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Biathletin Helena Ekholm : Kunstschützin besiegt Trauma

Unangefochten: Helena Ekholm in den Wäldern von Chanty-Mansijsk Bild: REUTERS

20 Treffer in einem Rennen, in dem die Windfähnchen wie rote Irrwische in der Schießbahn tanzen. Das gelingt keiner anderen. Helena Ekholm holt bei der Biathlon-WM Gold. Silber über 15 Kilometer geht überraschend an Tina Bachmann.

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          So kann nur jemand lächeln, der weiß, dass er einen perfekten Job gemacht hat. Genau genommen hatte Helena Ekholm sogar ein Kunststück vollbracht: 20 Treffer in einem Rennen, in dem die Windfähnchen zuweilen wie rote Irrwische in der Schießbahn tanzten. Das gelang keiner ihrer 100 Konkurrentinnen.

          Und als aus der Ahnung, dass dieser Mittwoch ihr Tag werden würde, Gewissheit geworden war, als die 26 Jahre alte Schwedin vor der deutschen Überraschungszweiten Tina Bachmann aus Schmiedeberg (2:15,8 Minuten zurück/2 Fehler) und der Ukrainerin Wita Semerenko (2:52,1/3) gewonnen hatte, da kullerten im Biathlonstadion von Chanty-Mansijsk die Tränen. „Sie hat heute eine der besten Leistungen gebracht, die es im Biathlon je gegeben hat“, sagte Wolfgang Pichler, der deutsche Coach der schwedischen Frauen.

          „Sie ist am großen Druck zerbrochen“

          Viel mehr als das: Der WM-Titel im Rennen über 15 Kilometer (Einzel) war für Helena Ekholm vor allem die Befreiung vom olympischen Trauma. Vor einem Jahr war die stille Schwedin, die damals noch mit Nachnamen Jonsson hieß, als souveräne Weltcupspitzenreiterin nach Vancouver gereist, und in der Heimat wurde nur noch darüber diskutiert, wie viele Goldmedaillen sie heimbringen würde. Und dann ging in den Bergen von Whistler alles schief, was schiefgehen konnte. Als Häuflein Elend fuhr sie nach Hause, am Ende ihrer mentalen Kraft.

          Eine kommt durch: Diesmal gewinnt Tina Bachmann Silber für Deutschland

          „Sie ist am großen Druck zerbrochen“, sagte Wolfgang Pichler. Sogar von Rückritt war die Rede. Aber die Zeit und ein Psychologe heilten die Wunden. Und die Heirat mit ihrem ehemaligen Mannschaftskollegen David Ekholm erwies sich als ein weiterer Stabilitätsfaktor. Sie fasste wieder Fuß im Weltcup, nicht mehr so souverän wie im Jahr zuvor, aber konstant unter den Top five im Weltcup. Den letzten Schritt zur Genesung musste sie selbst tun. Und der war am Mittwoch fällig. „Es war ein hartes Stück Arbeit, weil ich am Schießstand immer wieder warten musste wegen des Windes.“

          Uwe Müssiggang: „In Chanty ist ihr Stern aufgegangen“

          Was Magdalena Neuner, diesmal Fünfte mit fünf Fehlschüssen, und Andrea Henkel, die nach sage und schreibe neun Fahrkarten auf Rang 46 landete, nicht auf die Reihe brachten, gelang ausgerechnet der Frau, die fast die gesamte Saison massive Probleme am Schießstand hatte. Tina Bachmann aus Sachsen, Jahrgang 1986, ließ nur zwei Scheiben stehen, und das war angesichts der Windlotterie schon erstaunlich genug. Und überraschenderweise Silber wert.

          Was sie genauso ungläubig zur Kenntnis nahm wie damals den ersten - und bislang einzigen - Weltcup-Sieg ihrer Karriere überhaupt: Das war 2009 - ebenfalls in Sibirien: „In Chanty ist ihr Stern aufgegangen“, sagte Bundestrainer Uwe Müssiggang. Aber zwischendrin ist der Stern auch schon mal gehörig verblasst. Tina Bachmann gehört stets zu den laufstärksten Biathletinnen im Weltcup, aber das Kleinkalibergewehr hat sie nur selten im Griff.

          Lockerheit, Genuss - das klingt gar nicht nach Tina Bachmann

          „Leider bringt sie sich damit um die Früchte ihrer Arbeit“, sagt Disziplintrainer Gerald Hönig. Selbst im Training ist sie eine unsichere Kantonistin. An manchen Tagen trifft sie alles, ansonsten ist es eher zum Verzweifeln. „Keine Ahnung, woran das liegt“, sagt sie selbst. Immerhin hat sie im WM-Vorbereitungslehrgang noch Extraschichten mit Schießtrainer Engelbert Sklorz in der Schießhalle eingelegt. Was sich gelohnt hat.

          Viel entscheidender war in Chanty-Mansisjk aber jener Schuss Lockerheit, der ihr ansonsten völlig abgeht. Denn im Grunde steht sich Tina Bachmann selbst im Wege. Als Perfektionistin, die an nichts anderes denkt als an Biathlon und die an sich die höchsten Erwartungen stellt. Nur dass sie mit dem Druck normalerweise nicht umgehen kann. In Sibirien hat sie nun auch mal andere Dinge als Sport an sich herangelassen. Obwohl sie „wusste, dass ich nur diese eine Chance habe“. Trotzdem versuchte sie „ das Rennen zu genießen“. Lockerheit, Genuss - das klingt gar nicht nach Tina Bachmann. Aber wenn der erste WM-Einsatz gleich mit Silber belohnt wird, könnte das Entspannungsmodell Zukunft haben.

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