke. „Ich war so dankbar, dass ich ohne Nachlader durchgekommen bin. Ich habe mich würdig verabschiedet“, sagte der Wahl-Belgier aus Sachsen tiefbewegt. Während 16.000 Zuschauer den spannenden Zweikampf zwischen dem deutschen und norwegischen Quartett verfolgten, den Schlussläufer Johannes Bö gegen Benedikt Doll dann doch deutlich gewann, „ist bei mir der ganze Film losgerattert“, sagte der Altenberger. Die Bilder einer Karriere.

          Für Rösch, einst aus dem Erzgebirge ausgezogen, um die Biathlonwelt zu erobern, hat sich am Freitag der Kreis geschlossen. In der Chiemgau Arena hat er 2006 mit der deutschen Staffel seinen ersten Weltcupsieg errungen. „Ruhpolding ist für mich ein sehr emotionaler Ort, weil es dort zur Einleitung einer schönen Karriere kam“, sagt er. Was liegt näher, als dort aufzuhören? Rösch wird Anfang März Vater: Das ist der „Hauptgrund, meine große Liebe Biathlon zu verlassen und mich meiner neuen und hoffentlich gesunden Familie zuzuwenden“. Mit 35 Jahren spürt er auch sein Alter im Kreis der jungen Spitzensportler.

          Schon im November hat Rösch seiner Freundin aus dem Trainingslager eine Whatsapp geschrieben, kurz nachdem seine Entscheidung gefallen war. „Just an dem Tag mache ich meine Pulsuhr an, um zu trainieren, und da steht: Batterie leer.“ Rösch hat es als Bestätigung genommen, dass es ein „schöner Zeitpunkt ist zu gehen“. Aber es fällt ihm schwer. Da geht einer, unter dessen schnodderiger Oberfläche ein sensibler Kern steckt. Einer, der bekannt ist für derbe Sprüche, oft unter der Gürtellinie und nicht immer politisch korrekt. So mancher Fauxpas ist ihm einfach so rausgerutscht. 2008, nach der Gruppenauslosung für die Fußball-EM 2008, wurde Rösch im Fernsehen nach den deutschen Chancen gefragt. Seine Einschätzung: „Kroatien ballern wir weg, Österreich ist sowieso kein Hindernis, und wenn uns die Polen die Bälle nicht klauen, dann kommen wir schon weiter.“ Erst als er das Entsetzen im Gesicht des DSV-Pressesprechers gesehen hat, ist ihm ein Licht aufgegangen. Die polnische Beschwerde kam prompt. Rösch schoss so manchen Bock, aber er hat sich nie verbiegen lassen. Deswegen ist er bei Kollegen, Konkurrenten und Fans so beliebt.

          Dabei war er streitbar bis zur Uneinsichtigkeit. Wie 2012, beim Zerwürfnis mit dem Deutschen Skiverband (DSV). Spätestens nach dem Staffel-Olympiasieg 2006 galt er mit seinen 22 Jahren als kommender Biathlon-Heros. Bestätigen konnte er das nie. 2010 verschwand Rösch mangels Leistung gar im zweitklassigen IBU-Cup. 2012 kämpfte er sich zurück, wurde aber nicht für die Heim-WM in Ruhpolding berücksichtigt. Da war die Zeit reif für einen Nationenwechsel. Er entschied sich für die Biathlon-Diaspora Belgien, weil ihm jemand erzählt hatte, dass er innerhalb von drei Monaten einen Pass bekäme. Es reichte aber nicht für Olympia 2014.

          „Diese Zeit war die Hölle für mich“, sagt Rösch. Die alten Sponsoren waren längst weg, um seine Liebe Biathlon zu finanzieren, verkaufte er sogar sein Haus. So eine Saison kostet pro Athlet in etwa 60.000 Euro. Weil Belgien nur über amateurhafte Strukturen verfügte, suchte und fand er für das Training Asyl beim Schweizer Verband. Dann stoppte ihn eine lange Verletzungspause. „Ich hatte zwischenzeitlich nichts mehr, kein Geld, keine Zukunft, keine Perspektive, aber ich habe mich aus dem Loch irgendwie wieder befreit. Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben und hoffe, dass ich damit ein paar Leute inspiriert habe.“ 2016 tauchte er wieder auf.

          „Der Olympiasieg mit der Staffel war sportlich mein größter Erfolg, aber für mich persönlich war das Comeback 2016 mit Platz sechs in Pokljuka viel wichtiger.“ Er hat es Klaus Siebert gewidmet, seinem väterlichen Mentor, der einem Krebsleiden erlegen ist. „Er hat mich immer wieder motiviert“, sagt Rösch, der es dank Crowdfunding (24.000 Euro kamen zusammen) und belgischer Hilfe sogar noch mal zu den Spielen in Pyeongchang geschafft hat. Wofür er dankbar ist. „Ich habe viel falsch gemacht, aber auch viel richtig“, lautet das Resumee seiner turbulenten Karriere.

          Jetzt muss sich der künftige Familienvater Rösch neu orientieren. Was gar nicht so einfach ist. „Ich habe keinen unterschriftsreifen Vertrag vorliegen.“ Aber eines ist klar: „Ich kann nicht lassen vom Biathlon. Er hat mein Leben geprägt.“ Aber so ganz ist die Karriere, die er nun als Profi beendet hat, noch nicht vorbei. Belgien braucht seine Hilfe in der Staffel, um sich für internationale Großereignisse zu qualifizieren. Keine Frage, dass er das macht – bis zum Geburtstermin. So verrückt ist er schon, der „falsche“ Belgier.

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