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Andreas Birnbacher : Eine Karriere wider den Trend

Kein Mitläufer, sondern ein Platzhirsch: Andreas Birnbacher läuft ins Rampenlicht Bild: AFP

Sieg im Massenstart, Platz zwei mit der Staffel: Das Biathlon-Wochenende in Antholz gehört Andreas Birnbacher. Inzwischen flößt das einstige „Sensibelchen“ der Konkurrenz Respekt ein - und ist ein WM-Favorit.

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          Es war ein stimmungsvolles Finale am Sonntag vor 20.000 Zuschauern in der Antholzer Südtirol-Arena. Die deutsche Biathlon-Königin Magdalena Neuner nahm mit Platz drei hinter der Weißrussin Daria Domratschewa und Anastasia Kuzmina aus der Slowakei Abschied von der Geburtstätte ihrer Karriere, und die deutsche Männer-Staffel landete in der Besetzung Michael Rösch, Andreas Birnbacher, Florian Graf und Arnd Peiffer sogar auf Rang zwei, zwölf Sekunden hinter Frankreich.

          Hätte sich Sprint-Weltmeister Peiffer nicht im finalen Duell mit dem Franzosen Martin Fourcade eine Strafrunde eingehandelt, wäre sogar der Sieg möglich gewesen. Platz zwei ist dennoch das beste Saisonresultat einer deutschen Staffel.

          Besonderen Anteil daran hatte ein Mann, dessen Name in Antholz zum ersten Mal wahre Jubelstürme auslöste: Andreas Birnbacher. Er hatte das deutsche Quartett sogar in Führung gebracht. Aus dem „Sensibelchen von früher“, sagt Cheftrainer Uwe Müssiggang, ist ein Siegertyp geworden.

          Ein Favorit gar für die Heim-WM in fünf Wochen in Ruhpolding. Einer, der der Konkurrenz mittlerweile Respekt einflößt. Kein Mitläufer mehr, sondern durchaus schon ein Platzhirsch, inklusive geballter Faust, wenn er sich durchsetzt. Das tut er immer öfter.

          Der Birnbacher packt es nie ganz nach oben

          Besonders eindrucksvoll am Samstag, als er im Massenstart den Russen Anton Schipulin und Gesamt-Weltcup-Spitzenreiter Martin Fourcade im Spurt niederkämpfte. Es war Birnbachers dritter Saisonsieg - mehr hat keiner. Und das in einer Zeit, in der die Jugend dominiert. Es ist eine Karriere wider den Trend, dank der späten Reife - mit dreißig Jahren.

          Viele hatten doch gedacht: Der Birnbacher packt es nie ganz nach oben. Der Schlechinger ist seit 2002 im Weltcup-Geschäft, er hat ab und zu sogar am Geruch des Sieges schnuppern dürfen. Aber immer fehlte etwas. Mal ein paar Zehntelsekunden, mal ein Treffer.

          „Ich kann gewinnen“: Diese Erkenntnis macht Birnbacher auch für die WM zu einem Favoriten

          2007, als der Bayer bei der WM in Antholz Zweiter im Massenstart wurde, glaubte man noch an den Durchbruch. Aber von Krankheiten und Verletzungen abgesehen: Selbst ein gesunder Birnbacher war nie in der Lage, das Gesamtpaket Biathlon im Wettkampf abzuliefern.

          Läuferische Klasse hatte er schon immer, aber man hatte oft das Gefühl, dass der Kopf nicht richtig eingeschaltet war. Flüchtigkeitsfehler am Schießstand, unerklärliche taktische Mängel wie bei der Olympiastaffel 2010, als er an der Spitze sinnlos seine Kräfte vergeudete - das ewige Talent, das nie erwachsen wird.

          „Er hat einfach alles richtig gemacht“

          Dieser Birnbacher ist Vergangenheit. Was Cheftrainer Müssiggang vor allem imponiert, ist die (taktische) Reife. Siehe Verfolgung in Hochfilzen, siehe Massenstart in Oberhof, siehe vor allem Antholz. „Er hat einfach alles richtig gemacht.“ Es war keines dieser kopflosen Rennen, wie sie der frühe Birnbacher oft genug abgeliefert hatte. Am Schießstand war er die Ruhe selbst, hielt seinen Rhythmus konsequent durch, und er war hellwach, als er beim letzten Schießen seine Chance erkannte.

          In der Schlussrunde zeigte er Fourcade und Schipulin mit einem kurzen Antritt mal eben, wen sie da vor sich haben, nahm dann wieder Tempo raus und setzte dann alles daran, im Schlussbogen vor der Zielgeraden die Innenbahn zu bekommen. Jeder Kniff aus dem neuen taktischen Repertoire saß. Sein Meisterstück. Der Kopfarbeiter Birnbacher weiß offenbar genau, was er tut. „Ich habe halt aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt“, sagt er lapidar.

          Beim Weltcup-Wochenende in Antholz zeigte der Deutsche seine ganze Klasse

          Viel entscheidender ist, dass er etwas anderes gelernt hat: „Dass ich gewinnen kann.“ Das weiß er erst seit dem vergangenem März, als ihm beim Weltcup-Finale in Oslo nach zehn Jahren vergeblicher Mühe endlich sein erster Weltcup-Sieg gelang. „Mein Aha-Erlebnis“, nennt es Birnbacher. Gespürt, dass er dran ist an der Weltelite, hatte er schon vorher bei der WM in Chanty Mansijsk.

          Aber die Bestätigung, dass er die da oben auch schlagen könne, war entscheidend. „Oslo hat mir viel Selbstvertrauen gegeben, das ich ins Sommertraining mit genommen habe“, sagt Birnbacher. „In Oslo ist der Knoten aufgegangen“, sagt auch Müssiggang, und meint in erster Linie den im Kopf. Wobei Birnbacher seit letztem Jahr in der Hinsicht auch auf die Hilfe des Mentaltrainers Thomas Baschab setzt.

          „Ja, ich gehöre jetzt zu den Favoriten bei der WM“

          Das sind die psychologischen Bausteine. Aber es gibt auch einen physiologischen. Denn läuferisch ist Birnbacher besser denn je. Das liegt an kleinen Veränderungen im Training. Und an der Beharrlichkeit der Männertrainer Mark Kirchner und Fritz Fischer. „Die haben einen älteren Athleten wie mich, der schon auf ein gewisses Training eingeschossen ist, davon überzeugt, mal was anderes zu machen“, sagt Birnbacher.

          Schnellere Einheiten im Wettkampftempo oder sogar darüber, um im Finale auch noch Gas geben zu können - „das hat mir sehr gut getan“. Es tut der ganzen Mannschaft gut, wenn einer, der ein Jahrzehnt lang leer ausgegangen ist, jetzt auf einmal voller Überzeugung sagen kann: „Ja, ich gehöre jetzt zu den Favoriten bei der WM.“ Da hat sich einer doch noch gefunden.

          Am Samstag sicherte sich Birnbacher den Erfolg im Massenstart-Rennen

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