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Biathletin Martina Glagow : Fremdgegangen im Herbst

Stille Genießerin: Martina Glagow Bild: Reuters

Martina Glagow kennt die Situation genau: Geredet wird über andere. Früher Kati Wilhelm, heute Magdalena Neuner. Rein sportlich betrachtet, müsste jedoch Glagow das Thema sein. Die Biathletin überzeugt in der noch jungen Saison, die für sie mit einem Triathlon begann.

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          Nein, in den Mittelpunkt drängt Martina Glagow wirklich nicht. Dort stehen für gewöhnlich andere. Andere, die nicht unbedingt besser sind als die 28 Jahre alte Skijägerin aus Mittenwald, aber die eben gut ankommen in der Öffentlichkeit, und die sich im Zentrum des Geschehens auch wohl fühlen. Im Moment reden alle von Magdalena Neuner, der jungen Kollegin und Trainingspartnerin aus dem 1400-Einwohner-Ort Wallgau, die im vergangenen Winter als Juniorin für Furore im Biathlon gesorgt hat, aber in diesem Winter noch ein bisschen mit ihrem Kleinkalibergewehr kämpft.

          Rein sportlich betrachtet, müsste Martina Glagow das Thema sein. Schließlich nimmt sie das Gelbe Trikot der Weltcup-Führenden mit ins neue Jahr, schließlich hat sie schon zwei Weltcup-Siege auf dem Konto, während es Magdalena Neuner bislang auf einen dritten Platz gebracht hat. Aber die Gunst der Öffentlichkeit hängt nicht allein vom aktuellen Erfolg ab. Damit hat Martina Glagow, die immerhin 2006 aus Turin drei Silbermedaillen mitgebracht hat, schon früher Erfahrungen gemacht, ohne darüber zu klagen.

          Glagow: „Ich bin, wie ich bin“

          Damals war Kati Wilhelm in aller Munde nach ihren zwei Goldmedaillen von Salt Lake, aber den Gesamt-Weltcup in der darauf folgenden Saison, den hat - fast unbemerkt - Martina Glagow geholt, neben dem WM-Titel in der Verfolgung. Als sie 1999/2000 als Juniorenweltmeisterin - ähnlich wie Magdalena Neuner - die gestandenen Ladies im Weltcup überraschte, nur eben mit Schnellfeuereinlagen, hatte das keine vergleichbare Dimension.

          Glagow betreibt keine Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache

          Mag sein, dass sie selbst daran nicht ganz unschuldig ist. „Ich bin, wie ich bin“, sagt sie. Und sie ist in erster Linie eben Biathletin und keine Öffentlichkeitsarbeiterin in eigener Sache. Diesen Teil des Jobs erledigt sie professionell, aber nicht gerade mit Hingabe. Sie plaudert nicht so locker und bereitwillig daher wie Kati Wilhelm, sie hat nicht die unbekümmerte Selbstverständlichkeit einer Magdalena Neuner, ihre Sätze sind meist nicht länger als unbedingt nötig, und wären da nicht gelegentliche Anflüge von trockenem Humor, könnte man sie glatt für spröde halten.

          Sie lässt auch schon mal durchblicken, dass sie jetzt lieber auf der Massagebank läge, als ein Interview zu geben. „Für meine Regeneration wäre das besser.“ Das ist genauso richtig wie ehrlich. Aber was sollen da erst Kati Wilhelm und Magdalena Neuner sagen, bei denen sich die Anfragen nun wahrlich türmen.

          Ein Abstecher zum Triathlon

          Martina Glagow öffnet sich nicht so gerne. Auch im Erfolg nicht. „Ich laufe doch jetzt deswegen nicht euphorisch durch die Gegend“, sagt sie auf die Frage, welche Gefühle dieser für sie so untypisch gute Saisoneinstand hervorrufe. „Aber ich freue mich wirklich, weil ich jetzt weiß, dass ich vorne dabei bin.“ Das beruhigt eine, die als notorische Spätstarterin bekannt ist. Auch wenn sie nicht genau erklären kann, warum dieses Jahr so anders ist. Denn eigentlich habe sie ja nichts anders gemacht als im Jahr zuvor, sagt sie.

          So ganz stimmt das nicht, wie sie dann selbst augenzwinkernd zugibt. Und das ist der Teil, in dem Martina Glagow plötzlich aus der Reserve kommt und doch mehr erzählt als unbedingt nötig. Sie ist fremdgegangen im Herbst. Und sie ist stolz auf ihren Abstecher zum Triathlon. Geplant war das nicht, dafür aber um so eindrucksvoller. Schuld daran, dass sie sich am 2. September mit 900 anderen Wahnsinnigen ins Meer vor Monaco gestürzt hat, war der Freund ihres Freundes. „Der hat die beiden angemeldet.“ Und weil ihr Freund sie zum Anfeuern und zur seelischen Unterstützung brauchte, hat sich Martina Glagow gedacht: „Da kann ich doch gleich selbst mitmachen.“

          Von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation

          Nun ist so ein halber Ironman zwei Wochen vor den deutschen Meisterschaften auf Skiroller vermutlich nicht die ideale Vorbereitung. Aber Martina Glagow hat ihren eigenen Kopf, und sie kann ihn durchsetzen. Obwohl sie nicht den Eindruck hatte, als würde Bundestrainer Uwe Müssiggang sie ernst nehmen, als sie sich ihm eine Woche vor dem Start offenbarte: „Ich mache da übrigens beim Triathlon in Monaco mit.“ Müssiggang hat die Kröte jedenfalls geschluckt.

          Und Martina Glagow hat eine neue Erfahrung gemacht. „Ich hatte Angst vor dem Gewühl beim Schwimmen, weil man da leicht eine auf den Deckel kriegt.“ Sie kam ohne Beulen aus dem Wasser, und auch die drei brutalen Anstiege auf den insgesamt 90 Fahrrad-Kilometern hat sie noch halbwegs frisch überstanden. Wenn nur nicht noch der Halb-Marathon gewesen wäre - bei fast vierzig Grad. „Ich habe mich von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation geschleppt.“

          Angst ums Material

          Nach 5:29 Stunden war sie im Ziel. „Das war die reine Willensschulung, und ich habe einen Heidenrespekt vor jedem, der einen Ironman durchsteht.“ Es war extremer als alles, was sie bislang im Biathlon erlebt hat - und hat ihr ganz neue Perspektiven eröffnet. „Wenn ich 1:10 Minuten schneller gewesen wäre, hätte ich mich sogar für die WM qualifiziert.“ Keine Angst, es bleibt beim Biathlon. Aber vielleicht liegt im Triathlon von Monaco der Schlüssel zum frühen Erfolg des Winters. „Wer weiß“, sagt Martina Glagow.

          Aber es gibt noch einen anderen Grund. Wer am vergangenen Sonntag beim Staffelrennen in Pokljuka genau hingeschaut hat, mag sich gewundert haben. Als Martina Glagow kurz nach dem Wechsel über die am Boden liegende Russin Swetlana Sleptsowa stürzte, galt ihre erste Sorge weniger der schmerzenden Hand als vielmehr den Brettern unter ihren Füßen. „Ich habe in diesem Jahr Superski, und das Paar in der Staffel ist besonders genial. Ich hatte Angst, dass sie kaputt sind.“

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