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Biathlon : Kalte Finger am Abzug

  • -Aktualisiert am

Biathlon im Gefrierschrank: Kati Wilhelm beim Training in Oberhof Bild: dpa

Beim Biathlon-Weltcup in Oberhof ist das Wetter immer ein Thema. Neben der Nutzung von Fettcreme und Masken ist das Armkreisen derzeit eine sehr beliebte Athleten-Übung in der Skiarena, um sich gegen die klirrende Kälte zu wappnen.

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          Armkreisen, das ist derzeit eine der beliebtesten Übungen in der Skiarena am Grenzadler. Armschleudern, besser gesagt. Um das Blut in die kalten Finger zu pressen. Da stehen die Biathleten im Training schon mal bei minus 16 Grad am Schießstand und rotieren erst wie kleine Hubschrauber, bevor sie mit dem Kleinkalibergewehr in den Anschlag gehen.

          In Oberhof, beim Biathlon-Weltcup, ist das Wetter eigentlich jedes Jahr ein Thema. Meist ist es der berüchtigte Nebel, mal sind es frühlingshafte Temperaturen, die in der Schneebeschaffung ungewöhnliche Maßnahmen erfordern - wie vor zwei Jahren das Eis aus Bremerhaven. Diesmal ist es ein veritabler Winter mit jeder Menge Naturschnee und klirrender Kälte, der vor allem die Athleten vor einige Probleme stellt. Gerade feinmotorisch.

          „Das größte Problem sind die kalten Finger. Da geht die Sensibilität beim Abzug verloren“, sagt Frank Ullrich, der Bundestrainer, etwas undeutlich unter seiner wärmenden Gesichtsmaske, während sein auf der Stelle trippelnder norwegischer Kollege Mikael Löfgren nebenan flachst: „Die Athleten können sich wenigstens richtig bewegen, aber wir müssen hier stundenlang stehen.“

          Die beiden Heim-Weltcups in Oberhof und Ruhpolding sind nicht nur für Michael Greis die wichtigsten Stationen der Saison
          Die beiden Heim-Weltcups in Oberhof und Ruhpolding sind nicht nur für Michael Greis die wichtigsten Stationen der Saison : Bild: AP

          Kleidung im Mehrschicht-System

          Die Skijäger freilich müssen sich schon gegen die Kälte wappnen - zumindest im Training. Mit Kleidung im Mehrschicht-System, mit Fettcreme, mit Gesichtsmasken, mit Tüchern, mit Schals. Manche sehen aus wie Schnabeltiere, weil sie mit einem Atemluftkatalysator im Mund ihre empfindlichen Bronchien vor dem eisigen Lufthauch schützen. Ein wichtiges Utensil in diesen Tagen, das freilich wettkampfuntauglich ist: „Bei Höchstbelastung kriegen die Athleten nicht genügend Luft durch die Lamellen“, sagt Bernd Wolfarth, der Teamarzt der deutschen Biathleten.

          Mancher fühlt sich dieser Tage ein wenig an die Weltmeisterschaft 1999 in den finnischen Wäldern um Kontiolahti erinnert, als arktische Kälte von unter minus 30 Grad eine Zehntageveranstaltung auf das Schlusswochenende reduzierte. Davon ist Oberhof weit entfernt. Erst ab minus 20 Grad - so das Regelwerk der Internationalen Biathlon-Union - ruhen Ski und Kleinkalibergewehr. Ein willkürlich festgesetzter Wert. Aber selbst objektive Zahlen können lügen. Bei langen Abfahrten im Schatten werden aus gemessenen minus 15 Grad durch den Windchill-Faktor schnell minus 25 Grad. So oder so: „Die kalte Luft reizt die Schleimhäute und macht sie empfänglich für Viren“, sagt Wolfarth und spricht auch von „kälteassoziiertem Asthma.“

          Zusätzliches Handicap für deutsche Athleten

          Natürlich gilt diese Problematik für alle gleichermaßen, aber für die deutschen Athleten bedeutet sie ein zusätzliches Handicap. Die beiden Heim-Weltcups in Oberhof und kommende Woche in Ruhpolding sind nicht nur für Michael Greis und Kati Wilhelm die wichtigsten Stationen der Saison. Wer sich in der Heimat gut präsentiert, wer die Fans und Sponsoren zufriedenstellt, für den hat sich die Saison gelohnt. Genau das ist das Problem. "Es kommt nicht von ungefähr, dass wir bei den Heim-Weltcups die höchsten Ausfallquoten haben", sagt Wolfarth.

          Es reicht eben nicht, Leistung zu bringen, sondern man muss sich der Öffentlichkeit als Athlet zum Anfassen präsentieren. Muss Autogramme geben, muss zum Plausch ins VIP-Zelt, muss zu Pressekonferenzen, Siegerehrungen, zur Eröffnungsfeier. Erstens kommt da die Regeneration zu kurz, und zweitens ist nirgendwo die Ansteckungsgefahr größer als zu Hause, wo einem alle aus lauter Begeisterung eng auf den Leib rücken. „Der Kontakt mit so vielen Menschen ist problematisch“, sagt Wolfarth.

          Händeschütteln ist angesagt

          Zwar würde mancher Athlet am liebsten die Hände tief in den Taschen vergraben, um sich wenigstens halbwegs zu schützen. Aber nein, Händeschütteln ist angesagt, Körpernähe beim Foto gefragt. Athleten wandeln, was die Gesundheit angeht, ohnehin auf einem schmalen Grat. Und wenn dann noch die äußeren Bedingungen zusätzlich am Immunsystem nagen, kippt die Gesundheit schnell. Trotz aller Prophylaxe wie Vitamin C und Zink, Schleimhautpflege durch Flüssigkeitsaufnahme und rasche Kalorienzufuhr per Energiedrink. Da stößt man als Arzt ganz schnell an Grenzen. „Man kann die Athleten zwar für die Problematik sensibilisieren, aber im Zweifelsfall bleibt nur eines: Man muss sie rausnehmen.“ Ausgerechnet beim Heimspiel.

          (Frost-)Verschärfend kommt diesmal hinzu, dass erstmals die gesamte Oberhofer Weltcup-Woche unter Flutlicht stattfindet. Weil es um 17.30 Uhr eben mehr Fernsehzuschauer gibt als um die Mittagszeit. Natürlich konnte niemand ahnen, dass es derart frostig werden würde. Aber ansonsten nimmt kaum noch einer Anstoß an der Nachtarbeit. Schließlich gibt es im Februar in Südkorea eine ganze WM unter Flutlicht.

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