https://www.faz.net/-gtl-14zts

Biathlon in Oberhof : Der Coup mit Simon Schempp

  • -Aktualisiert am

„Wenn das bei Olympia auch klappen könnte, wäre es wunderschön”: Simon Schempp Bild: ddp

Schlussläufer - das ist nicht jedermanns Sache in einer Biathlon-Staffel. Beim Heimspiel in Oberhof setzte der Bundestrainer auf den jungen Simon Schempp. Und der Schwabe schlug sich bestens. Nun hofft er auf eine Wiederholung bei Olympia.

          3 Min.

          Schlussläufer – das ist nicht jedermanns Sache. Es ist der schwerste Job in der Staffel und setzt ein hohes Maß an Stressresistenz voraus, an Nervenstärke, an Treffsicherheit, an läuferischer Qualität, an taktischer Cleverness. Die Norweger setzen auf dieser Position nicht umsonst auf ihren Branchenriesen Ole Einar Björndalen, die Österreicher vertrauen ihrer „Bank“ Christoph Sumann: erprobte Schlussmänner jenseits der Dreißig, die gelernt haben, mit dem Druck umzugehen.

          Frank Ullrich, der Bundestrainer der deutschen Biathleten, hat bei der 4×7,5-Kilometer-Staffel am Donnerstag in Oberhof dieser geballten Macht an Routine und Kompetenz seinen jüngsten und unerfahrensten Athleten entgegengesetzt: Simon Schempp. Ausgerechnet beim Heimspiel in der Arena am Grenzadler musste der 21 Jahre alte Schwabe von der Skizunft Uhingen vor 17.000 begeisterten Zuschauern die Bürde des letzten Mannes tragen.

          Und wie er das tat beim dritten Platz der deutschen Staffel (mit den Kollegen Christoph Stephan, Michael Greis, Arnd Peiffer), 42,2 Sekunden hinter Norwegen und Frankreich, das war aller Ehren wert. Schempp schloss ohne Zögern die Fünf-Sekunden-Lücke nach dem letzten Wechsel zu den vorauseilenden Björndalen und Sumann, lag beim ersten Schießen Schulter an Schulter mit den beiden Routiniers auf der grünen Matte. Schoss nicht so schnell wie der Norweger, aber genauso fehlerfrei. Und ließ sich auch unterwegs zunächst nicht abschütteln.

          „Schlussläufer, das ist eine schöne Aufgabe vor der Kulisse“

          Erst beim Stehendanschlag setzte sich Olympiasieger Björndalen entscheidend ab, mit dem Franzosen Martin Fourcade im Schlepptau. Während der erfahrene Sumann nur knapp an der Strafrunde vorbeischrammte, blieb Schempp kühl bis in die Haarspitzen. Fünf kontrollierte Schüsse, fünf Treffer. Eine blitzsaubere Bilanz. „Ich wollte auf jeden Fall ohne Nachlader weggehen“, sagte Schempp nüchtern, und fragte sich selbstkritisch, ob er am Anfang nicht einen taktischen Fehler begangen haben könnte. „Ich wollte eben gleich aufschließen, und diese Körner haben mir am Ende gefehlt.“

          Doch es ist genau diese Präsenz, die einen Schlussläufer auszeichnet. Das Signal an die Konkurrenz, und sei sie noch so erfolgreich: Mit mir müsst ihr rechnen. Dieses Selbstbewusstsein hat auch dem Bundestrainer imponiert: „Der Simon hat das sensationell gut gemacht.“ Es hat den Anschein, als könnte der Schwabe sich sogar mit dem „Rucksack“ auf seinem Rücken anfreunden: „Schlussläufer, das ist eine schöne Aufgabe. Gerade vor so einer Kulisse“, sagte Schempp.

          Er hatte diesen Part schon im Dezember in Hochfilzen mit Bravour übernommen, als die deutsche Staffel mit Platz drei den bis Donnerstag einzigen Podestplatz der Olympiasaison erkämpfte. Aber Oberhof ist doch ein anderes Kaliber. „Irgendwie ist es mir gelungen, meine Nervosität wegzuschieben“, sagte Schempp.

