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Biathlet Greis : Neubeginn mit altem Spezi

  • -Aktualisiert am

Bergauf: Michael Greis will wieder an erfolgreiche Zeiten anknüpfen Bild: AFP

Seine drei Goldmedaillen von Turin empfindet Michael Greis manchmal als Bürde. Nun will der sensible Allgäuer mit Hilfe von Fritz Fischer den Glauben an sich selbst wiederfinden und zielorientiert seine Stärken ausspielen.

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          Es gibt Fragen, die wertet Michael Greis als persönliche Beleidigung. Zum Beispiel die, ob er nach der verkorksten Olympiasaison mal ans Aufhören gedacht habe. Schließlich ist Greis 34 Jahre alt und die Bilanz des vergangenen Winters entsprach nun nicht gerade dem, woran man als dreimaliger Olympiasieger von 2006 eben gemessen wird. Der fünfte Platz in der Verfolgung war noch das beste olympische Resultat, und Rang 13 im Gesamt-Weltcup ohne einen einzigen Sieg ist für einen Biathleten, der in den drei Jahren zuvor nie schlechter als Vierter war, nun auch nicht gerade zufriedenstellend.

          „Ich akzeptiere die Frage nicht“, sagt Greis, und schiebt, als müsste er sich selbst rechtfertigen, hinterher: „Ich fühle mich leistungsmäßig noch nicht so, dass ich nun aufhören müsste.“ So war es auch nicht gemeint, denn niemand stellt seine Leistungsfähigkeit in Frage, aber die Tatsache, dass Greis in solchen Situationen derart dünnhäutig reagiert, zeigt seine Unzufriedenheit. Es klingt fast trotzig, wenn er sagt: „Ich hätte auch bei Olympia eine Medaille gewinnen können.“ Aber der Konjunktiv ist ein trügerischer Begleiter.

          Sie können ja froh sein im deutschen Team, dass Greis weitermacht - „auf jeden Fall bis 2012“, wenn in seinem Trainingsdomizil Ruhpolding die Weltmeisterschaft stattfindet. Denn vom Potential her ist der Nesselwanger immer noch klar die Nummer eins. Was in ihm steckt, hat er zuletzt beim Tiefschnee-Weltcup in Hochfilzen gezeigt. Ein bisschen zu spät zwar, so dass nach Rang 19 im Sprint nicht mehr als Platz acht in der Verfolgung herausgekommen ist. Aber isoliert betrachtet, wäre er in diesem Rennen Zweiter geworden.

          Last der Erfolge: 2006 gewann Michael Greis drei olympische Goldmedaillen
          Last der Erfolge: 2006 gewann Michael Greis drei olympische Goldmedaillen : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Oder einen Tag später, als er die Staffel noch auf Platz vier brachte - mit der drittbesten Laufzeit. Läuferisch ist Greis nach wie vor ein verlässlicher Top-Ten-Kandidat mit Zug zum Podest, aber das, was sein früherer Bundestrainer Frank Ullrich etwas technokratisch eine „komplexe Biathlonleistung“ nannte, hat er schon länger nicht mehr zustande gebracht.

          „Der Fritz ist für mich eine wichtige Vertrauens- und Bezugsperson“

          Ullrich kümmert sich jetzt um den deutschen Biathlon-Nachwuchs, und Greis arbeitet wieder mit seinem alten Spezi Fritz Fischer zusammen, der neben Mark Kirchner neuer Disziplintrainer im deutschen A-Team ist. Und das ist für Greis, der sich von Ullrich manche individuelle Freiheit erstritten hatte, schon so etwas wie ein Neubeginn. Weil Fischer hat, was Greis zuletzt wohl fehlte. „Der Fritz ist für mich eine wichtige Vertrauens- und Bezugsperson“, sagt Greis. „Man braucht in schwierigen Zeiten einen, der zu einem steht.“

          Einen, der die richtigen Worte findet, einen, der einem den Glauben an sich selbst zurück bringt. Einen, der ihm hilft, seine Stärken auch auszuspielen. Genau so definiert Fischer auch seine Aufgabe: „Ich will jeden individuell so begeistern, dass er sein Potential auch abrufen kann.“ Aber der Staffel-Olympiasieger von 1992 weiß auch, dass die Messlatte für einen wie Greis besonders hoch liegt: „Er wird an seinen drei Goldmedaillen gemessen.“

          „Ich bin jetzt wieder zielorientierter“

          Das empfindet der sensible Allgäuer manchmal als Bürde. Zu hohe Erwartungen in einer zunehmend dichter werdenden Konkurrenz können auch lähmen. Und er führt als Beispiel den Kollegen Michael Rösch an. Der Altenberger, 2006 in Turin mit 22 Jahren Staffel-Olympiasieger und damals als der kommende Biathlet gehandelt, hat es diese Saison mit Müh' und Not noch in den zweitklassigen IBU-Cup gebracht - auf Bewährung. „Von außen betrachtet sieht das alles immer so leicht aus, aber da spielt sich so viel im Kopf ab“, sagt Greis und gewährt auch einen Einblick in sein eigenes Gefühlsleben, besonders in der Extremsituation Schießstand. „Angst hemmt einen, aber Passivität und ein gutes Rennen, das passt überhaupt nicht zusammen.“

          Er weiß mittlerweile aber auch, dass in der Olympiasaison eben längst nicht alles zusammengepasst hat. „Ich habe es mir zwar eingeredet, aber letztes Jahr war das Innere nicht so.“ Was er damit genau meint, verrät er eher indirekt, wenn er sagt: „Ich bin jetzt wieder zielorientierter.“ Und wenn er von „Baustellen“ spricht, „die ich versucht habe, zu minimieren“. Eine davon ist sicher die Trennung von seiner Freundin und Biathlon-Kollegin Kathrin Hitzer.

          „Wenn die Bestätigung da ist, läuft alles wie von selbst“

          Gegen eine Baustelle konnte er in der Vorbereitung freilich nichts ausrichten. In Ruhpolding wird die Chiemgau-Arena WM-reif umgebaut, und deshalb war in der Vorbereitung nur eingeschränktes Training möglich. Nur die halbe Runde stand zur Verfügung, der Schießstand erst gar nicht, und dann war Improvisation gefragt. „Ich konnte erst mit einem Monat Verspätung mit dem Schießen anfangen.“ Das würde erklären, warum es vor allem mit der Treffsicherheit noch hapert.

          Greis ist aber zuversichtlich, dass er in absehbarer Zeit wieder dorthin zurückkehren kann, wo er schon einmal war. „Ich bin sicher kein Abo-Sieger, aber ich kann um den Sieg mitlaufen“, hält er fest. Aber es wäre wichtig, es zu beweisen - vor allem sich selbst. Vielleicht schon an diesem Donnerstag bei der dritten Weltcup-Station in Pokljuka. „Wenn die Bestätigung da ist, läuft alles wie von selbst“, sagt Greis. Er hat solche Zeiten schließlich schon erlebt.

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