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Biathlet Michael Greis : Wieder in der Spur

  • -Aktualisiert am

Das Lächeln kehrt zurück: Michael Greis hat in Vancouver höchste Olympiaziele Bild: dpa

Als Biathlon-Olympiasieger lief und schoss sich Michael Greis 2006 in den Mittelpunkt. In Vancouver hofft er nach schweren Jahren wieder auf eine Goldmedaille. Greis' Traum aber ist vielleicht sogar noch mehr der Traum des Bundestrainers.

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          Michael Greis ist keiner, der in der Vergangenheit lebt. Das kann er sich als Sportler auch gar nicht leisten. „Wenn du dich auf deinem Lorbeer ausruhst, bist du ganz schnell weg vom Fenster“, sagt der Biathlet aus Nesselwang. Aber als kleine Motivationshilfe taugen ein paar Bilder aus vergangenen Tagen allemal. Natürlich hat er sich seinen Auftritt 2006 in Turin, als er überraschend drei Goldmedaillen gewann, hin und wieder auf DVD angeschaut.

          Und jetzt, wo die Olympiasaison 2010 eröffnet ist, werden diese Eindrücke immer lebendiger. Bis sie, so hofft Greis, im Februar in Vancouver von neuen, mindestens genauso überwältigenden überlagert werden sollen. Bis dahin nennt er es seinen Traum: „Ja, ich möchte noch einmal als Olympiasieger heimfahren. Daran arbeite ich konsequent.“ Am Samstag schaffte er beim Weltcup in Östersund als Vierter über 10 Kilometer zunächst einmal die Olympia-Norm. In der Staffel musste er tagsdrauf in die Strafrunde - Deutschland kam auf Platz fünf.

          Es ist eine Menge passiert in diesen knapp vier Jahren seit jenem Überraschungscoup von Turin, dem nur ein einziger Weltcup-Sieg vorausgegangen war. Er, der immer im Schatten der anderen gestanden hatte, war plötzlich ein Promi, der sich vor Anfragen kaum retten konnte. So etwas kostet Energie, wo er doch rein sportlich unter Erfüllungszwang stand. Er wollte beweisen, dass er kein Zufalls-Olympiasieger war.

          Feuer frei: Am Schießstand wurde er unverhofft zum Wackelkandidaten
          Feuer frei: Am Schießstand wurde er unverhofft zum Wackelkandidaten : Bild: AFP

          „Ich bin meinen Erwartungen nicht gerecht geworden

          Was ihm mit WM-Titel und Gesamt-Weltcup-Erfolg ein Jahr später eindrucksvoll gelang. Seitdem hat er sich zwar in der Weltspitze etabliert, aber die großen Auftritte sind ausgeblieben. Bei der WM 2008 in Östersund war er gesundheitlich angeschlagen, und 2009 bei den Titelkämpfen in Pyeongchang hatte er sein Kleinkalibergewehr nicht im Griff.

          Der neue Leitwolf der deutschen Biathleten, der öffentlich mehr Freiheiten von Bundestrainer Frank Ullrich gefordert und sie bekommen hatte, wurde am Schießstand unverhofft zum Wackelkandidaten. Die Mixed- und die Männerstaffel gewannen zwar jeweils Bronze, aber nicht dank, sondern trotz Greis. Nachwuchskräfte wie Christoph Stephan oder Arnd Peiffer rückten in den Blickpunkt, wenngleich Greis als Vierter im Gesamt-Weltcup doch wieder mit Abstand bester Deutscher war.

          Es war kein einfaches Jahr für Greis, der selbst sagt: „Ich bin meinen Erwartungen nicht gerecht geworden.“ Aber der Nesselwanger gilt als Perfektionist, und eine seiner Stärken ist die Fähigkeit, aus Misserfolgen Lehren zu ziehen: „Du musst dich einfach noch stärker auf das Wesentliche konzentrieren“, lautet seine etwas unscharf formulierte Erkenntnis. Lange Zeit konnte Greis, der in der Olympiasaison auf die üblichen Tüfteleien am Gewehr weitgehend verzichtet hat, wenn man vom neuen Lauf absieht, im Training allerdings kein Vollgas geben.

          Olympiagold - das wäre ein perfekter Abschluss Ullrichs

          Er hat ein sogenanntes Läuferknie, und das hat ihm bis in den Oktober hinein zu schaffen gemacht. Es hat ihn neben anderthalb Trainingswochen auch die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Sommer-Biathlon in Oberhof gekostet. „Das war schwierig für den Kopf. Da wird man langsam unruhig.“ Dank Gymnastik und Physiotherapie ist das Knie längst kein Problem mehr, und all die kleinen Baustellen, die in einer Vorbereitung auftauchen, sind mittlerweile geschlossen.

          Frank Ullrich jedenfalls hat beim Schneelehrgang in den finnischen Wäldern von Muonio, der letzten Vorbereitung auf die Saison, eine Beobachtung gemacht, die ihm wie ein kleines Déjà-vu vorkam. „Der Michi erinnert mich in seiner Konzentriertheit und darin, wie er jede Trainingseinheit konsequent genutzt hat, an die Zeit vor Turin. Das ist ein ganz anderes Arbeiten. Der kommt wieder richtig in die Gänge.“

          Greis' Traum ist vielleicht sogar noch mehr Ullrichs Traum. Schließlich hört der Thüringer nach der Saison definitiv auf. Olympiagold - das wäre ein perfekter Abschluss. Auch wenn es von seinem größten Kritiker stammt.

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