          Bundestrainer Frank Ullrich: „Dem Simon gehört die Zukunft“

          Damals galt seine Beförderung über Nacht – als Belohnung für eine starke Leistung – noch als (toll)kühner Handstreich von Ullrich, der allerdings schon länger sagt: „Dem Simon gehört die Zukunft.“ Aber die Maßnahme hatte auch den Hintergrund, den etablierten Kräften zu zeigen, dass die Hierarchie im Team nicht zementiert ist. Sie ist ohnehin kaum auszumachen in dieser wichtigen Saison, in der Alexander Wolf, Michael Rösch oder Andreas Birnbacher ihrer Form hinterherlaufen. Und nicht nur sie.

          Christoph Stephan, als einziger deutscher Biathlet bei der WM 2009 in Pyeonchang auf dem Treppchen (Silber im Einzel), hat eine Saison wie eine Achterbahnfahrt hinter sich. Am Donnerstag erledigte er seinen Job als erstes Glied in der Viererkette mit drei Nachladern und bester Laufzeit ordentlich. Olympiasieger Michael Greis, seit der WM 2004 eigentlich als Schlussläufer gesetzt, kämpft am Schießstand noch immer mit sich selbst.

          „Vor Weihnachten hatte ich noch Probleme mit der letzten Runde“

          In Oberhof vergab er die Chance, weiter nach vorne zu kommen, beim Stehendschießen – drei Nachlader. „Das sah schon ziemlich nach Strafrunde aus, aber ich bin cool geblieben“, sagte Greis, der auf Platz vier zurückfiel, statt für Vorsprung zu sorgen. Eine Empfehlung als Schlussläufer sieht anders aus.

          Am besten steht noch Arnd Peiffer da – mit Platz zehn im Gesamt-Weltcup. Der Niedersachse hat im vergangenen Jahr in Oberhof den Durchbruch geschafft und ist seitdem der Stabilitätsfaktor im deutschen Team. Am Donnerstag leistete er sich zwar im Liegendanschlag zwei Nachlader, während er stehend fünfmal traf. Dafür sah man eine neue läuferische Qualität, denn Peiffer arbeitete sich wieder an Position drei vor: „Vor Weihnachten hatte ich noch Probleme mit der letzten Runde. Heute konnte ich das Tempo durchziehen und für Simon eine gute Ausgangsposition schaffen.“ Und der hat die Feuerprobe im Tollhaus Oberhof kühl gemeistert. So einer dürfte nervlich auch olympischen Anforderungen gewachsen sein.

          Weitere Themen

          Anti-Olympia-Proteste halten an Video-Seite öffnen

          Gegen Corona-Ausbreitung : Anti-Olympia-Proteste halten an

          In Tokio sind am Sonntag erneut etwa Hundert Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Ausbreitung zu demonstrieren. Die Zahl der positiven Tests steigt weiterhin stetig an.

          Topmeldungen

          Was einmal der Friedhof in Bad Neuenahr-Ahrweiler war, ist nach dem Hochwasser ein einziges Trümmerfeld.

          Katastrophenschutz : Wie wir uns gegen die Fluten schützen können

          Starkregen, Überflutungen, aber auch Hitzewellen: Höchste Zeit, dass sich Städte und Kommunen richtig auf den Klimawandel vorbereiten und die Menschen besser schützen. Wie das gelingen kann? Wissenschaftler haben dafür bereits geeignete Konzepte entwickelt.

          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Was bei der Rente schiefläuft

          Seit zwei Jahrzehnten wird das deutsche Altersvorsorgesystem permanent repariert. Doch ohne grundlegende Änderungen wird es nie so solide werden wie die Systeme anderer Länder.

          Selbstbild der Nation : Traumland Deutschland

          Versinken wir im Chaos? Oder laufen viele Dinge besser als öffentlich wahrgenommen? Letzteres denken viele Ausländer, die hier leben. Warum merken das die Deutschen nicht?
          Ehrenamtlicher Einsatz: Sarah Negusse hilft bei Fragen zur Impfung.

          Corona-Lotsin : Pandemie-Aufklärung auf dem Spielplatz

          Sarah Negusse ist Gesundheitslotsin. Sie klärt in Frankfurt Menschen, die kaum Deutsch sprechen, über das Impfen auf und überzeugt sie von der Notwendigkeit von Masken und Abständen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.