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Biathlon : Die ungeliebte Biathlon-Novizin

Die finnische Biathletin Kaisa Varis ist die strahlende Siegerin Bild: dpa

Die Finnin Kaisa Varis war als Langläuferin wegen Dopings gesperrt - nun siegt sie als Biathletin. Der Bundestrainer „muss das akzeptieren“. Doch das fällt ihm nicht schwer, weil er weiß, wie stark seine Mannschaft ist.

          Da steht er wie eine Säule, beide Hände in der Tasche, scheinbar immer im Gleichgewicht, mit Sonnenbrille, schaut ab und zu durch sein Fernrohr, und verzieht keine Miene, als Magdalena Neuner mal wieder zwei Scheiben stehen lässt. Er lächelt sogar nachsichtig, als Kathrin Hitzer am Schießstand einen Stock liegen lässt, die Nullserie von Sabrina Buchholz nötigt ihm ein anerkennendes Nicken ab. Und er schüttelt den Kopf, weil Kati Wilhelm fast drei statt zwei Strafrunden gelaufen wäre.

          Ärgern kann er sich schon, aber die großen Gesten sind ihm fremd. Uwe Müssiggang ist die scheinbar unverrückbare Konstante im deutschen Biathlon, der starke Mann hinter lauter erfolgreichen Frauen. Seit 18 Jahren steht er als Bundestrainer in der ersten Reihe und er kann es sich leisten, in aller Ruhe zu beobachten, was seine „Mädels“ am Schießstand abliefern. Weil er weiß, dass eine immer durchkommt - fast immer.

          Später Lernprozess

          Am Freitag, vor 15.000 Zuschauern in der Ruhpoldinger Chiemgau-Arena ging die Rechnung beim 7,5-Kilometer-Sprint nicht ganz auf, weil Kati Wilhelm diesmal auf dem ersten Platz neben dem Podest landete. Denn als alles schon entschieden schien, kam von ganz hinten in der Startliste eine Finnin namens Kaisa Varis, schoss fehlerfrei, lief wie der Teufel und siegte mit 16 Sekunden Vorsprung vor der Russin Swetlana Sleptsowa und 34,3 Sekunden vor Helena Jonsson aus Schweden.

          Keine Deutsche auf dem Treppchen, stattdessen Kaisa Varis, Svetlana Sleptosova, Helena Jonsson

          Kati Wilhelm wusste sehr genau, wem sie Versetzung auf den undankbarsten aller Plätze zu verdanken hatte. „Na ja, sie hat ihre Sperre abgesessen, und ich hoffe, sie ist jetzt sauber, und hat aus ihren Fehlern gelernt.“ Bei Kaisa Varis scheint der Lernprozess erst spät in Gang gekommen zu sein, denn die ehemalige Skilangläuferin war wegen Dopings gesperrt worden, 2003 bei den Weltmeisterschaften in Val die Fiemme. 2007 hat sie dann einfach den Verband gewechselt und versucht sich seitdem als Biathletin.

          Da kommt keine Missstimmung auf

          Auch Müssiggang ist das Problem bewusst. „Es ist überraschend dass sie auch beim Stehend-Schießen durchgekommen ist. Für das andere sind wir nicht zuständig, das müssen andere entscheiden. Es gibt lebenslange und zeitlich begrenzte Sperren. Das muss man dann akzeptieren.“ Er nahm es lieber sportlich, und da muss er seinen Mädchen sagen: „Sie haben sich stehend eine bessere Plazierung vergeben.“ Das sah Kati Wilhelm genauso: „Ich habe mich sehr über die zwei Strafrunden geärgert.“ Und sie sei so in Trance gewesen, dass sie fast noch eine dritte Runde gelaufen wäre: „Da verpasst man schon mal die Ausfahrt.“

          Müssiggang muss diesmal mit einem guten Mannschaftsergebnis vorliebnehmen. Die Plätze sieben (Buchholz), neun (Andrea Henkel), elf (Martina Glagow) und zwölf (Neuner) lassen für den Verfolgungswettkampf am Sonntag alle Chancen offen. Da wird keine Missstimmung aufkommen.

          Die sanfte Kunst der Integration

          Die frühere Weltklasse-Biathletin Petra Behle hat einmal gesagt, nichts sei schwerer als ein Frauen-Team zu trainieren, weil da vieles hinter dem Rücken ablaufe. Müssiggang muss wohl ein Frauenversteher sein, sonst hätte er es gar nicht so lange ausgehalten in einem Team, in dem eigentlich Hauen und Stechen herrschen müsste. Wenn Olympiasiegerinnen und Weltmeisterinnen keinen Einsatz bekommen, weil eben die Auswahl so groß ist, dann ist der Bundestrainer als Pädagoge gefordert. „Das ist natürlich hart für die Mädchen.“ Aber wo andere sich nicht lange mit Erklärungen aufhalten, versucht Müssiggang zu überzeugen. Und wenn es ein Problem gibt, „dann setzen wir uns zusammen und nehmen uns vor, den Raum nicht eher zu verlassen, bis alles geklärt ist.“

          Harmonie lässt sich nicht verordnen, aber der 55 Jahre alte Berchtesgadener mit hat seinen Frauen immer klar gemacht, dass jede Einzelleistung der starken Mannschaft zu verdanken ist. Und ausgerechnet jetzt, wo der Kader stärker denn je ist, behauptet Müssiggang: „So gut war die Stimmung lange nicht mehr.“ Das bedeutet immerhin, dass sie nicht immer in all den Jahren berauschend gewesen sein kann. Müssiggang versteht sich zwar auf die sanfte Kunst der Integration, aber es kommt immer darauf an, wer da nachrückt. Mit Magdalena Neuner und Kathrin Hitzer hat er einen Glücksgriff getan. Müssiggang wollte sich nach den Olympischen Spielen 2006 zurückziehen. Seine „Mädchen“ sind heilfroh, dass er auch 2010 in Vancouver unerschütterlich wie ein Fels noch durchs Fernrohr schauen wird.

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