https://www.faz.net/-gtl-6xlc7

Armin Zöggeler : Der Methusalem wackelt nicht

  • -Aktualisiert am

Trägt sich mit Rücktrittsgedanken: der 38 Jahre alte Armin Zöggeler Bild: dpa

Armin Zöggeler fährt seit 20 Jahren erfolgreich Schlitten - jetzt fehlt ihm Speed. Das hatte sich schon angedeutet. Dennoch will er bei der WM in Altenberg die Deutschen nochmal ärgern.

          3 Min.

          Man muss an der Kurve elf stehen und genau hinschauen, für ein paar Momente. Da kommt er vorbeigeschossen. „Wie auf Schienen.“ Thomas Schwab schwärmt. „Da gibt’s keinen Wackler“, sagt der Generaldirektor des Deutschen Bob- und Schlittenverbandes (BSD) für Deutschland. Schwab war selbst Rennrodler, als Bundestrainer Chef der Besten, auch von Deutschlands Schlitten-Meister Georg Hackl.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Am Donnerstag sah Schwab seinen Olympiasieger, seine Weltmeister, seine Weltcup-Sieger beim Abschlusstraining für die Weltmeisterschaft an diesem Wochenende in Altenberg an sich vorbei sausen. Die Deutschen sind - mit Silber im Doppel (Eggert/Benecken) am Freitag - auf Kurs. Glänzende Augen bekam Schwab aber nur beim schärfsten Rivalen des BSD in den vergangenen 15 Jahren.

          „Niemand“, sagt Schwab, „fährt die Elf so wie Armin.“ Armin Zöggeler ist etwas verlegen: „Das ist schon eine Ehre, wenn die Deutschen das sagen.“ Er räuspert sich. „Wenn ich das deutsche Trio sprengen könnte, das wäre ein riesiger Erfolg.“ Angesichts seiner Vita aber wäre eine weitere Edelmetall-Dekoration wohl keinen größeren Eintrag ins Geschichtsbuch wert.

          Zöggeler ist unter anderem zweimaliger Olympiasieger, er hat sechs Mal die Welttitelkämpfe für sich entschieden und zehn Mal den Gesamt-Weltcup gewonnen, seit 2004 ohne Unterbrechung. In dieser Saison aber läuft es nicht so gut. Das hatte sich schon angedeutet. Zöggeler, 38 Jahre alt, reist seit 20 Jahren mit dem Weltcup um den halben Globus. Er bildet zusammen mit dem 41 Jahre alten Russen Albert Demtschenko die Methusalemfraktion des Eiskanals.

          „Ich habe im Moment nicht den Speed“

          In der Hotellobby steht, kerzengerade, ein mittelgroßer Mann mit kurzen schwarzen Haaren im blauen Freizeitdress der italienischen Nationalmannschaft. Trotz der lässig-weiten Kleidung zeichnet sich ein durchtrainierter Körper ab. Die breiten Schultern sind auffällig, die muskulösen Unterarme. Zöggeler ist ein Kraftpaket. Aber die Explosivität hat nachgelassen, peu á peu.

          Oben, beim Start, wenn sich die Rennrodler mit mächtigem Zug an den Bügeln in die Bahn katapultieren und mit drei, vier „Paddelschlägen“ weiter beschleunigen, bleibt Zöggeler zurück, entscheidende Augenblicke. „Ich habe im Moment nicht den Speed der jungen Kollegen und zudem büßen die Deutschen in der Bahn nichts mehr an Zeit ein.“ Die spannenden, virtuellen Überholmanöver vorbei an den vor Kraft strotzenden Jungspunden scheinen Geschichte.

