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Biathlon : Kati Wilhelm stellt sich keine Fragen mehr

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„Ich wollte hier in dieser Arena einmal wieder ganz oben stehen”: Kati Wilhelm Bild: AP

In ihrer Heimat Oberhof genießt Biathletin Kati Wilhelm ihren 19. Weltcup-Sieg. Vor dem nächsten „Heimspiel“ in Ruhpolding ist der Anspruch nicht kleiner geworden, aber das Selbstbewusstsein gewachsen.

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          Die letzten Tage war Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Skiverbandes, in Oberhof vor allem mit einem beschäftigt: „Ich musste den Leuten erklären, warum nicht immer die Deutschen gewinnen können.“ Am Sonntag, beim großen Finale vor 25 000 Zuschauern im gleißenden Sonnenlicht der Rennsteig-Arena, war es vorbei mit dem Erklärungsnotstand. Kati Wilhelm gab im Massenstart die Antwort. Und sie fiel sehr überzeugend aus.

          „Ich wollte hier in dieser Arena einmal wieder ganz oben stehen“, sagte die 32 Jahre alte Thüringerin nach ihrem Sieg. Sie lag 5,8 Sekunden vor der Russin Olga Medwedzewa, die unter ihrem Mädchennamen Pylewa 2006 in Turin als Dopingsünderin entlarvt und zwei Jahre gesperrt worden war. Die Schwedin Helena Jonsson hielt sich als Dritte die fast wie in alten Zeiten rennende, aber mit fünf Strafrunden belastete Wallgauer Weltmeisterin Magdalena Neuner um 1,4 Sekunden vom Leib.

          „Und es wird ja immer schwerer zu gewinnen. Bei der Dichte“

          Die deutschen Männer konnten ihrem Präsidenten drei Stunden später, als oben am Grenzadler schon wieder Zwielicht herrschte, keine so befriedigende Antwort geben. Michael Rösch, der am Tag zuvor noch am Sieg geschnuppert hatte, war im Massenstart an Position sieben noch der Beste. Da war der Österreicher Christoph Suman schon seit 37,6 Sekunden im Ziel, knapp zehn Sekunden vor dem Schweden Carl-Johann Bergmann, der den derzeit etwas lahmenden Norweger Ole Einar Björndalen im Sprint niederkämpfte. Bundestrainer Frank Ullrich zog dennoch ein positives Fazit: „Es war trotzdem eine gute Woche für uns. Vor allem die Jungen haben viel gelernt.“

          Die - mit Verlaub - „alte“ Kati Wilhelm auch. Sie genoss ihren insgesamt 19. Weltcup-Sieg in vollen Zügen. Der Thüringer Wald ist und bleibt ihre Heimat, auch wenn die 32 Jahre alte Frau, die ab und zu Abwechslung braucht, längst in Ruhpolding wohnt. Drei Jahre hat sie warten müssen, ehe sie in der Arena am Grenzadler wieder das höchste aller sportlichen Gefühle erlebte. „Und es wird ja immer schwerer zu gewinnen. Bei der Dichte.“ So hatte übrigens auch Hörmann argumentiert. Fast hätte die russische Dominanz gehalten, nachdem Kati Wilhelm beim dritten Schießen ihren ersten Matchball vergaben hatte - zwei Scheiben blieben stehen.

          „So richtig frisch war ich da aber auch nicht mehr“

          Der Konkurrenz ging es allerdings nicht anders. „Da haben wir uns gegenseitig beeindruckt.“ Ihre zweite Chance nutzte Kati Wilhelm dann entschlossen. Nach der letzten Nullserie war nur noch Olga Medwedzewa knapp vor ihr. „Ich wollte sie gleich mit meinem Antritt überraschen, sie hat sich aber nicht abschütteln lassen.“ Aber Kati Wilhelm kennt das Terrain, und weiß, wo man die entscheidende Attacke setzt. Am Berg zur Brücke zog sie davon. „Ich wollte es bei dem Gegenwind nicht auf einen Sprint ankommen lassen, also musste es vorher passieren.“ Aber sie gestand auch: „So richtig frisch war ich da aber auch nicht mehr.“

          Bundestrainer Uwe Müssiggang mochte zum finalen Auftritt von Kati Wilhelm nur so viel sagen: „Wenn man das, was man sich im Training erarbeitet hat, vor so einer Kulisse umsetzen kann, ist das einfach nur hervorragend.“ Und sie hat sich diesen Erfolg erarbeitet. Mit ihren beiden neuen Männern, dem Norweger Odd Lirhus und ihrem Heimtrainer, dem Chiemgauer Andreas Stitzl. Die brachen mit frischen Ideen die Trainingsroutine auf und verpassten Kati Wilhelm auf ihre „alten“ Tage noch einmal einen neuen Laufstil. Aufrechter, dynamischer aus dem Fußgelenk läuft sie jetzt - die Norweger-Schule. Aber man weiß eben nicht, wann und ob so eine Umstellung überhaupt fruchtet. Insofern ist der Sieg in Oberhof „eine Selbstbestätigung für mich. Da muss man sich keine Fragen mehr stellen. Die Unsicherheit ist weg.“

          „Die Zuschauer haben uns hier jeden Tag verwöhnt“

          Sie hatte ja schon die ganze Woche im Thüringer Wald gespürt, dass sie langsam so weit ist. Überragend beim dritten Platz der Staffel, und auch der Sprint am Freitagabend „war eigentlich ein Super-Wettkampf.“ Aber mit Platz sechs fühlte sie sich nicht ausreichend belohnt. Das änderte sich am Sonntag. „Es war eine fantastische Woche. Die Zuschauer haben uns hier jeden Tag verwöhnt, und heute haben wir ihnen endlich was zurückgeben können“, sagte Kati Wilhelm.

          Und über den Terminstress, der immer mit Heimspielen verbunden ist, konnte sie nur lächelnd bemerken: „Ich bin am Samstag erst um halb neun nach Hause gekommen. Da hatte ich immer noch die Klamotten vom Training an. Dafür war ich ziemlich gut.“ Jetzt zieht der Weltcup-Zirkus nach Ruhpolding weiter, in ihre zweite Heimat. Der Anspruch ist nach Oberhof nicht kleiner geworden. Aber das Selbstbewusstsein ist ein gutes Stück gewachsen.

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