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Biathlon : Keine Angst beim Schießen

Chinas beste Skijägerin: Xianying Liu Bild: dpa

Klaus Siebert hat den chinesischen Biathletinnen die Angst vor Strafen ausgetrieben. Wie Siebert den chinesischen Frauen Beine macht? Er hat Trainingspläne eingeführt. Der deutsche Trainer will Partner und nicht nur Biathlon-Guru sein.

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          Zu Weihnachten hat Klaus Siebert von seiner Tochter ein Buch geschenkt bekommen: den „Knigge für China“. Das ist ein kleiner Leitfaden, wie man als Europäer halbwegs unfallfrei durch das Reich der Mitte kommt, ohne von einem Fettnäpfchen ins andere zu treten. Dass Chinesen zum Beispiel beim Anstoßen andere Trinkgewohnheiten haben, das hat der Mann aus dem Erzgebirge längst selbst festgestellt. Schließlich ist Siebert seit Sommer 2006 Trainer der chinesischen Biathleten. Am Mittwoch, nach dem dritten Platz seines Damen-Quartetts hinter Frankreich und Deutschland, haben die Asiaten den Erfolg mit einem Gläschen Wein gefeiert. Wobei Siebert, der von 1998 bis 2002 neben Frank Ullrich Trainer der deutschen Biathlon-Männer war, bevor es ihn nach Österreich zog, schmunzelnd erzählt, dass der sogenannte Wein einen Alkoholgehalt „von mindestens 43 Prozent“ hat. Er ist lieber beim deutschen Bier geblieben.

          Es sind zwei unterschiedliche Kulturen und Mentalitäten, die da aufeinandertreffen, und Siebert sieht seine Aufgabe als Trainer darin, beide gewinnbringend miteinander zu verknüpfen. Das ist schon sprachlich eine Herausforderung, weil die Kommunikationskette Deutsch Englisch Chinesisch viel zu lang ist. Aber Siebert will Sinn, Struktur und Methodik in ein Trainingssystem bringen, das bislang diesen Namen nicht verdient, das aber Athleten hervorbringt, die bereit sind, an die Schmerzgrenze zu gehen - und darüber hinaus. Das war eine der Überraschungen, als er sich auf das Abenteuer China eingelassen hat: „Die sind ja völlig unorganisiert.“ Das Klischee vom Sport nach DDR-Muster trifft im Wintersport zumindest nicht zu. Es gibt keine Talentsichtung, und das Reservoir an Biathleten ist sehr übersichtlich: acht Frauen, 13 Männer, wobei von den Herren der Schöpfung eigentlich nur Zhang Chenye international wettbewerbsfähig ist.

          „Hauptsache es hat geknallt“

          Die Frauen gehören dagegen schon seit 2005 zur erweiterten Weltspitze, obwohl sie im Olympiajahr einen herben Rückschlag hinnehmen mussten. Deswegen ist Siebert jetzt Chef. Drei seiner Chinesinnen sind derzeit unter den besten elf in der Weltcup-Wertung, und die Staffel ist schon im Dezember in Hochfilzen auf Rang drei gelandet. Was noch zum ersten Sieg fehlt? „Da müssen die großen Nationen noch mitspielen.“ Aber es bewegt sich wieder etwas. Vor allem am Schießstand. Das ist normalerweise die Problemzone der Chinesinnen. Am Mittwochabend gingen Kong Yingchao, Dong Xue, Yin Qiao und Liu Xiangying mit einer Strafrunde und elf Nachladern als treffsicherstes Team aus der Oberhofer Windlotterie hervor. Das will Siebert nicht überbewerten, zumal die alten Muster immer noch in den Köpfen seiner Athletinnen rumspuken.

          Will Partner und nicht nur Guru sein: Klaus Siebert

          Yin zum Beispiel hatte angesichts ihrer Strafrunde eine Standpauke von ihm erwartet. Und sich dann gewundert, „als ich ihr gesagt habe, dass ihre Leistung bei den schwierigen Verhältnissen gut war“. Früher wäre wohl Straftraining fällig gewesen. „Die hatten regelrecht Angst vorm Schießen“, sagt Siebert und formuliert das, was vor seiner Zeit am Schießstand passiert ist, generell so: „Hauptsache, es hat geknallt.“ Es gab keine Trefferbildanalyse, keine Informationen auf der Strecke, keinerlei Reaktion auf Windeinflüsse. „Die haben vorbeigeschossen und wussten nicht, warum.“

          Trainingspläne waren unbekannt

          Jetzt wissen sie es. Und Angst brauchen sie auch nicht mehr zu haben. Siebert hat die sinnlose Ballerei - früher waren es 30 000 Schuss im Training - auf 12 000 gezielte Schüsse reduziert. Jetzt gibt es auch Trainingspläne. Die waren vorher unbekannt. „Wenn die Trainer geglaubt haben, jetzt sei eine Krafteinheit nötig, dann haben sie die Athleten einfach rausgeschickt.“ Und die hatten kein Recht auf eine eigene Meinung. „Die tun, was man ihnen sagt.“ Selbst wenn es noch so weh tut.

          Individuelles Training war schon gar kein Thema. Liu, die Erfolgreichste, war der Maßstab, an dem sich alle anderen zu orientieren hatten. Das galt offenbar auch geschlechterübergreifend und führte zu grotesken Situationen. „Es kann doch nicht sein, dass die Frauen beim gemeinsamen Radtraining vorneweg fahren und die Männer hinterherzuckeln“, sagt Siebert.

          Siebert genießt die hohe Wertschätzung

          Der 49 Jahre alte Sachse hat bei seiner kleinen Revolution mit vielen Problemen zu kämpfen, aber er hat auch einen großen Vorteil. Für die hierarchiegewöhnten Athleten ist der dreimalige Weltmeister und Gesamt-Weltcupsieger von 1979 der große Meister, zu dem sie aufblicken. „Was ich sage, ist Gesetz.“ Auch wenn seine Gesetze gewöhnungsbedürftig sind. Er versucht zum Beispiel, seine Trainer zu selbständigem Denken und Handeln zu erziehen. Und er bemüht sich, seine allzu folgsamen Athleten in den Trainingsprozess einzubeziehen.

          „Die sollen mich auf lange Sicht als Partner sehen, nicht als Guru.“ Aber er genießt die hohe Wertschätzung schon. Und es würde ihn schon reizen, mit diesen „extrem leistungsbereiten Sportlern“ länger als die zwei vereinbarten Jahre zusammenzuarbeiten. Das dürfte letzten Endes eine finanzielle Frage sein. Der Skiverband hat angeblich kein Geld, und der dringend benötigte Sponsor wird noch gesucht. „Ich kann ja nicht immer nur Goldgräberarbeit leisten“, sagt Siebert. Er hat schließlich eine Familie zu ernähren.

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