          Wie auf Schienen: Seit 20 Jahren fährt er erfolgreich Schlitten

          Zöggeler, der Weltmeister von 2011, der Chefpilot des vergangenen Jahres, ist in dieser Saison „nur“ zweimal auf das Podest gefahren, aber als einziger Ausländer hinein in die Phalanx der Deutschen. Ließe man die Rennrodler ohne Anschub in die Bahn rutschen, Zöggeler stünde wohl auch 2012 ganz vorne. „Der Start“, sagt er ohne einen Anflug von Bedauern, „gehört aber nun mal dazu.“

          Zöggeler lamentiert nicht. Er passt sich an, wenn es keinen Ausweg gibt, schnell, unaufgeregt. Vor zwei Jahren bei den Olympischen Spielen in Whistler galt er als Favorit für die Goldmedaille. Bis am Tag der Eröffnung der Georgier Nodar Kumaritashvili beim letzten Training tödlich verunglückte und die Herren aus Sicherheitsgründen nur vom flachen Damenstart aus ins Rennen gehen durften.

          „Ich versuche, Streit zu vermeiden“

          Gegen die Blitzstarter aus Deutschland Felix Loch und David Möller hatte Zöggeler, noch dazu auf einer verkürzten Bahn, keine Chance. „Die Verlegung des Starts war vollkommen richtig“, sagt er heute wie damals, „ich habe mich auch über Bronze gefreut.“ Diese Haltung haben sie ihm im Rodelzirkus hoch angerechnet. Zöggeler, der Carabiniere und Haflinger-Züchter aus Lana-Völlan, hat sich offensichtlich nicht nur in der Bahn bei Tempo 140 im Griff.

          Von Streitigkeiten mit einem Mann, der seine Gegner über eine Dekade dominiert hat, der ihnen alles wegschnappte, ist nichts bekannt. „Ich versuche, Streit zu vermeiden, das stimmt. Manchmal aber haben auch bei mir die Falschen etwas zu spüren bekommen. Als Spitzensportler muss man etwas Egoismus haben, eine gewisse Zielstrebigkeit.“

          Daten zur Rennrodel-WM in Altenberg

          Nicht mal eine Rodelbahn hatte er im eigenen Land bis zu den Winterspielen 2006 zur Verfügung, geschweige denn vier Leistungszentren sowie eine entsprechend beflügelnde Konkurrenzdichte wie in Deutschland. Die Olympiaröhre von Cesana ist schon wieder geschlossen worden. Italienischer Meister wurde Zöggeler auf Deutschlands erster Kunsteisbahn am Königssee, trainiert wird, wenn es die Konkurrenz erlaubt, in Innsbruck. „Ich wundere mich schon manchmal, dass ich doch so weit gekommen bin.“

          Die Deutschen nicht. Einst ist ihnen am Königssee ein Licht aufgegangen, als Zöggeler durch die Bahn sauste und die Schweinwerfer ausfielen: „Ich habe nur noch die Umrisse der Kurvenein- und ausfahrten gesehen.“ Im Blindflug durch das letzte Drittel der Bahn reichte es trotzdem zu einer Weltklassezeit. Und so sinnierte der BSD-Mann Schwab in Altenberg über die Andeutungen Zöggelers, an einen Rücktritt zu denken: „Es würde was fehlen, ganz klar.“ Zeitlose Eleganz.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erledigen Sie die Spieler des gegnerischen Teams: Szene aus dem Handyspiel Call of Duty Mobile

          Anschlag von Halle : Vom Ballerspiel zum Mordanschlag

          Stephan B. wollte seine Attacke in Halle aussehen lassen wie ein Videospiel. Eine Spurensuche in einer Welt, in der alles nur ein Witz sein kann – oder bitterer Ernst.
          Er wirkt altmodisch, aber alles hört auf sein Kommando: Trainer Dieter Hecking beim HSV

          HSV-Trainer Hecking : Alles hört auf sein Kommando

          Er wirkt etwas altmodisch, aber Trainer Hecking tut dem sonst so aufgeregten Hamburger SV dank seiner natürlichen Autorität gut – das imponiert auch seinen Vorgesetzten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.