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Andrea Henkel : Die letzte Mohikanerin

Säule aus Thüringen: Andrea Henkel, die übrig gebliebene Lokalmatadorin Bild: dpa

Andrea Henkel trägt bei der Biathlon-Staffel in Oberhof eine besondere Verantwortung. Sie ist die letzte große Biathletin aus der traditionsreichen Oberhofer Kaderschmiede. Anders als etwa Kati Wilhelm hat sie auch mit 33 vom Leben aus dem Koffer nicht genug.

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          Der Schnee türmt sich meterhoch oben am Grenzadler, und die unvermeidlichen Nebelschwaden ziehen durch das Biathlon-Stadion. Noch ist Oberhof in diesen Tagen, da der Weltcup im Thüringer Wald Station macht, ein Märchen in Weiß, auch wenn von Westen die gefürchtete Warmfront heranrückt. Für Andrea Henkel ist das Wetter natürlich auch ein Thema. „Ich habe da einen speziellen Nass-Ski von meiner Schwester“, sagt sie. Sie sei jedenfalls auch für Regen gerüstet. Das weitläufige Areal mit den 30 Schießbahnen, mit dem berüchtigten Birx-Steig und dem Frankfurter Kreuz - das ist ihr Terrain. Hier kennt die erfahrenste deutsche Biathletin jeden Zentimeter. Hier weiß sie besser als jeder andere, wo man Kräfte sparen, wo man attackieren muss, hier kennt sie die häufig wechselnden Wind- und Sichtverhältnisse. Kein Wunder, von ihrer Oberhofer Wohnung sind es gerade mal zehn Minuten zu Fuß bis zum Stadion. Und nur einmal in den 13 Jahren ihrer Karriere musste sie bei ihrem Heimspiel zuschauen. „Da war ich krank.“ Das war so eine Art Höchststrafe für sie.

          Denn „Oberhof ist für eine Oberhoferin das absolute i-Tüpfelchen“, wie sie sagt. Zumal wenn man erfolgreich ist. 2009 hat sie hier den Sprint gewonnen, im vergangenen Jahr den Massenstart. Und natürlich hätte sie nichts gegen eine Fortsetzung ihrer Heimserie. Aber sie spürt die Verantwortung, die auf ihren schmalen Schultern liegt, stärker als in den Jahren zuvor. Sie ist nicht nur die einzige Thüringerin in der Staffel beim Spätstart (19.30 Uhr) an diesem Donnerstag. „Die übrig gebliebene Lokalmatadorin“, nennt sie Cheftrainer Uwe Müssiggang.

          Das Feuer brennt noch

          Andrea Henkel ist nach dem kollektiven Rücktritt von Kati Wilhelm, Simone Denkinger und Martina Beck sozusagen die letzte „Mohikanerin“ der Olympiastaffel von Vancouver, und sie ist - bei 1,58 Meter Körperlänge - auch die vorerst letzte große Biathletin aus der traditionsreichen Oberhofer Kaderschmiede. Zweimal Gold in Salt Lake 2002, sechs WM-Titel, 18 Weltcupsiege, der Gesamt-Weltcup 2007 - zuletzt in Vancouver Bronze mit der Staffel, da ist einiges zusammen- gekommen, seit sie 1998 in den Weltcup-Zirkus eingestiegen ist. Jetzt ist sie die Älteste und neben Magdalena Neuner die Säule im deutschen Team. Die Kolleginnen gehören mit Ausnahme von Sabrina Buchholz schon einer neuen Biathlon-Generation an - zehn Jahre jünger. Natürlich vermisst sie vor allem Martina Beck, mit der sie zehn Jahre lang auf Trainings- und Wettkampfreisen das Zimmer geteilt hat. Ein Problem ist das nicht. „Wir alle kennen uns doch schon seit längerer Zeit, und das Leben bringt es mit sich, dass sich manches ändert.“

          Andrea Henkel (links) beim Feiern mit ihrer Teamkollegin Sabrina Buchholz

          Nein, an Rücktritt hat sie nie gedacht. Auch wenn sie sich dafür manchmal fast entschuldigen musste. Mit 33 Jahren, behauptet sie, brennt das Feuer noch. Und die Flamme, versichert sie, reicht auch noch bis 2012. Dann steht Anfang März die Heim-WM in Ruhpolding auf dem Programm. „Vorher aufzuhören macht doch keinen Sinn.“ Zumal die „Lust, aus dem Koffer zu leben“, ungebrochen ist.

          Kein Wunder, wenn man mit seinem Lebensabschnittsgefährten zusammen durch die Welt reisen kann. Der Amerikaner Tim Burke stammt eben auch aus der großen Biathlon-Familie. Und man sieht sich nicht nur in der Wettkampfsaison. Andrea Henkel ist längst in einem Alter, in dem man ihr im Training individuelle Freiheiten lässt. Im Sommer und Herbst hat sie nicht ganz zufällig viel in den Vereinigten Staaten trainiert - mit den Männern.

          Bis zur WM ist noch reichlich Zeit

          Das war einerseits zwar schön, andererseits aber nicht gerade leistungsfördernd. „Die Amerikaner trainieren längere Einheiten, aber nicht so intensiv, aber weil es Männer waren, war es doch ein bisschen intensiver für mich“, sagt sie und gibt zu: „Ich habe mich da ein bisschen übernommen.“ Natürlich hat sie sich längst erholt, aber die Hoffnung, dass sich all die Mühe irgendwann doch auszahlen muss, hat sich bislang noch nicht erfüllt.

          Konstant ist Andrea Henkel, sie steht als beste Deutsche auf Position zehn im Gesamt-Weltcup. Aber ein sechster Platz als herausragendes Ergebnis entspricht sicher nicht ihren Erwartungen. „Läuferisch bin ich sehr zufrieden, aber ich habe ohne Rhythmus geschossen.“ An diesem Problem hat die früher so treffsichere Schützin zuletzt intensiv gearbeitet. „Ich denke, dass ich bald wieder besser und schneller treffe.“ Das muss sie auch. Sie selbst sagt ja ganz klar: „Wer bei der WM oben stehen will, der sollte vorher schon mal bewiesen haben, dass dieses Ziel auch realistisch ist.“ Nun ist bis zur Weltmeisterschaft in der ersten Märzhälfte in Chanty-Mansijsk noch reichlich Zeit, aber je länger man einem Erfolg hinterherläuft, desto stärker wird der Druck und desto größer wird die Gefahr, dass man verkrampft. Oberhof wäre ihr die liebste Gelegenheit, sich davon zu befreien.

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