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Arnd Peiffer im Gespräch : „Man kann sich gegen die Vorbildrolle gar nicht wehren“

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Weltmeister Arnd Peiffer: „Mir fällt eine Sportart nicht einfach so zu” Bild: AFP

Arnd Peiffer ist 23 Jahre alt und wurde zuletzt in Chanty-Mansijsk Biathlon-Weltmeister. Viele sehen in dem Niedersachsen die neue deutsche Nummer eins. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Talent, Magdalena Neuner und Verantwortung.

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          Sie sind in Chanty-Mansijsk Sprint-Weltmeister geworden. Wundern Sie sich, dass sich darüber niemand gewundert hat?

          Der Sprint ist mein Lieblingsrennen, und ich habe mit insgesamt drei Weltcup-Siegen schon gezeigt, dass mit mir zu rechnen ist. Deswegen bin ich sicher kein Überraschungsweltmeister.

          Wenn wir den missratenen Olympia-Auftritt 2010 außen vor lassen, sind Sie jede Saison eine Stufe höher geklettert. Wie geht das?

          Ich versuche ständig, etwas zu verbessern, aber peu à peu. Wenn man zu viel auf einmal anpackt und es nicht funktioniert, weiß man am Ende nämlich nicht, an welchem Puzzleteil es gelegen hat. Im einen Jahr verändere ich mein Gewehrsystem, im anderen den Schaft. Aber nie mit der Brechstange.

          „Als Nummer eins oder Teamleader fühle ich mich nicht”

          Arnd Peiffer, sagen viele, ist nicht das Supertalent, aber er hat einen starken Kopf. Trifft diese Einschätzung zu?

          Ein gewisses Talent habe ich schon, aber ich muss mir vieles hart erarbeiten. Mir fällt etwas nicht einfach so zu. Aber wenn man einmal gelernt hat, dass es sich lohnt dranzubleiben, fängt es an, Spaß zu machen. Zumal sich das auch auf andere Lebensbereiche übertragen lässt.

          Sie haben, an den Saisonerfolgen gemessen, Michael Greis als Nummer eins im Team abgelöst. Fühlen Sie sich auch so?

          Der Michi und ich sind derzeit sicher die stärksten im Team, aber als Nummer eins oder Teamleader fühle ich mich nicht. Er wird an seinen drei Goldmedaillen von Turin gemessen. Das ist seine Hypothek. Es ist gut, dass wir ihn haben, auch für meine persönliche Entwicklung. Der Michi fängt den größten Teil des Drucks ab. Und während er von den Medien einiges abkriegt, kann ich mich in Ruhe weiterentwickeln. Das kann er sich aber nicht aussuchen.

          Der WM-Titel eröffnet doch auch Ihnen gute Vermarktungschancen, oder?

          Damit beschäftige ich mich nicht so. Aber klar, große Erfolge öffnen Türen. Andererseits pflege ich sehr langfristige Partnerschaften. Deshalb werde ich jetzt nicht voll auf die Sahne hauen.

          Brauchen Sie einen Manager?

          Ich glaube nicht. Verträge mache ich selber. Bei Lena Neuner wäre das sicher nicht möglich. Die hat in der Medienlandschaft einen ganz anderen Stellenwert. Die kennen bestimmt 93 Prozent der Deutschen, bei mir sind es vielleicht zehn Prozent.

          Was hat Neuner noch, was Sie nicht haben - außer ein paar Titeln mehr?

          Sie hat als ganz junges Mädchen enormen Erfolg gehabt, war natürlich, sehr bodenständig, immer ein Lächeln im Gesicht. Und was die Leute fasziniert hat: Sie hatte anfangs auch eine Schwäche - Schießen. Durch ihre unheimliche Stärke - Laufen - ist es zwar meist zum Happy-end gekommen, aber es blieben auch mal fünf Scheiben stehen. Diese emotionalen Wechselbäder haben die Leute fasziniert. Es gibt viele deutsche Erfolge im Biathlon, aber nichts, was sich mit Lena vergleichen lässt.

          Magdalena Neuner sagt über Sie: Der Arnd kann sich so toll ausdrücken. Was bewundert „der Arnd“ an „der Lena“?

          Ihre Herangehensweise an Olympia 2010. Vor Vancouver war sie ganz offensiv und hat gesagt: Ich will hier Gold. Das war genial, weil sie den Medien in punkto Erwartungsdruck den Wind aus den Segeln genommen hat. Jetzt vor der WM war es ähnlich. Und dort war sie auch im Schießen stark. Das ist ihr bestimmt nicht zugefallen, sondern war hart erarbeitet. Das finde ich bewundernswert.

          Nicht nur Politiker sonnen sich gerne im Glanz der Medaillen und erheben die Sportler zu Vorbildern. Wollen Sie denn eines sein?

          Man darf sich die Erwartungen nicht von außen diktieren lassen, sondern muss eigenen Maßstäben gerecht werden. Doch man wird zwangsläufig zum Vorbild. Dagegen kann man sich gar nicht wehren. Ich habe die Autobiographie des früheren Handball-Nationalspielers Stefan Kretzschmar gelesen; wie man weiß ein sehr extrovertierter, schillernder Typ. Der wollte nie ein Vorbild sein. Erst nachdem er Vater geworden ist, hat er begriffen, dass er eine Vorbildrolle hat und dafür auch Verantwortung übernehmen muss. Man muss sich stets vergegenwärtigen, dass einem Kinder zuschauen.

          Es gibt derzeit ganz andere Dinge, die die Welt bewegen. Wie berühren Sie die Ereignisse in Japan?

          Wenn eine Diskussion wie die über zu Guttenberg vier Wochen lang geführt wird, dann sage ich irgendwann: Jetzt ist aber genug. Wenn so etwas wie in Japan passiert, weiß man, was wirklich wichtig ist. Wir haben Kollegen aus Japan. Eine von ihnen hat ihre Eltern verloren. Dann ist man plötzlich ganz nahe dran. Ich lese alles, sehe die Bilder, aber wirklich begreifen, was das für die Menschen dort bedeutet, kann man nicht. Wohin die Reaktorkatastrophe führt, ist überhaupt noch nicht abzusehen. Ich glaube im Übrigen nicht, dass es weiterführt, wenn jetzt noch ein Schauspieler, Sportler oder sonst ein Promi Stellung in der Kernenergiediskussion bezieht.

          Würden Sie sich in irgendeiner Form politisch engagieren? Oder verträgt sich das nicht mit dem Image als Spitzensportler, weil man sich sonst angreifbar macht?

          Auf jeden Fall müsste man dann ein wesentlich dickeres Fell haben. Da geht es härter zu Sache als im Sport. Ich persönlich könnte mir ein sozialpolitisches Engagement vorstellen - aber im lokalen Rahmen. Auf dieser Ebene kann man als prominenter Sportler relativ viel bewirken. Wenn jeder versucht, in seiner Heimat ein bisschen was zu erreichen, dann wäre schon viel gewonnen.

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