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Biathlon-Massenstart in Ruhpolding : Schempp gewinnt spektakuläres Finale

  • -Aktualisiert am

Simon Schempp (rechts) ist einen Schritt schneller als die Konkurrenz Bild: AP

Was für ein spektakuläres Finale: Simon Schempp gewinnt den Massenstart. Sein Coup ist der krönende Abschluss der bisher erfolgreichsten Weltcup-Woche der deutschen Skijäger.

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          Was für ein spektakuläres Finale. Ein Herzschlagfinale sozusagen. Und die 17.000 Zuschauer am Sonntag in der Chiemgau Arena, die zuvor getobt hatte, was das Zeug hielt, mussten lange warten, ehe sie Gewissheit hatten. Aber das Fotofinish fiel ganz in ihrem Sinne aus: Simon Schempp, ein paar Zentimeter vor dem Franzosen Quentin Fillot Maillet, der wiederum hauchdünn vor dem Tschechen Michal Slesingr. Ein Massenstartfinale, wie man es nur selten zu sehen bekommt. Und jeder, der geglaubt hatte, Schempp habe nicht das Zeug zum Sprinter, wurde eines Besseren belehrt.

          In der Staffel, wie bei Olympia und zuletzt in Ruhpolding, hatte der 26 Jahre alte Schwabe den Kürzeren gezogen, diesmal war er taktisch clever genug. Das war für ihn selbst auch das Wichtigste an seinem dritten Weltcupsieg. „Endlich hat es mal im Schlussspurt geklappt“, sagte Schempp, der auch am Schießstand brilliert hatte. Wer im Getümmel der 30 Besten alle 20 Scheiben trifft, kann das mit Recht als „sensationell“ bezeichnen. Dazu die Schnellfeuereinlage am Schluss, die er selbst als „absolut kontrolliert“ empfand – Schempp ist derzeit der beste deutsche Biathlet, was schon sein zweiter Rang am Samstag im Sprint und Platz drei im Gesamt-Weltcup treffend widerspiegelt.

          Schempps Coup war der krönende Abschluss der bislang erfolgreichsten Weltcup-Woche der deutschen Skijäger. Platz zwei in der Staffel, die Ränge zwei und drei im Sprint, und dazu die Befreiung des Sorgenkindes Arnd Peiffer, das auch am Sonntag mit Platz neun bewies, dass der Knoten geplatzt ist. Und das war neben Schempps Bravourstück das vielleicht wichtigste Resultat von Ruhpolding. „Wir haben schon einen super Teamspirit“, sagte Schempp. Was sich am Beispiel Peiffer zeigte, der am Samstag mit Platz drei im Sprint endlich die WM-Qualifikation geschafft hatte.

          Es kommt nicht oft vor, dass sich Mark Kirchner einen seiner Athleten zur Brust nimmt. Aber der Bundestrainer der deutschen Biathleten hat ein feines Gespür dafür, wann es nötig ist. Bei Arnd Peiffer war es nötig. „Aber dann findet er auch die richtigen Worte“, sagt Peiffer. „Er weiß, wie das ist, wenn die Säge klemmt.“ Dass danach im Sprint nur so die Späne flogen, führt er durchaus auf die Gesprächstherapie zurück. „Nicht an Top acht, nicht an die WM-Quali denken.“ Sondern es einfach so machen wie in der Staffel. „Da denke ich nur ans Hier und Jetzt.“ Also weg mit dem fatalen Was-wäre-wenn-Denken – das war Baustein Nummer eins.

          „Absolut kontrolliert“: Der Deutsche legt eine Schnellfeuereinlage hin
          „Absolut kontrolliert“: Der Deutsche legt eine Schnellfeuereinlage hin : Bild: dpa

          Baustein Nummer zwei deutete sich kurz nach dem Sprint in einer langen Umarmung mit Daniel Böhm an: Böhm hatte mit Peiffer die Startnummer getauscht, weil der grundsätzlich lieber vorne startet. Das ist keine Selbstverständlichkeit. „Ich war richtig gerührt“, sagte Peiffer. Der Startnummern-Deal, den der Bundestrainer und Böhm eingefädelt hatten, hat ihn von Gruppe vier in Gruppe zwei befördert. Böhm und Peiffer wohnen in Oberhof zusammen, sie sind gute Freunde. „Ich wusste, dass es für ihn jetzt drauf ankommt. Da war es für mich selbstverständlich, das jetzt für ihn zu tun“, sagte Böhm.

          Die deutschen Biathleten haben keinen Star wie Martin Fourcade, Emil Hegle Svendsen oder Sprint-Sieger Johannes Bö, aber als Team sind sie stark. Das ist Baustein Nummer drei. Diesmal hatte man den Eindruck, als gelte das Motto: Alle für einen, alle für Peiffer. Die Trainer haben ihm in schlechten Zeiten das uneingeschränkte Vertrauen ausgesprochen, die Kollegen „haben versucht, mich aufzubauen“, sagt Peiffer. Sie hätten ihn ja auch wegbeißen können, nach dem Motto: Mensch, Peiffer, bring doch erstmal Leistung. „Aber sie haben mir den Rücken gestärkt. Das weiß man dann besonders zu schätzen, wenn es schlecht läuft.“

          Quentin Fillon Maillet (links) wurde Zweiter hinter Schempp, Michal Slesingr (rechts) kam auf Platz drei
          Quentin Fillon Maillet (links) wurde Zweiter hinter Schempp, Michal Slesingr (rechts) kam auf Platz drei : Bild: AFP

          Es gibt noch mehr Indizien für den Zusammenhalt. Beim Frauen-Sprint am Freitag saßen die Männer allesamt beim Wahl-Ruhpoldinger Schempp im Wohnzimmer vor dem Fernseher „und haben ein Käffchen getrunken“, wie Peiffer verrät. „Wir sind halt ein richtig gutes Team.“ In dem es Usus ist, dass die, die keinen Einsatz haben, draußen auf der Strecke stehen und die Kollegen anfeuern. So, wie es Peiffer in Oberhof getan hat. „Das gehört sich einfach, die Kollegen anzufeuern, das wissen die auch zu schätzen.“

          Man muss es ja nicht so extrem machen wie Disziplintrainer Andreas Stitzl, der immer wie Rumpelstilzchen an der Strecke umherhüpft und sich heiser brüllt. Aber mit diesem mitreißenden Temperament hat er auch die Skitechniker richtig heiß gemacht, und war sich auch als Skitester nicht zu schade. „Die Techniker haben ein paar Testrunden mehr gedreht und einen super Job gemach“, sagt Peiffer. Baustein Nummer vier.

          Beim Massenstart wird es auch am Schießstand immer voll
          Beim Massenstart wird es auch am Schießstand immer voll : Bild: dpa

          Das Schöne am „Alle für einen“: Am Ende wurde nahezu die komplette Mannschaft belohnt. Simon Schempp ganz am Schluss am meisten. Aber schon der Sprint am Samstag war eine Offenbarung: „Vier Deutsche unter den Top-Ten, wann hat es das zuletzt gegeben“, sagt Peiffer. Und Stitzl sagt: „Wir haben immer an das Team geglaubt.“ Trotz der Delle in Pokljuka und Oberhof ohne Platz auf dem Treppchen. „Die Staffel hat schon gezeigt, was in dem Team steckt und das hat man jetzt wieder klar gesehen..“ Was Teamgeist, Zusammenhalt, das Zusammenspiel aller Kräfte bewegen können, dafür waren Schempps Coup und Peiffers Befreiung gute Beispiele.

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