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Biathlon : Der Dritte ist der Erste

  • -Aktualisiert am

Mühsam: Olympiasieger Greis in Hochfilzen Bild: dapd

Der Norweger Bö siegt im Schneechaos von Hochfilzen. Die Deutschen arbeiten noch an ihrem Comeback. Die Frauen um Magdalena Neuner suchen ebenfalls vergeblich die Erfolgsspur.

          3 Min.

          Er hat ja erst angefangen, dieser Winter. Aber schon jetzt verlangt er den Biathleten eine ganze Menge ab. Vor einer Woche in Östersund haben sie bei knapp minus 20 Grad mit klammen Händen den Finger krumm gemacht und sich mit Tape so gut es ging gegen Erfrierungen geschützt. Und jetzt ist über Nacht ein kleines Schneeinferno über die Tiroler Pillerseeregion hereingebrochen. Während sich am Freitagmorgen eine kilometerlange Autokarawane im massiven Schneetreiben die einzige Straße zum Biathlon-Dörfchen Hochfilzen hinauf kämpfte, sah man vereinzelt Gestalten in Wettkampfkleidung aus Mannschaftswagen hüpfen, das Gewehr auf dem Rücken, um ihr Glück zu Fuß zu versuchen. Es war eindeutig die bessere Wahl. Die Athleten schafften es alle rechtzeitig zum Start, viele Zuschauer nicht.

          Und natürlich war das Wetter auch ein Thema beim 10-Kilometer-Sprint der Männer. Zumal sich zwischendurch sogar kurz die Sonne blicken ließ, bis wieder die Böen den Schnee über die Strecke fegten. Wohl dem, der dieses kleine flockenarme Zeitfenster erwischte. Ole Einar Björndalen gehörte nicht dazu. Aber der Norweger liebt ja schwierige Verhältnisse. Diesmal waren sie wohl ein bisschen zu schwierig. Der eine Fehlschuss bei zehn Versuchen war nicht einmal das Problem, sondern der tiefe Schnee unter den Brettern: Platz zehn. Allerdings taugt die hohe Startnummer 76 nur bedingt als Alibi. Denn beim Teamkollegen Emil Hegle Svendsen, dem Weltcup-Spitzenreiter, war es genau umgekehrt. Trotz Startnummer 78 war er der Schnellste, mit zwei Schießfehlern allerdings chancenlos – Rang vier.

          Aber derzeit ist es bei den Norwegern so wie früher bei den deutschen Frauen: Einer aus dieser derzeit dominierenden Mannschaft kommt durch. Es war jedoch schon erstaunlich, dass ausgerechnet der Jüngste und Unerfahrenste im Flockenwirbel den Durchblick behielt. Tarjei B war ein Muster an Präzision am Schießstand und richtig flott unterwegs. In der Summe bedeutete das den ersten Weltcupsieg des 22 Jahre alten Norwegers aus Lillehammer. „Das war mein erstes Ziel in dieser Saison“, sagt Bö, der allerdings zugab, ein wenig sei ihm die Startnummer 61 schon entgegengekommen. „Ich hatte schon Glück mit dem Schnee.“ Ein Zufalls-Sieger ist der Norweger beileibe nicht. Sein Potential hat er schließlich schon in Östersund mit den Plätzen vier und fünf angedeutet. Nein, Bö steht wohl am Beginn einer großen Karriere.

          Siege, von denen Deutsche derzeit nur träumen dürfen: Tarjei Bö gewinnt in Hochfilzen
          Siege, von denen Deutsche derzeit nur träumen dürfen: Tarjei Bö gewinnt in Hochfilzen : Bild: dapd

          Davon ist jedenfalls Björndalen überzeugt. Der sechsmalige Olympiasieger hält seinen jungen Landsmann für das größte Talent im eigenen Land, Svendssen und sich selbst eingeschlossen. „Wenn der größte Athlet aller Zeiten im Wintersport so etwas sagt, dann ist das schon phantastisch“, sagte Bö. „Aber auch wenn ich heute zum ersten Mal beide geschlagen habe, bin ich nur die Nummer drei im Team.“ Im besten Team der Welt wohlgemerkt. Bö glaubt allerdings nicht, dass die norwegische Dominanz so weitergeht. „Die Russen, die Österreicher, die kommen noch“, sagte der Norweger und vergaß auch die Deutschen nicht.

          Arbeit am Comeback

          Deren neues Trainerteam Mark Kirchner/Fritz Fischer arbeitet jedenfalls am Comeback der DSV-Biathleten, die bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver ohne Medaillen geblieben waren – erstmals seit 40 Jahren. Vom reinen Ergebnis her war Hochfilzen kein Fortschritt. Platz 19 von Michael Greis als deutsche Spitzenplazierung taugt nicht zum Vorzeigen. Wobei man im Detail durchaus Hoffnungsvolles erkennen kann. Läuferisch ist der Nesselwanger ganz vorne dabei. Aber drei Fahrkarten sind im Sprint zu viel – auch im Schneetreiben.

          Die Treffsicherheit war schon im Olympiajahr das Problem des dreifachen Olympiasiegers von 2006. Bei Christoph Stephan stand immerhin die Doppelnull, aber der Oberhofer fühlte sich an Position 28 vom Neuschnee ausgebremst. „Im Anstieg hast du in dem tiefen Geläuf einen brutalen Widerstand.“ Und Arnd Peiffer, der in der vergangenen Saison Greis ein wenig den Rang abgelaufen hatte, fühlte sich trotz guter Schießleistung (1 Fehler) nach Platz 31 auch nicht gerade vom Wetter begünstigt: „Ich musste mitten im dicksten Schneetreiben ran.“

          Vielleicht war das Fazit von Disziplintrainer Kirchner noch am ehesten auf den Niedersachsen gemünzt: „Die, die es heute hätten richten können, hatten Pech.“ Mag schon sein, aber Fakt ist auch: Die deutschen Biathleten haben im Moment keinen, der durchkommt – schon gar nicht bei widrigsten Bedingungen.

          Frauen laufen auch hinterher

          Bei den Frauen sah es da am Freitag auch nicht viel besser aus: Doppel-Olympiasiegerin Magdalena Neuner ist bei ihrer Rückkehr in den Biathlon-Weltcup als Siebte noch die beste deutsche Skijägerin gewesen. Nach ihren beiden zweiten Plätzen in Östersund zahlte dagegen Miriam Gössner beim 7,5-Kilometer-Sprint in Hochfilzen Lehrgeld.

          Geburtstagskind Andrea Henkel kam an ihrem 33. Geburtstag ebenfalls nicht in die Top 15. Den Sieg holte sich Anastasiya Kuzminaaus der Slowakei.

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