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Biathlon : Heimsiege statt Erfolgen in Oberhof

Sieg vor leeren Tribünen: Franziska Hildebrand in Ruhpolding Bild: dpa

Ruhpolding ist aufgrund des schlechten Winters als Ersatz für Oberhof eingesprungen - und muss nun zwei Wochen lang Wärme und zwei Weltcups meistern. Franziska Hildebrand spielt das beim Sprintsieg sportlich in die Karten.

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          Franziska Hildebrand hat es ja schon vorher gesagt. Ruhpolding, das ist ihr Wohnzimmer. Hier in der Chiemgau Arena kennt sie jeden Zentimeter, jede Schießmatte, jedes Lüftchen, das sich regt. Und doch hätte sich die 28 Jahre alte Biathletin nicht träumen lassen, „hier, wo ich die ganze Zeit trainiere, mal zu gewinnen.“ Und deshalb sagte sie am Freitag, nachdem es an ihrem Erfolg im Sprint nichts mehr zu rütteln gab: „Unglaublich“, lieferte aber gleich die Erklärung hinterher. „Momentan passt alles zusammen.“

          Und natürlich weiß sie, dass der Erfolg in Ruhpolding nur über eine hundertprozentige Trefferquote führt. „Und dann halt Vollgas.“ So wie vor der Weihnachtspause, als sie sich Anfang Dezember in Hochfilzen vom Makel befreit hat, nicht gut genug für einen Sieg zu sein. Seitdem ist das Selbstbewusstsein gewachsen. „Ich weiß, wenn es am Schießstand klappt, dann kann ich ganz vorne ankommen. Der Schießstand ist der Schlüssel.“

          Schussbereit: Vorbereitungen in Ruhpolding

          Und weil sie den tückisch-unberechenbaren in Oberhof kennt, versteht es sich von selbst, dass sie nach dem zweiten Weltcup-Erfolg ihrer Karriere nicht besonders böse ist, dass dieser Weltcup wegen Schneemangels von Oberhof nach Ruhpolding verlegt worden war, und sie jetzt praktisch zwei Heimspiele in der Chiemgau Arena hat. Das muss sie nicht besonders betonen, weil es ja auch heikles Terrain ist.

          Besseres Wetter, besseres Resultat

          Johannes Thingnes Bö ist Norweger, und deswegen muss der 22 Jahre alte Biathlet in diesem Fall nicht auf politische Korrektheit achten. Sondern kann aus dem Bauch heraus sagen, wie heilfroh er ist, dass er nicht nach Oberhof musste. „Immer schlechtes Wetter, immer Nebel“, sagt der Norweger. „In Ruhpolding ist das besser.“ So gut, dass der Jüngere der Bö-Brüder am Freitag den Sprint bei den Männern gewonnen hat. Mit drei Sekunden Vorsprung vor seinem fünf Jahre älteren Bruder Tarje. Der findet Ruhpolding zwar auch nicht schlecht, „aber die Strecken in Oberhof, die liegen mir viel besser.“ Was beide immerhin als vorteilhaft empfinden: „Wir haben einmal Koffer packen gespart.“

          Dennoch ist es ein gewöhnungsbedürftiges Bild, wenn sich am Freitag in der Chiemgau-Arena, ansonsten stets für fünfstellige Besucherzahlen gut, 4600 Zuschauer verlieren. Auch wenn Arnd Peiffer, an diesem Tag auf Rang elf bester Deutscher, sagt: „Aber die, die da waren, haben für richtig gute Stimmung gesorgt“. Andreas Birnbacher, am Freitag Neunter, darf man ohnehin nicht fragen. Der wohnt nur ein paar Kilometer entfernt und ist hocherfreut, dass er jetzt fast zwei Wochen zu Hause bei der Familie schlafen kann.

          Ruhpolding ersetzt Oberhof

          Aber einfach ist es nicht, mal eben einen Weltcup zu verlegen. Beziehungsweise einen zweiten auszurichten. Mal vom logistischen und finanziellen Aufwand abgesehen, in diesen nahezu schneelosen Zeiten eine würdige Strecke in die Landschaft zu zaubern. Mit Schnee aus dem Depot, aus der Kanone und aus dem benachbarten Skiort Reit im Winkl. Und sie haben im engen Tal unter dem Zirmberg, wo es stets ein paar Grad kühler ist als draußen im Ort, genug Erfahrung, mit jeder Menge Knowhow und Manpower aus wenig viel zu machen.

          Schweres Geschütz: Schneekanonen für Skijäger

          Am Freitag, als der Regen aus der Nacht das bisschen Naturschnee schon wieder ausgedünnt hatte, waren die Biathleten halbwegs zufrieden mit dem Geläuf. Aber wir stehen ja erst am Anfang der kleinen Ruhpoldinger WM, wie viele scherzhaft die knapp zwei Wochen Weltcup nennen. Zumal für das Wochenende noch mildere Temperaturen und Regen angekündigt sind. „Ich bin mir aber fast sicher, dass diese Strecke die zehn Tage hält“, sagt Borut Nunar, der Wettkampfleiter der Internationalen Biathlon-Union (IBU). Ironie des Schicksals: Im Moment präsentiert sich Oberhof mit 15 Zentimeter Schnee deutlich winterlicher. Zu spät.

          Und neben all den Unwägbarkeiten, die so eine Weltcup-Verlegung mit sich bringt, ist die größte Unbekannte aber der Zuschauer. Zwar behalten die 50.000 Karten, die in Oberhof im Vorverkauf abgesetzt worden sind, auch in Ruhpolding ihre Gültigkeit. Wer aber disponiert tatsächlich von Thüringen auf Bayern um? Deshalb gibt man sich bescheiden. „5000 Zuschauer pro Tag, damit wären wir schon zufrieden“, sagt Herbert Ringsgwandel vom Organisationskomitee. Das gilt aber nur für den Ersatz-Weltcup. In der kommenden Woche, wenn der „richtige“ Weltcup ansteht, wäre das eine riesige Enttäuschung. Aber erstens betreiben vor allem die deutschen Frauen beste Werbung und zweitens ist dann alles wieder berechenbar.

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