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Formkrise : Peiffers Kredit ist aufgebraucht

Fehlende Feinjustierung: Arnd Peiffer trifft nicht oft genug Bild: dpa

Der ehemals beste deutsche Biathlet steht unter Druck. Im Schnitt ein Fehlschuss pro Anschlag lassen ihn der Konkurrenz hinterherlaufen. Nur die Staffel gibt Hoffnung.

          Andreas Birnbacher kennt sich aus mit Krisen. Der 33 Jahre alte Biathlet aus Schleching hat gerade erst eine hinter sich. Die ging so weit, dass er im vergangenen Frühjahr aufhören wollte. Darum kann er ganz gut nachempfinden, was derzeit in seinem Kollegen Peiffer vorgeht: „Und deshalb rede ich ganz oft mit dem Arnd. Ganz freundschaftlich.“ Nicht, dass Arnd Peiffer die Flinte ins Korn werfen wollte, aber Zuspruch kann der 27 Jahre alte Niedersachse im Moment gut gebrauchen.

          Er ist das große Rätsel im deutschen Team. Was er kann, zeigt der Sprint-Weltmeister von 2011 in der Staffel, so wie am Donnerstag beim zweiten Platz hinter Norwegen, als Peiffer das deutsche Quartett zwischenzeitlich sogar in Führung brachte. Nur ein Nachlader, läuferisch stark – so kannte man ihn. Und deshalb haben sich alle gefreut. „Ich hoffe, das gibt ihm Selbstvertrauen“, hat Birnbacher gesagt, „damit der Knoten endlich platzt.“ Denn sobald Peiffer alleine unterwegs ist, ist er vor lauter Knoten kaum wiederzuerkennen. Besonders am Schießstand. Mit einer Trefferquote von 78 Prozent (Vorjahr 84) ist man nicht konkurrenzfähig.

          Peiffer gilt zwar seit Jahren als notorischer Spätstarter, der schwer in die Saison kommt, aber Platz 38 im Weltcup, das klingt auch für den Niedersachsen „ziemlich desaströs“, wie er zugibt. Und es waren wirklich Auftritte dabei, die man am besten schnell vergisst: Die Plätze 64 zum Beispiel, einmal in Pokljuka, einmal in Oberhof. Und wenn schon Rang 16 als Ausreißer nach oben gilt, sagt das alles. „Ich glaube aber, dass meine Form nicht so schlecht ist“, sagt Peiffer. Nur: Je länger diese Serie dauert, desto schwieriger wird es, weil er als Einziger der Etablierten der WM-Qualifikation für Kontiolahti hinterherläuft und mit jeder verpassten Chance der Druck weiter wächst. „Wenn es beruflich nicht läuft, ist man halt nicht so entspannt“, sagt Peiffer selbst.

          Immerhin hat er die volle Unterstützung des Trainerteams. Bundestrainer Mark Kirchner weiß als ehemaliger Weltklasseathlet selbst, „was passiert, wenn man ins Grübeln kommt. Aber ich weiß auch, was der Arnd kann.“ Disziplintrainer Andreas Stitzl bezeichnet den Niedersachsen gar als „Eckpfeiler unseres Teams, der schon oft genug die Kohlen aus dem Feuer geholt hat. So einen musst du auch mal schützen.“ So wie sie Birnbacher geschützt haben. Deshalb hat Peiffer eine Menge Kredit.

          Im Team stark, als Solist eine Enttäuschung

          Der Mann aus dem Harz galt ja mal als männliche Antwort auf Magdalena Neuner. Früh erfolgreich, gutaussehend, rhetorisch begabt, einer, der auch im Frack einen guten Eindruck macht. Mit einem fulminanten Einstand 2009 im Weltcup. Ein Versprechen für die Zukunft. Das zumindest zeitweise auch in Erfüllung ging. Sechs Weltcup-Siege, dazu mehr als ein Dutzend Podiumsplätze, zweimal Vierter im Gesamt-Weltcup, 2011 Weltmeister im Sprint, 2014 in Sotschi Silbermedaillengewinner mit der Staffel. Es gab Zeiten, da war er klar die Nummer eins im deutschen Team. Und 2012, als er in Bad Endorf die anspruchsvolle Ausbildung bei der Polizei beendet hatte, glaubten viele, dass Peiffer vollends in die Weltspitze vorstoßen würde. Vielleicht sogar in die Regionen eines Martin Fourcade oder eines Emil Hegle Svendsen.

          Aber der Biathlon-Profi Peiffer, der sich fortan in seinem Trainingsstandort Oberhof unter der Regie von Kirchner voll auf seinen Beruf konzentrieren konnte, kam nicht mehr vom Fleck. Er verlor seine Spitzenposition im deutschen Team an Birnbacher, seinen Part als Schlussläufer an Simon Schempp, und von den Spielen in Sotschi brachte nicht er, sondern Erik Lesser die Einzelmedaille mit nach Hause. Zwar kam Peiffer dank eines starken Finales im Weltcup noch auf Rang sieben, aber sein olympischer Auftritt als Solist war eine einzige Enttäuschung.

          Peiffer ist ein nüchterner Analytiker, der am Saisonende sachlich Bilanz und seine Lehren zieht. Nicht radikal, sondern mit Bedacht. Um sich nicht zu verzetteln. In dieser Saison hat er sich erstmals mit mentalem Training beschäftigt, auf Anregung des Verbandes. Bislang war das ganz und gar nicht Peiffers Baustelle. Jetzt wäre er wahrscheinlich froh, wenn er sich früher darum gekümmert hätte. Denn er war weder verletzt noch krank. Das Problem sitzt im Kopf. Indirekt hat er das nach der Staffel in Ruhpolding zugegeben. „Es war schön, dass ich befreit von den Gedanken um die WM-Qualifikation zeigen konnte, was ich kann.“

          Aber Peiffer sagt auch, „dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht“. Auch zwei nicht. Denn vor einer Woche in Oberhof war er schon einmal so weit. Ein klasse Auftritt in der Staffel, die Hoffnung, dass nun alles besser würde, und dann, zwei Tage später, die totale Ernüchterung: Platz 64 im Sprint, fünf Schießfehler. Eine Ohrfeige. Vor dieser Situation steht er in Ruhpolding jetzt wieder. Am Samstag steht der Sprint an, und Peiffer, der sonst die Ruhe selbst ist, kann nicht verhehlen, dass ihm mehr durch den Kopf geht als sonst. Er weiß, dass sein Kredit irgendwann aufgebraucht ist: „Ich stehe jetzt unter Zugzwang.“

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