https://www.faz.net/-gtl-y5fi

Biathletin Miriam Gössner : Doppelte Identität

Miriam Gössner: Läuferisch zwar Top-Niveau, am Schießstand aber noch unberechenbar Bild: dpa

An diesem Donnerstag beginnt im westsibirischen Tiefland die Biathlon-WM. Miriam Gössner will sich dort beweisen, dabei wusste sie lange nicht, ob sie lieber Langläuferin sein will. Eines Tages könnte sie in die Stiefel von Magdalena Neuner schlüpfen.

          3 Min.

          Natürlich schielt sie sehnsüchtig nach Oslo, natürlich ist sie in Gedanken bei Evi Sachenbacher und Nicole Fessel, natürlich wäre sie gerne dabei am Holmenkollen. Und sie würde dort auch dringend gebraucht, gerade in der Langlaufstaffel. „Ja, die Sehnsucht ist groß“, gibt Miriam Gössner zu, „aber es geht nun mal nicht.“ Die 20 Jahre alte Garmischerin ist im Hauptberuf Biathletin, und weil sich die Nordische WM in Oslo und die Biathlon-WM in Chanty-Mansijsk um ein paar Tage überschneiden, muss sie den Nebenjob Langlauf ruhen lassen. Auch wenn ihr das wegen ihrer skandinavischen Mama um so schwerer gefallen ist. „Ich bin ja eine halbe Norwegerin.“

          Und sie ist - gefühlt - beinahe auch zur Hälfte Langläuferin. Eine verdammt schnelle dazu. Was vielleicht mit dem Norweger-Gen zu erklären ist. Jedenfalls hat sie ihre größten Erfolge - Silber bei der WM 2009 und bei Olympia 2010 - als Leihgabe mit der Langlauf-Staffel gefeiert. Und nach ihrem klasse Auftritt in Vancouver hätte Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle ihr Kleinkalibergewehr am liebsten auf Nimmerwiedersehen in einem tiefen Erdloch versenkt und die „Miri“ ganz behalten. Mit dem süffisanten Hinweis, das Schießen müsse sie ja erst noch lernen. Womit Behle nicht allein dastand. Viele haben Miriam Gössner eine glänzende Zukunft im Langlauf prophezeit - und eine ungewisse als Biathletin: Läuferisch zwar auf dem Top-Niveau von Olympiasiegerin Magdalena Neuner, am Schießstand aber noch unberechenbarer.

          „Denen zeig ich's jetzt mal“

          Nun hat die „Miri“ sowieso ihren eigenen Kopf, und so ein bisschen Häme - und sei es nur im Flachs - weckt bei ihr nur Widerstand. Von ihrem liebenswürdigen Kichern nach jedem zweiten Satz darf man sich nicht täuschen lassen: Hinter der niedlichen Fassade verbirgt sich eine Kämpfernatur. Und die hat beschlossen: „Denen zeig ich's jetzt mal.“ Ihre größte Leidenschaft gehört der Skijagd. Und da wollte sie bloß wegen ein bisschen mangelnder Treffsicherheit die Flinte nicht gleich ins Korn werfen. „Das Faszinierende ist ja gerade, dass du zwei widersprüchliche Dinge unter einen Hut bringen musst: Vollgas bis zum Anschlag und dann Präzisionsarbeit am Schießstand, ganz cool.“

          Sie ist in ihrer ersten kompletten Weltcup-Saison schon ein paar Mal ziemlich cool geblieben. Ganz am Anfang in Östersund, als sie im Sprint mit null Fehlern Zweite wurde und diesen Platz erstaunlicherweise auch in der Stress-Disziplin Verfolgung hielt; zuletzt in Fort Kent, wo sie wieder Zweite im Sprint wurde. Natürlich gab es dazwischen den einen oder anderen Ausreißer am Schießstand, aber Platz 15 im Weltcup ist für eine, deren einziges Saisonziel es war, sich im deutschen Weltcup-Team dauerhaft zu etablieren, schon eine Marke. „Ich freue mich, aber für mich ist diese Saison in erster Linie ein Lernprozess“, sagt sie. Das gilt auch für die WM, die am Donnerstag im westsibirischen Tiefland beginnt. Unter Druck stehen andere: Weltcup-Spitzenreiterin Andrea Henkel etwa, oder Magdalena Neuner. Aber die Gössner weiß auch: Wenn sie selbst trifft, ist sie schwer zu schlagen.

          „Langlauf wird für mich immer ein Thema bleiben“

          „Man darf nicht vergessen, dass sie noch Juniorin ist und ihr ein paar Ausbildungsjahre fehlen“, sagt Ricco Groß, der neue Mann im Trainerteam der Biathleten. Letzte Saison, als sie von den Langläufern adoptiert wurde, hat sie kaum mal ein Gewehr in der Hand gehabt - jedenfalls nicht unter Wettkampfbedingungen. „Aber nur im Weltcup kann sie lernen, unter höchster Belastung zu schießen“, sagt Groß. Im Training liegt ihre Trefferquote immerhin bei 90 Prozent - im Wettkampf sind es 70. Sie hat ja schon eine Menge gelernt. Zum Beispiel die Kunst der freiwilligen Selbstkontrolle.

          Rechtzeitig runter vom Gas, wenn der Schießstand naht. Weil ein hämmernder Puls Gift für die Feinmotorik ist. Seit sie mit Pulsuhr unterwegs ist und ihre optimale Herzfrequenz - „so zwischen 180 und 190 Schläge bei Maximalpuls 215“ - herausgefunden hat, „kann ich das besser kontrollieren“. Miriam Gössner braucht keinen Mentalcoach, sondern einfach ein bisschen Zeit, um sich zu entwickeln. Vielleicht schlüpft sie eines Tages doch in die Stiefel von Magdalena Neuner, die sie jetzt noch als „viel zu groß“ empfindet. Aber selbst wenn: „Langlauf wird für mich immer ein Thema bleiben.“

          Wenn alles normal verlaufen wäre, hätte Miriam Gössner sowieso nie zwischen zwei Stühlen gesessen. Was macht man, wenn man in Garmisch aufwächst? Man fährt Ski - alpin, versteht sich. Genau das tat Miriam Gössner mit Leidenschaft. Bis sie dreizehn war. Bis zu jenem Tag, an dem sie auf einem eisigen Slalomhang schwer stürzte. Die Schadensbilanz: ein paar ausgeschlagene Zähne, eine Gesichtsfraktur. An Skifahren war monatelang nicht zu denken. Die Sprechstundenhilfe ihrer Zahnarztpraxis wusste eine Alternative. Ihr Mann war Biathlontrainer. Zufälle gibt's im Leben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Borussia Dortmund außer sich : „Für Nächte wie diese lebt man“

          Abermals ist Erling Haaland der Held des BVB. Doch selbst nach seinen zwei Treffern gegen Paris ist der Norweger nicht vollends zufrieden. PSG-Trainer Thomas Tuchel hat für die Niederlage derweil eine erstaunliche Erklärung.
          Anne Will und ihre Gäste: Sahra Wagenknecht (Die Linke), Alice Weidel (AfD), Wolfgang Kubicki (FDP), Peter Altmaier (CDU), Melanie Amann (Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros) und Kevin Kühnert (SPD)

          AfD in Talkshows : Krokodil oder Großmutter?

          Wer rechte Parolen zum Verstummen bringen will, muss nicht aufhören, mit Rechten zu reden. Die Gespräche müssen sich verbessern – doch die AfD fährt ihre eigene Strategie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.