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Peiffer siegt bei Biathlon-WM : Mit Abscheu zum Adelsprädikat

Dank einer fehlerfreien Schießleistung holt Arnd Peiffer Gold im Einzel. Bild: AFP

Rechnung beglichen: Arnd Peiffer gewinnt völlig überraschend das Einzelrennen der Biathleten bei der Weltmeisterschaft. Der Sieg beruhigt sein Team.

          Es ist überhaupt nicht seine Disziplin, und es waren beileibe nicht seine Bedingungen. Denn erstens ist Arnd Peiffer ein Mann des Sprints – da ist er der aktuelle Olympiasieger – und zweitens liebt er harte Strecken. Trotzdem hat der 31 Jahre alte Niedersachse am Mittwoch bei den Biathlon-Weltmeisterschaften den Titel im Einzelwettkampf gewonnen, mit 20 Kilometern das längste WM-Rennen. Und das bei einer Menge Neuschnee, der das Geläuf tief und das Fortkommen für ein „Schwergewicht“ wie Peiffer zäh machte. Zudem trieb der Wind in kaum berechenbaren Böen hin und wieder Schneefahnen über die 30 Schießbahnen. Da muss man erst einmal alle 20 Schuss ins Ziel bringen. Peiffer hat das irgendwie geschafft, und neben einer eisernen Konzentration war da sicher auch ein wenig Glück dabei.

          Was nichts daran änderte, dass der Sprint-Spezialist Peiffer, der im Einzel noch nicht ein einziges Mal auf dem Treppchen gestanden hat im Weltcup, jetzt Weltmeister ist im Biathlon-Klassiker. Und unter den Skijägern herrscht die Ansicht, dass dieser Titel erst den wahren Biathleten ausmache. Das ist so etwas wie ein Adelsprädikat. Dass er mit der Startnummer 24 lange warten musste, hat ihn nicht weiter gestört. „Ich war ja mit mir vollkommen im Reinen, weil ich es nicht hätte besser machen können“, sagte Peiffer. „Ich habe gehofft, dass es vielleicht für eine Medaille reicht, das es tatsächlich Gold geworden ist, um so schöner. Und mit der Startnummer 24 bin ich 2011 in Chanty-Mansijsk Sprint-Weltmeister geworden.“ Am Mittwoch in Östersund hielt Peiffer den Bulgaren Vladimir Iliev, der Zweiter wurde, und Tarjei Bö aus Norwegen auf Minutenabstand, weil sie sich jeweils einen Fehler geleistet hatten.

          Angesprochen auf seine nicht gerade eindrucksvolle Bilanz im Einzel, sagte der neue Weltmeister: „Es waren schon ein paar ganz gute dabei, aber häufig hat ein bisschen was gefehlt.“ Die Heim-WM 2012 in Ruhpolding zum Beispiel wurmt ihn noch heute. „Damals hätte ich mit einem Fehler gewonnen, aber dann sind es zum Schluss zwei geworden. Insofern hatte ich mit dem Einzel noch eine Rechnung offen.“ Die ist jetzt beglichen. Was nicht heißt, dass er sich mit dem langen Riemen anfreunden kann. „Ich kann sogar sagen, dass ich den Einzel hier in Östersund richtig verabscheue, weil die Strecke verdammt schwer ist, und ich heute wirklich gelitten habe.“ Aber Peiffer hatte einen schnellen und griffigen Ski erwischt, und fand er einen ökonomischen Rhythmus. „Das ist im Einzel der Schlüssel.“ Bundestrainer Mark Kirchner sprach von einem „Wahnsinn. Arnd hat ein Superrennen gezeigt. Einzel-Weltmeister – das hatten wir schon lange nicht mehr.“ 1999 hatte Sven Fischer zuletzt gewonnen. Peiffers Meisterstück war die erste Medaille für die deutschen Männer bei der WM, sieht man von der halben in der Mixed-Staffel ab.

          Bis dahin hatten die Männer von Cheftrainer Mark Kirchner in Sprint und Verfolgung mangels Treffsicherheit rund um Platz zehn eingependelt: Das genügt nicht den eigenen Ansprüchen. Das war Peiffer nicht anders gegangen, auch wenn er sagt: „Zwischen Platz 15 und dem WM-Titel ist der Unterschied oft geringer, als es den Anschein hat.“ Sein goldener Auftritt war für die Kollegen dennoch eine Befreiung. „Schön, dass einer von uns durchgekommen ist“, sagte Benedikt Doll, der Zehnter geworden war. „Heute hat der Arnd ein perfektes Schießen hingelegt und läuferisch ein solide Leistung gebracht. Ich nenne ihn immer Maschine, weil er in jedem Rennen das Beste herausholt. Er ist schon immer ein fokussierter, aber entspannter Typ.“ Und Erik Lesser, der Elfter wurde, befand: „Dass der Sprint-Weltmeister von 2011 jetzt Einzel-Weltmeister geworden ist, stimmt mich froh, weil der Arnd ein toller Typ ist.“ Wer wüsste das besser als der Thüringer? Die beiden teilen seit fünf Jahren ein Zimmer und gelten als die kritischen Geister im Team. Peiffer hat den Ruf als Intellektueller weg, weil er alles reflektiert, egal ob es um Doping, Funktionäre oder politische Themen geht. Am Mittwoch zählte nur der Sport.

          Und diesmal war er da, als Johannes Thingnes Bö, der Olympiasieger im Einzel, seine zweite Schwäche bei dieser WM zeigte. Der Norweger, der schon das Verfolgungs-Gold mangels kühlem Kopf weggeschenkt hatte, erlaubte sich drei Fehler, landete schließlich auf Rang neun. Ein Szenario, wie es klappen könnte, den dominanten Norweger zu schlagen, hatte Peiffer vorher im Kopf. „Vielleicht hat der Johannes mal keinen guten Ski oder mal ein schlechtes Schießen: Und das am besten in Kombination. Dann ist er zu schlagen. In Pyeongchang hieß ja auch, Fourcade und Johannes seien nicht zu schlagen. Und es hat trotzdem geklappt.“

          Apropos Martin Fourcade: Der Franzose, der sieben Jahre lang die Biathlon-Welt dominiert hat, spielt in Östersund nur eine Nebenrolle. Am Mittwoch fand sich der ratlose Franzose auf Rang 39 wieder. In seiner Autobiographie, vor Weihnachten auf den Markt gekommen, schreibt er, mit seinem Olympiasieg habe sich alles geändert. Das kann Peiffer nicht unterschreiben. „Ich finde es Quatsch, dass ein Olympiasieg alles ändert. Ich habe schon oft festgestellt, dass Athleten in ihren Biografien häufig das sagen, was sie glauben, dass es die Leute hören wollen. Und nicht dass, was sie wirklich empfinden. Wenn jetzt einer wie ich nach meinem Olympiasieg sagt: ‚Na ja, das ist im Grunde ein Rennen wie jedes andere auch’, dann lässt sich das marketingtechnisch natürlich nicht verkaufen.“ Er selbst hat vorerst nichts derartiges zu veräußern. Außer, dass er jetzt – etwas unerwartet – Weltmeister im Einzel ist. Sein Leben wird das nicht verändern.

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