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Ski alpin : Technikdefizit oder Kopfsache?

  • -Aktualisiert am

Draufgänger auf der Suche nach der Ideallinie: Stefan Luitz. Bild: dpa

Bei den deutschen Speed-Skirennläufern ziehen sich Pannen und Aussetzer wie ein roter Faden durch die Winter. Nun soll eine besondere Maßnahme Abhilfe schaffen.

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          Früher einmal, da gab es im alpinen Skirennsport eine klare Trennung. Abfahrer mussten nicht unbedingt über großartige Skitechnik verfügen, sondern vor allem draufgängerisch veranlagt sein. Die Athleten aus der Abteilung Slalom und Riesenslalom hingegen waren für die Ästhetik auf den Weltcup-Pisten zuständig. Aber diese Kategorisierung gilt längst nicht mehr, weil sich Skitechnik und Material stetig weiterentwickelt haben. Abfahrten werden mittlerweile in den Kurven entschieden.

          Aksel Lund Svindal und Kjetil Jansrud, Erster und Zweiter des Superriesenslaloms am Freitag in Gröden, bestritten einst auch sehr erfolgreich Riesenslalom-Rennen. Lediglich Aleksander Aamodt Kilde, der das norwegische Podium komplettierte, hat sich früh ganz auf die schnellen Disziplinen konzentriert. Technik-Spezialisten hingegen sind nur selten filigraner und noch seltener weniger brachial beim Ausloten des Limits. In der alpinen Sparte des Deutschen Skiverbandes hat sicher nun einer gar den Ruf des besonders Übermütigen erworben, der hauptsächlich im Riesenslalom unterwegs ist.

          Stefan Luitz hat einiges für sein Image getan, und das ist nicht nur positiv zu sehen. Denn seine Risikobereitschaft und seine Unerschrockenheit ließen den Hochbegabten zwar schon in sehr jungen Jahren einige Male in die Weltelite vorstoßen, aber noch öfters bremsten ihn die für einen Skirennläufer eigentlich guten Eigenschaften oder brachten ihn von der Ideallinie ab, zuletzt war ihm dies Anfang Dezember in Beaver Creek passiert.

          Statt des zweiten Ranges belegte er nur den 22. Platz, weil er im Zielhang einen schwerwiegenden Fehler eingebaut hatte. Die bisher aufsehenerregendste Panne passierte bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014, als Luitz auf dem Weg zu einer möglichen Medaille im letzten Tor einfädelte. Die Liste der Aussetzer ist mittlerweile schon ganz schön lang, und deshalb riet ihm der DSV-Sportdirektor zuletzt gar, sich Hilfe bei einem Mentaltrainer zu suchen.

          „Wir sind in der Rennperformance nicht gut“

          Für ihn, sagt Wolfgang Maier vor dem Riesenslalom am Sonntag in Alta Badia, sei das eine Konzentrationssache, und das könne man mit Übungen trainieren. „Wenn man ans Limit geht, gibt’s einfach Fehler“, sagt Luitz hingegen. Ihm hätte es in Beaver Creek „mehr gestunken, wenn ich im zweiten Durchgang verbremst und mir einen Rückstand eingefangen hätte.“ Maier vermutlich ebenfalls.

          Es ist ohnehin ungewöhnlich, dass Luitz in den vergangenen Jahren nichts eingebüßt hat von seiner Angriffslust - und es spricht gleichzeitig von einer mentalen Stärke. In der Saison, in der ihm sein erster Podestplatz gelang, riss später das Kreuzband. Damals hatte sich sein Kollege Felix Neureuther gesorgt, dass es Luitz erst einmal „nicht mehr so umsetzen kann“ und einen Karriereknick erleidet. Aber gut neun Monate später stand der Bolsterlanger schon wieder auf dem Podest. Vor einem Jahr durchtrennte dann die Kante seines Skis bei einem Sturz einen Muskel. Auch davon ließ er sich nicht aufhalten.

          Gutes Training, schlechtes Rennen: So lief es oft bei Josef Ferstl.

          Männer-Cheftrainer Mathias Berthold hat nichts dagegen, wenn sich seine Athleten psychologische Beratung holen. Er selbst hat sogar in dieser Saison einen Mentaltrainer in die Mannschaft geholt. Allerdings hat er dabei in erster Linie an seine Abfahrer gedacht. „Ich habe mir das erste Jahr mal angeschaut und gemerkt, dass wir in der Rennperformance nicht gut sind.“

          Das traf auf alle Athleten zu, aber bei Josef Ferstl zog sich ein zusätzliches Phänomen „wie ein roter Faden“ durch die bisherige Karriere, wie der 26 Jahre alte Oberbayer erkannt hat. Wenn das Training gut gelaufen sei, „wollte ich im Rennen immer noch etwas Besonderes machen“ - und das ging fast immer schief. Deshalb grübelte er im Sommer, was sich ändern müsse, um einen weiteren Schritt nach vorn zu schaffen.

          Zwischen den Toren – und im Kopf

          Mit Berthold entschied er, „mal mehr in die psychologische Schiene zu gehen“. Der Mentaltrainer, der im vergangenen Jahr schon die deutschen Trainer beraten hatte, wurde nun auch für die Athleten verpflichtet. In Lake Louise erlebte Ferstl noch einmal einen Rückfall, in Beaver Creek schied er mit ansprechender Zwischenzeit aus, und in Gröden gelang nun mit Platz 17 der erhoffte Sprung nach vorn.

          Trotz Rippenprellung, die er sich am Montag bei einem Sturz im Riesenslalom zugezogen hat, trotz mäßiger Sympathie für die Saslong-Piste. Dabei war er nicht einmal bester Deutscher. Andreas Sander schaffte es auf den 14. Platz und damit so weit nach vorn wie noch nie in seiner jetzt immerhin auch schon einige Jahre dauernden Karriere. „Wir wissen ja, dass wir schnell Ski fahren können. Und endlich haben wir es mal schwarz auf weiß“, sagte Ferstl.

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          Im Gegensatz zu Maier und anders als bei seinen Abfahrern glaubt Berthold nicht, „dass Stefan Luitz ein Mentaltrainer helfen würde“. Es seien vor allem skitechnische Fehler verantwortlich für die Schwierigkeiten des 23 Jahre alten Allgäuers. „Wenn er an einem Tor zu spät dran ist, reagiert er falsch“, sagte Berthold. Daran müsse man arbeiten, „gewisse Bewegungsmuster ändern“. Zwischen den Toren vor allem, aber vielleicht doch auch ein bisschen im Kopf.

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