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Biathlon : Ohne Leitwölfin

  • -Aktualisiert am

Star ohne Führungsanspruch: „Ich glaube nicht, dass wir eine Leitwölfin brauchen”, sagt Magdalena Neuner Bild: dpa

In der neuen Saison ist vieles anders. Kati Wilhelm, Simone Hauswald und Martina Beck haben sich ins Privatleben zurückgezogen. Andrea Henkel und Magdalena Neuner wollen keine Anführerinnen sein. Und Ricco Groß ist neuer Frauentrainer.

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          Normalerweise reden sie jetzt übers Wetter, über die Trainings- und Schneebedingungen, über die Form, über die Perspektiven für die neue Saison. Aber in Östersund müssen sie notgedrungen übers Wasser reden. Oder über einen Parasiten namens Cryptosporidium. Der hat sich nämlich in das Wasserleitungsnetz der schwedischen Kleinstadt, wo die Biathleten an diesem Mittwoch mit dem 15 Kilometer Einzel der Frauen in die nacholympische Saison starten, eingeschlichen. Und weil nicht nur die Bevölkerung, sondern auch schon einige Biathlon-Teams von Durchfall gebeutelt werden, war die Wasserverschmutzung das beherrschende Thema auf der ersten Mannschaftsführersitzung.

          Wobei die deutsche Mannschaft insofern Glück hat, als sie – mit Ausnahme von Andrea Henkel – erst am Montag angereist ist. Und wahrscheinlich wird Magdalena Neuner sogar heilfroh sein, dass sie gleich ganz zu Hause bleiben musste. Mal wieder. Es ist der bei ihr schon beinahe traditionelle bronchiale Infekt kurz vor Saisonbeginn. Immerhin bleibt ihr dadurch die mögliche Infektion erspart. Und die 23 Jahre alte zweifache Olympiasiegerin von Vancouver und Gesamt-Weltcupsiegerin aus dem oberbayerischen Örtchen Wallgau ist ja ohnehin als Spätstarterin bekannt.

          Ricco Groß ist gleich ganz hoch ins Trainergeschäft eingestiegen

          Gebraucht wird sie mehr denn je. Im vergangenen Jahr war Neuners Fehlen beim Saisonauftakt trotz Olympia kein großes Thema, weil es im deutschen Team stets genug Alternativen gab. In der neuen Saison ist alles anders. Die Ü30-Skijägerinnen Kati Wilhelm, Simone Hauswald und Martina Beck haben sich nach der Olympiasaison ins Privatleben zurückgezogen, und jetzt fehlen von der Staffel, die in Vancouver Bronze erkämpft hat, auf einen Schlag drei Viertel.

          Rückzug ins Private (v.l.): Kati Wilhelm, Simone Hauswald und Martina Beck sind nicht mehr dabei
          Rückzug ins Private (v.l.): Kati Wilhelm, Simone Hauswald und Martina Beck sind nicht mehr dabei : Bild: dpa

          Drei Top-Athletinnen, für die das berühmte Motto von Frauentrainer Uwe Müssiggang im besonderen galt: „Eine muss durchkommen.“ Gemeint war damit der Anspruch auf einen Podestplatz. Aber selbst Müssiggang ist nicht mehr das, was er war, sondern zum Bundestrainer für Männer und Frauen aufgestiegen. Als der Mann, der im Hintergrund die Fäden zieht. Die Trainingsarbeit liegt jetzt in den Händen von Gerald Hönig und in denen eines alten Bekannten in neuer Funktion: Staffel-Olympiasieger Ricco Groß ist quasi von der Sporthochschule weg gleich ganz hoch ins Trainergeschäft eingestiegen.

          „Die drei Mädels werden uns sicher fehlen“

          Das ist nicht von Anfang an überall auf Verständnis gestoßen. „Auch ich habe zu den Skeptikern gehört“, sagt Magdalena Neuner. Inzwischen hat sie „den frischen Wind“, den Groß ins Team gebracht hat, schätzen gelernt. Neue Trainingsformen, direkte Ansprache auf der Strecke: „Das ist sehr positiv.“ In der Summe ergibt das die größten Umwälzungen im erfolgsverwöhnten deutschen Frauenteam seit der Wende. Und die vermutlich spannendste Saison seit langem – mit dem Höhepunkt WM im März.

          „Die drei Mädels werden uns sicher fehlen“, sagt Müssiggang, der sein altes Motto für diese Saison außer Kraft gesetzt sieht. „Wir sind stärker als viele denken“, hält ihm Magdalena Neuner entgegen, die jetzt noch mehr im Blickpunkt stehen wird. Zusammen mit Andrea Henkel, die als zweifache Olympiasiegerin von 2002 mit bald 33 Jahren nun die Routine im Team alleine verkörpert. Auch die Thüringerin behauptet: „Wir sind immer noch richtig gut.“

          Hitzer, Bachmann, Döll und Gössner müssen sich beweisen

          Es sind ja auch keine unbeschriebenen Blätter, die jetzt nachrücken. „Die waren ja doch schon alle bei uns im Kader“, sagt Andrea Henkel. Kathrin Hitzer, Jahrgang 86, war schon auf dem Weg in die Weltspitze, bevor sie hartnäckige Fußbeschwerden behinderten. „Sie ist zu 99 Prozent beschwerdefrei und auf einem guten Weg“, sagt Müssiggang. Tina Bachmann, ebenfalls 24 Jahre alt, hat schon einen Weltcuperfolg auf dem Konto, und war letzte Saison 24. im Gesamt-Weltcup. Altersgenossin Juliane Döll hat drei Viertel der vergangenen Weltcupsaison mitgemacht. Dazu kommt noch die 20 Jahre alte Miriam Gössner, die bislang eher als Langläuferin Karriere gemacht hat – mit der Silberstaffel von Vancouver. Ein begnadetes Talent in der Loipe, aber eine Wackelkandidatin am Schießstand. „Deutliche Fortschritte“ bescheinigt ihr Müssiggang.

          Sie mögen sich alle vorher gekannt haben, aber natürlich ist durch die neue Konstellation auch eine neue Gruppendynamik entstanden. Und eine neue Hierarchie, selbst wenn davon keiner etwas wissen will. Früher war die dreimalige Olympiasiegerin Kati Wilhelm das natürliche Sprachrohr der Mannschaft, und auch diejenige, die oft das letzte Wort hatte. In diese Rolle mag so recht niemand schlüpfen. Schon gar nicht die, die aufgrund ihrer Erfolge dafür vorgesehen war. „Ich glaube nicht, dass wir eine Leitwölfin brauchen“, sagt Magdalena Neuner. „Ich finde, dass das ganze Team entscheiden soll.“ Andrea Henkel, die andere Kandidatin kraft ihrer Erfahrung, sieht das ähnlich. Beide werden aber ihre Mannschaft gegenüber den Trainern vertreten – falls nötig. In Östersund hat Müssiggang nur einen Wunsch: Er hofft, dass diesmal alle durchkommen – ohne die Bekanntschaft mit Cryptosporidium zu machen.

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