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Biathlon in Oberhof: Männer-Staffel : Die große Stunde der Debütanten

  • -Aktualisiert am

Brachte die deutsche Staffel auf Platz drei ins Ziel: Toni Lang Bild: dpa

Stark ersatzgeschwächt trat die deutsche Staffel in Oberhof an - und beeindruckte. Vor allem wegen Arnd Peiffer und Toni Lang, der das Quartett auf Platz drei hinter Österreich und Russland ins Ziel brachte. Der Russe Iwan Tscheressow wurde wegen zu hoher Hämoglobinwerte ausgeschlossen.

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          Die gewaltige Kulisse in der Skiarena am Grenzadler hat bislang noch jeden beeindruckt. Und nicht immer ist es die reine Lust, vor 17.000 Menschen schnell zu laufen und zu treffen, zumal wenn man in einem deutschen Laufanzug steckt. Da hat auch schon gestandene Athleten vor allem am Schießstand das große Zittern befallen. Gerade in der Staffel, und erst recht, wenn man den verantwortungsvollen Part des Schlussläufers innehat.

          Und genau den hat Bundestrainer Frank Ullrich am Donnerstag einem Debütanten anvertraut. Weltcup-Erfahrung hat der 25 Jahre alte Toni Lang ja schon gesammelt, aber nicht in der Staffel und schon gar nicht als Libero. Und dann musste der Bayer auch noch als Erster auf die letzten 7,5 Kilometer gehen. Auf seinen Fersen der erfahrene Russe Nikolai Kruglow und der Österreicher Christoph Sumann.

          „Am Anfang dachte ich, ich brauche Pampers“

          Das hatte niemand erwartet, und in der Arena ging es noch höher her als sonst. Im Ziel hatte sich die Reihenfolge zwar verkehrt, aber Platz drei der deutschen Staffel 19,2 Sekunden hinter den wiederum erfolgreichen Österreichern, die Russland 8,7 Sekunden hinter sich ließen, war mehr als eine faustdicke Überraschung. Und eine große Erleichterung für Lang.

          Aus dem Harz in den Thüringer Wald: Arnd Peiffer aus Clausthal-Zellerfeld debütierte fehlerlos im Weltcup
          Aus dem Harz in den Thüringer Wald: Arnd Peiffer aus Clausthal-Zellerfeld debütierte fehlerlos im Weltcup : Bild: dpa

          „Am Anfang dachte ich, ich brauche einen Satz Pampers, da hatte ich Stress. Aber ich habe versucht am Russen dranzubleiben.“ Eine kritische Situation in der Liegendposition hatte Lang zu überstehen, als er drei Nachlader brauchte. „Stehend habe ich dann attackiert. Ich glaube, ich habe das ganz gut gelöst“, sagte der Debütant. Auch Bundestrainer Frank Ullrich fiel ein Stein vom Herzen. „Ein Riesenkompliment an alle, besonders aber Toni, wie er diese ungewohnte Situation gemeistert hat.“

          Stadionverbot für die Eltern

          Dass Ullrich maximal mit Platz vier geliebäugelt hatte, war schon sehr mutig. Michael Greis, Michael Rösch, Arnd Peiffer, Toni Lang: Es war schon zur Hälfte eine Verlegenheits-Vier, die da in Oberhof über sich hinauswuchs. Aber was soll Ullrich machen, wenn Alexander Wolf noch die Erkältung in den Knochen steckt, wenn Andreas Birnbacher noch nicht fit ist, wenn sich Christoph Stephan beim Fußballspielen die Nase bricht, wenn Daniel Graf außer Form ist?

          Es ist die Personalnot, die Ullrich diese Aufstellung quasi diktiert hat. Aber irgendwann muss jeder, der nach oben will, ins kalte Wasser geworfen werden. Oder besser in den kalten Schnee. Das galt auch für Arnd Peiffer. Der 21 Jahre alte Niedersachse hat nicht einen einzigen Weltcup-Einsatz. Und dann muss er gleich in diesen Hexenkessel. Seinen Eltern hatte er vorsichtshalber Stadionverbot erteilt. Es wäre nicht nötig gewesen.

          Greis vermasselt den Auftakt gründlich

          Aber der Reihe nach: ausgerechnet der Routinier, der dreimalige Olympiasieger Michael Greis, hatte auf der ungewohnten Position des Startläufers seine Aufgabe als Zugpferd gründlich vermasselt. Eine Strafrunde warf den 32 Jahre alten Nesselwanger gleich auf Position acht unter 21 Staffeln zurück. „Bei den Nachladern hatte ich zittrige Haxen und haben mich mehr auf die Knie als auf das Schießen konzentriert.“ An der Position als Anschieber habe es nicht gelegen. Die habe er ja selbst gewollt. „Ich hatte in letzter Zeit so viel Stress, da wollte ich mal nicht Schlussläufer machen. Für mich war es ein Training für den Massenstart.“

          Immerhin preschte Staffel-Olympiasieger Michael Rösch anschließend auf Platz zwei vor: „Es ging vom ersten Meter an richtig super. Ich habe im Liegendanschlag etwas riskiert und einen schnellen Rhythmus geschossen. In der Schlussrunde ging mir der Saft ein bissel aus“, sagte der Altenberger. Und dann kam Arnd Peiffer und verblüffte die Fachwelt. Nicht nur, dass er bei seiner Feuertaufe keinen einzigen Nachlader brauchte. Nein, er zog auch noch am führenden Russen Dimitri Jaroschenko vorbei.

          Peiffer ohne Nachlader

          Auch Ullrich konnte nur staunen über seinen frechen Debütanten. Der Gänsehaut hatte im Stadion, der aufgeregt war, und doch alles im Griff hatte. „Ich habe beim Schießen bewusst das Tempo rausgenommen, weil ich die Nachlader vermeiden wollte. Und ich habe mich nicht verleiten lassen, unterwegs zu überziehen.“ Ein Routinier hätte es nicht besser machen können. „Das ist mehr, als ich je erwartet hätte“, sagte Peiffer.

          Abermals überhöhter Hämoglobinwert bei Tscheressow

          Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer dass der zweite Wettkampfabend des Biathlon-Weltcups von der Nachricht überschattet wurde, dass der eigentlich für die russische Staffel als Startläufer vorgesehene Iwan Tscheressow wegen zu hoher Blutwerte vom Wettkampf ausgeschlossen und gemäß des Reglements der Internationalen Biathlon-Union (IBU) mit einer fünftägigen Schutzsperre belegt worden ist. Bei einer Blutkotrolle hatte sein Hämoglobinwert den IBU-Grenzwert von 17,5 Gramm pro Deziliter Blut überschritten.

          Tscheressow war schon im Dezember 2007 beim Weltcup in Pokljuka mit einem exorbitantem Wert von 18,2 aufgefallen. Die obligatorische Nachkontrolle sowie die von der IBU angeordneten anschließenden Zielkontrollen waren negativ ausgefallen. Tscheressow hatte seine Werte mit natürlicher Veranlagung begründet. Überhöhte Hämoglobinwerte können ein Hinweis auf Blutdoping sein, müssen aber nicht.

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