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Biathlon : Mit 400 PS ins Wachs-Truck-Zeitalter

Moderner Arbeitsplatz: Skitechniker Andreas Emslander Bild: picture alliance / dpa

Für den technischen Fortschritt leisten sich die Biathlon-Mächte neue Hightech-Heiligtürmer. Die Deutschen profitieren von einem 400 PS starken Wachs-Truck.

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          Da stehen sie nun, fein säuberlich nebeneinander aufgereiht, ein Stück unterhalb der tristen Wachs-Container gleich neben dem Hochfilzener Stadion, die neuen Statussymbole der Biathlon-Mächte: drei riesige Lkw. Und es ist fast so, als hätte das Baujahr den Parkplatz diktiert. Links die Norweger, die als erste im Biathlon-Zirkus mit einer mobilen Skiwerkstatt angerollt kamen, in der Mitte die Schweden, die in der vergangenen Saison nachzogen, und rechts die Deutschen, die nun auch mit einem 18,40 Meter langen und 400 PS starken 20-Tonner von Weltcup zu Weltcup ziehen - ausgenommen Chanty Mansijsk, denn Sibirien ist dann doch zu weit weg.

          Das Wachs-Truck-Zeitalter ist angebrochen im Biathlon, wenn auch nur für die Privilegierten. Denn nicht nur auf der Strecke und am Schießstand wird der Wettbewerb jedes Jahr härter, sondern auch in der Abteilung Technik. Es geht darum, „mit Norwegen, Schweden und anderen Nationen Schritt zu halten und die Arbeitsbedingungen für die Techniker zu verbessern“, sagt Björn Weisheit, der Sportliche Leiter der Biathleten im Deutschen Skiverband (DSV). Ein Athlet in Bestform ist immer noch die erste Voraussetzung für Erfolge, aber wenn das Material nicht stimmt, hat er keine Chance. „Die Ski sind eben die Reifen der Formel 1“, sagt Weisheit. Und hier wie dort zählt vor allem eines - der Faktor Zeit.

          Pülverchen und Rezepturen

          Wer ständig bis zu 400 Paar Ski samt Skisäcken, Unmengen von Wachs, Bügeleisen, Schleifmaschinen, Klamotten vom Kleinbus in den Wachs-Container ein- und nach dem Wettkampf wieder ausräumen muss, verliert Zeit. Zeit, die bei der Präparierung der Ski fehlt. Wer dem Container Räder und einen Antrieb verpasst, kann dagegen bei der Ankunft am Weltcup-Ort sofort loslegen. „Wir müssen nur noch das Starkstromkabel anschließen - dann sind wir bereit“, sagt Kristian Mehringer, einer der Skitechniker an Bord.

          Mehr als 400.000 Euro hat der bullige Bolide mit MAN-Zugmaschine und Kögel-Trailer in der Anschaffung gekostet. Auch der DSV-Sponsor Würth hat seinen Beitrag zum Gesamtpaket geliefert. Auf der schwarzen Außenhaut prangen die deutschen Biathlon-Ikonen in Aktion - Arnd Peiffer macht den Finger krumm, Magdalena Neuner jubelt mit erhobenen Armen, Andrea Henkel und Michael Greis laufen mit zusammengebissenen Zähnen.

          Drinnen, im neuen Hightech-Heiligtum, legt Kristian Mehringer ein Paar Ski aus der Hand, um einen kleinen Einblick ins Innenleben des Lastwagens zu geben. Sechs Arbeitsplätze bietet der bis ins kleinste Detail ausgeklügelte Raum, der nichts mehr mit den engen, stickigen Wachskabinen ein paar Meter weiter zu tun hat. Schließlich hat man sich fast zwei Jahre mit dem Thema beschäftigt und auch die rollenden Wachs-Labors der norwegischen und schwedischen Langläufer in Augenschein genommen. Neben dem Vorteil, dass in den Schränken und Schubladen sämtliche Pülverchen und Rezepturen ganz übersichtlich Platz finden, ist der gesundheitliche Aspekt sicher der größte Fortschritt.

          Dicke Luft im Wachs-Container

          Denn in den Wachs-Containern herrscht normalerweise im wahrsten Sinne dicke Luft, die nur mit Atemschutzmasken zu ertragen ist. Im Lkw verhindert eine moderne Absauganlage, dass die mitunter giftigen Dämpfe, die beim Wachsen entstehen, gar nicht erst in den Werkraum entweichen. Andreas Emslander, der im Nebenraum hinter einer Glastür Fluorwachs aufträgt, scheint der modernen Technik noch nicht ganz zu trauen; er hat das Gesicht hinter einer Schutzmaske verborgen. „Ist halt Gewohnheit“, sagt Mehringer und zeigt auf etwas, was weder die Norweger noch die Schweden nebenan haben: ein gutes Dutzend Apothekerschränke, jeder einzelne mit Namen versehen. Ein leichter Zug am Griff, und schon fährt die gesamte Ski-Kollektion von Peiffer in den Raum. 25 bis 30 Paar, das ist der Standard. Im Spind sind die Trainingsklamotten verstaut, eine persönliche Schublade gibt es auch. Die Athleten sind beeindruckt: „Hier werden Erfolge mitgestaltet“, sagt Sprint-Weltmeister Peiffer.

          An alles ist gedacht, an die Ausnahmegenehmigung vom Sonntagsfahrverbot, und vor allem an den Profifahrer von der Bundeswehr. Es ist kein Kinderspiel, die rollende Riesen-Werkstatt über schmale Gebirgssträßchen zu steuern oder - wie auf der Zweitagesfahrt von Östersund/Schweden nach Hochfilzen/Tirol - auf der Ostsee-Fähre rückwärts zentimetergenau einzuparken. Das müssen die Skitechniker noch lernen - zwei Lkw-Führerschein-Lehrgänge sind im Paket eingeschlossen. In Hochfilzen ist Mobilität nicht so gefragt; der Weltcup-Tross bleibt zwei Wochen sesshaft, weil die geplante Weiterreise nach Le Grand Bornand/Frankreich mangels Schnees ausfallen musste.

          Mag sein, dass im Tiroler Biathlonzentrum nächstes Jahr wieder ein Container frei wird, weil ein vierter Truck neben dem deutschen parkt. Wolfgang Pichler, seit dieser Saison Trainer der russischen Frauen, hat schon angekündigt: „Wir werden antworten.“

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