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Deutsches Biathlon-Team : Die vierte Frau wird händeringend gesucht

Karolin Horchler erreicht mit der Staffel den vierten Platz, ist aber die Gewinnerin des Tages. Bild: dpa

Auch beim Biathlon-Weltcup in Ruhpolding hält die Misere der Frauen-Staffel an. Zu drei Vierteln stellt sich das deutsche Team von selbst auf. Nun stellt sich vor der WM in Antholz eine wichtige Frage.

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          Am Schluss war nicht mehr drin. Denise Herrmann zeigte am Freitag vor den 16.500 Zuschauern in der Chiemgau Arena zwar eine vorzügliche Vorstellung, schoss fehlerfrei und trieb die Konkurrenz vor sich her. Aber es reichte in der 4x6-Kilometer-Staffel dann doch nur zu Platz vier, der zum Standard für die deutschen Biathletinnen zu werden scheint. Genau wie Norwegen zum Seriensieger wird. In Ruhpolding holten sich das norwegische Quartett vor Frankreich und der Schweiz den vierten Sieg im vierten Saisonrennen. Und der deutschen Equipe fehlten am Ende elf Sekunden zum ersten Podiumsplatz des Winters. Der Knackpunkt: zwei Strafrunden.

          Startläuferin Karolin Horchler verhakte sich gleich im Pulk und verlor etwas an Boden. Aber am Schießstand konnte sie ihre Stärken ausspielen: Mit 23 Sekunden Rückstand schickte sie Franziska Preuß auf deren Teilstück: 100 Prozent Trefferquote, in einem Höllentempo. Damit war der kleine Sturz zwischendurch fast kompensiert. Noch fehlt die Kraft nach dem Infekt, trotzdem wechselte sie an Position vier. „Beim Schießen fühle ich mich im Moment einfach wohl“, sagte sie. Vanessa Hinz ging nach dem Liegendanschlag sogar in Führung, aber vielleicht hat sie sich auf der Strecke übernommen.

          Die Quittung war hart: Zwei Strafrunden, mehr als eine Minute Rückstand, aus der Traum vom Podium. Eigentlich sah der Einsatzplan von Frauentrainer Kristian Mehringer etwas anderes vor. „Die Vanessa sollte der Denise möglichst ein bissel Vorsprung mitgeben.“ Dieser Teil der Kalkulation war nicht aufgegangen. Karolin Horchler bei Generalprobe für die Weltmeisterschaft in fünf Wochen in Antholz wieder den Part der Startläuferin anzuvertrauen, schon. „Wir wollten das Podium angreifen, und wenn alle eine solide Leistung bringen, ist das auch möglich“, sagte die Startläuferin. Aber es war wie immer: Mindestens ein Glied in der Viererkette funktionierte nicht.

          Das Trainergespann Mehringer/Florian Steirer hat notgedrungen viel experimentiert in dieser Saison. Wobei sich die Staffel zu drei Vierteln von selbst aufstellt. Verfolgungs-Weltmeisterin Denise Herrmann, derzeit an Position fünf im Weltcup, und Franziska Preuß, sofern sie gesund und im Vollbesitz ihrer Kräfte ist, sind die beiden unumstrittenen Frontfrauen; die einzigen, die für den Part der Schlussläuferin in Frage kommen. Vanessa Hinz hat sich mit starkem Auftritt in Oberhof und am Mittwoch in Ruhpolding mit Platz acht im Sprint als dritte Kraft etabliert, aber sie ist, wie am Freitag, im entscheidenden Moment zu oft zu unsicher.

          Diese drei sind die einzigen im deutschem Frauenteam, die die Qualifikationskriterien für die WM erfüllt haben. Nach Lage der Dinge dürfte es dabei bleiben. Denn zweimal unter den Top 15 ins Ziel zu kommen oder einmal zumindest Achte zu werden, dürfte für den Rest schwer werden. Hinter diesem Trio klafft eine riesige Leistungslücke. Die vierte Frau wird händeringend gesucht. Das geht zwar mit Ausnahme von Norwegen auch anderen Nationen so, aber in Deutschland war man bislang verwöhnt. Damit ist es erst einmal vorbei.

          Im Dezember in Östersund und Hochfilzen war es jeweils Karolin Horchler, die auf der Startläuferposition getestet wurde. Eine zuverlässige Schützin, aber läuferisch limitiert. An ihr lag es nicht, dass das deutsche Quartett in Tirol mit Platz zwölf einen historischen Tiefpunkt erlebte. Dort war auch Franziska Hildebrand dabei, jahrelang eine Bank in der Staffel, aber derzeit im Weltcup nicht konkurrenzfähig. Sie dreht dieses Wochenende im zweitklassigen Ibu-Cup ihre Runden und ist mit 32 Jahren auch keine Frau mit Perspektive.

          „Die Norm ist für jede Sportlerin die Vorgabe“

          Bei Platz vier am vergangenen Samstag in Oberhof kamen dann Maren Hammerschmidt und Janina Hettich zum Einsatz. Hammerschmidt, Staffel-Weltmeisterin von 2017 und Jahrgang 1989, kommt in ihrer Comebacksaison nach Sprunggelenkoperation nicht wie erhofft auf die Füße, und Hettich besitzt mit ihren 23 Jahren zwar durchaus Perspektive, hat aber noch nicht die Stabilität, um schon für die WM als verlässliche Stütze in Frage zu kommen.

          Die wichtigste Frage aber lautet: Bekommt der Deutsche Skiverband für Antholz überhaupt ein Quartett zusammen, wenn er seine Qualifikationsnormen ernst nimmt? „Die Norm ist für jede Sportlerin die Vorgabe“, sagt Mehringer. „Aber natürlich gibt es Ausnamegenehmigungen, zum Beispiel für die Staffel.“ Die Trainer haben das Vorschlagsrecht, das Präsidium entscheidet. Bernd Eisenbichler, seit Sommer neuer Sportlicher Leiter Biathlon im Verband, nimmt das Ergebnis schon mal vorweg. „Es wird mit Sicherheit eine Staffel in Antholz starten, das kann ich versprechen.“ Vielleicht heißt die vierte Frau dann Karolin Horchler, aber was hilft das, wenn die dritte Kraft verhaut.

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